MenuMENU

zurück zu Main Labor

11.04.2020, Jamal Tuschick

Keine Panik?

Eine persönliche Anmerkung zur Angst vor der Angst von Christina Striewski

In der Corona-Krise machen wir alle die Erfahrung, dass die Strukturen, die uns Sicherheit gegeben haben, auseinanderbrechen. Aber wenn man in den Medien – auch und gerade den sozialen – mal etwas über Angst liest, dann fast ausschließlich im negativen Sinn von Hysterie, Panik oder Manipulation durch Angst. Dabei würde ich behaupten, dass es eine völlig normale Reaktion auf eine Verunsicherung dieser Größenordnung wäre, die Hosen voll zu haben. Oder zumindest Bauchschmerzen! Trauen wir uns nicht, uns einzugestehen, dass wir Angst haben? Wollen wir nur nicht darüber sprechen, weil es uns peinlich ist, oder haben wir tatsächlich keine? Meine Behauptung wäre: o doch!

„Corona-Krise: Angst frisst Demokratie“ titelte Jakob Augstein vor drei Tagen im SPIEGEL und reihte sich damit ein in einen anschwellenden Chor von Stimmen, die davor warnen, im Namen von Gesundheit und Sicherheit unsere Grund- und Bürgerrechte außer Kraft zu setzen und die Wirtschaft zu gefährden. Doch das ist zu kurz gegriffen, verkennt die wahre Ursache. Nicht die Angst selbst ist das Problem, sondern dass wir sie nicht zulassen. Wir agieren sie aus, statt sie in den Blick zu nehmen. Das macht blind, hektisch, aktionistisch, subjektiv. Dabei bräuchten wir gerade jetzt mehr denn je Gelassenheit und einen objektiven Blick auf die Lage.

Sich der eigenen Angst zu stellen kann auf eine lebensverändernde Weise befreiend sein. Ich habe dies 2019 erfahren, als ich binnen weniger Monate meine Beziehung, meine Wohnung, meinen Job, einen engen Freund (Krebs) und meine geliebte Katze (überfahren) verlor. Dieses Jahr war furchtbar, maßlos, ungerecht – und sehr lehrreich. Der unfreiwillige Hardcore-Parcours hat mich gelehrt, mit existenzieller Ungewissheit und Schmerz umzugehen. Das kommt mir nun sehr zugute. Der Schlüssel zur inneren Gelassenheit aber war der Weg durch die Angst.

In der Corona-Krise machen wir alle die Erfahrung, dass die Strukturen, die uns Sicherheit gegeben haben, auseinanderbrechen. Aber wenn man in den Medien – auch und gerade den sozialen – mal etwas über Angst liest, dann fast ausschließlich im negativen Sinn von Hysterie, Panik oder Manipulation durch Angst. Dabei würde ich behaupten, dass es eine völlig normale Reaktion auf eine Verunsicherung dieser Größenordnung wäre, die Hosen voll zu haben. Oder zumindest Bauchschmerzen! Trauen wir uns nicht, uns einzugestehen, dass wir Angst haben? Wollen wir nur nicht darüber sprechen, weil es uns peinlich ist, oder haben wir tatsächlich keine? Meine Behauptung wäre: o doch! Aber wir sind so trainiert darin, dieses Gefühl zu verdrängen, dass wir es gar nicht merken. Wir haben Angst vor der Angst. Wir flüchten vor ihr. Die Kompensationsmechanismen sind zahlreich – von irrational über spirituell bis pragmatisch ist alles dabei. Die einen horten Klopapier, die anderen versuchen das Virus durch Massenmeditation zu vernichten (ja doch, das gibt’s!), die nächsten machen Klopapier-Witze, simulieren im Home Office krampfhaft Alltag, zoomen ihre Routinen und besuchen Online-Yoga-Kurse. Und alle halten sie sich an ihren Meinungen und Urteilen fest als hinge ihr Leben dran. Absolut menschlich. Wir sind alle Kontrollettis. Aber leider ist das nicht nur dumm – als hätte sich die Welt jemals nach unseren Wünschen gerichtet, als hätten wir jemals irgendetwas dauerhaft im Griff gehabt! –, sondern vergiftet auch das Miteinander. Die Angst vor der Angst schwächt, um es plakativ zu sagen, das gesellschaftliche Immunsystem.

Unser Kontrollzwang ist wohl der Preis, den wir dafür zahlen, dass wir uns mit einem evolutionären Sprung über das Tier erhoben haben. Unsere biologische Ausstattung passt nicht mehr zu unserer Lebensform. Das Stirnhirn macht den Mensch zum Menschen, zu einer Person, die kontrolliert, vernünftig und sozial handeln kann. Doch die präfrontale Cortex regiert nicht alleine – das limbische System kann sich auf seine Seniorität berufen. Angst ist quasi der psychische Blinddarm, ein Rudiment der Evolution. Für den Jäger und Sammler der Steinzeit war der Angstimpuls überlebensnotwendig. Er musste auf Veränderung blitzschnell mit Flucht oder Angriff reagieren können. Unser limbisches System funkt unverändert seine Warnsignale, aber in unserer komplexen Gesellschaft dürfen wir den Impuls nicht mehr unmittelbar ausleben. Und das ist unangenehm. Angst fühlt sich scheiße an. Angst, die nicht ausagiert werden darf, wird zu Angst vor der Angst. Man kann es dem Verstand nicht verübeln, dass er sich, solchermaßen bedrängt, zum Retter in der Not stilisiert. Die Angst übt Druck aus. Der Verstand ist es, der uns suggeriert, wir könnten, ja wir müssten etwas tun. Zu ihm flüchten wir uns. Auf der Basis vergangener Erfahrungen analysieren und sortieren wir alles, was von außen gemeldet wird, und berechnen daraus die Zukunft. Wir schmieden Pläne. Wir beruhigen uns mit schicken Autos, Klamotten oder Klopapier. Der Druck sinkt kurzfristig, doch der Preis ist hoch. Nicht nur verpassen wir vor lauter Kontrolle das Leben, sind ständig im Alarmzustand. Wer Angst vor der Angst hat, fühlt sich nur sicher, wenn alles nach Wunsch und Plan läuft. Wie grotesk diese Idee ist, hat die Krise mit einem Schlag bloßgelegt. Die Welt folgt ihren eigenen Gesetzen. Unser Verstand bestimmt noch nicht einmal, wann das Ei hart ist; er stellt nur die Eieruhr, geriert sich aber, als hätte er es selbst gelegt. Und das ist, gesellschaftlich betrachtet, das wirklich Fatale: von jedem Misthaufen gackert und kräht es, dass einem das Denken vergeht. Solange wir die Fähigkeit unseres Verstandes, zu abstrahieren und sich Meinungen, Urteile und Vorstellungen zu bilden, dazu missbrauchen, die Illusion von Sicherheit und Kontrolle aufrecht zu erhalten, agieren wir nicht im Sinne der Gemeinschaft, sondern egozentrisch wie kleine Kinder. Wir suchen nicht objektiv-abwägend nach der besten Lösung des Problems, sondern blind-aktionistisch nach Erlösung von seiner Zumutung. Was das mit der Gemeinschaft anstellt, kann man jederzeit in den sozialen Medien beobachten. Es herrscht Meinungskrieg – und das nicht erst seit Corona.

Was wäre die Alternative? Das einzig Sinnvolle, was man nach meiner persönlichen Erfahrung tatsächlich machen kann, wenn das Leben nicht so läuft, wie man es sich gewünscht hätte, ist, die Angst ganz bewusst zuzulassen. Sie zu spüren und sie auszuhalten, ohne etwas zu tun – so schwer das auch zunächst fällt. Nicht unterdrücken, nicht ausagieren! Einfach (einfach, haha) nur entspannen und beobachten. Das ist erst mal sehr ungewohnt und unangenehm. Da kommt alles Mögliche hoch aus den Untiefen der Seele, Hilflosigkeit, Wut, Überforderung, Trauer, Einsamkeit. Aber wir haben wie Wahl! Statt davor zurückzuzucken oder panisch nach einem sofortigen Ausweg zu suchen, kann man den Verstand dazu verwenden zu sagen: fein, du kannst an der äußeren Situation erst mal eh nichts ändern, also kannst du dich genauso gut entspannen und loslassen. Enjoy the show! Das befreit zuverlässig vom unmittelbaren Zwang zur Meinungsbildung, von Aktionismus und persönlichem Unglück und hätte das Potential, die Welt zu einem viel friedlicheren und vernünftigeren Ort zu machen. Die Angst, die wahrgenommen werden darf, verliert ihre Macht über uns. Nichts von all dem, was passiert, ist persönlich gemeint. Mit dieser Erkenntnis stellt sich Ruhe ein, Mitgefühl wird möglich. Aber ich fürchte, es geht zu sehr gegen unsere Tiernatur, als dass die Mehrheit das kapieren könnte. Es ist halt einfacher, sich einen Schuldigen zu suchen und Klopapier zu kaufen. Und wer will den ersten Stein werfen. Die zynische Logik des neoliberalen Individualismus hat Glück zur ultimativen Ware gemacht und uns Empowerment, Selbstwirksamkeit und Resilienz als Selbstverpflichtung verkauft. Jedem Hamster sein Hamsterrad! In der Krise ist nun jeder seines eigenen Unglücks Schmied.

Und selbst? Wie habe ich die Krise erfahren? Corona hat auch mich kalt erwischt und – nach einer Latenzphase, in der ich mich noch über Hamsterkäufe bei 50 bestätigten Covid-19 Fällen wunderte – erst mal ganz schön umgestülpt. Zwar hatte ich zu keinem Zeitpunkt Sorge um meine eigene Gesundheit oder die meiner Familie, aber mit einem Mal klaffte im Alltag eine Ungewissheit auf, die Dämonen weckte. Während mein Hirn noch gebannt auf Parabeln und Statistiken starrte, morste der Magen schon: The shit hit the fan! Es fühlte sich an, als wäre ich ans kollektive Gedärm angeschlossen. Was da krampfte, war nicht die Furcht, dass Klopapier und Nudeln ausgehen könnten; noch nicht einmal die Furcht vor Erkrankung, Tod oder finanziellem Ruin. Es war die existenzielle Angst, die Heidegger als völlig unbestimmt beschreibt: „Das Wovor der Angst ist das In-der-Welt-sein als solches.“ Wenn die gewohnte Welt in sich zusammen sinkt, macht das Dasein sich bemerkbar. Und genau das ist der Moment, in dem sich „das Freisein für die Freiheit“ offenbart. Anders gesagt: man merkt, dass man wählen kann. Man hat nicht die Wahl, ein anderes Leben zu leben. Die Krise ist real. Aber man hat die Wahl, das Leben, in das man geworfen wurde, zu leben. Man kann es annehmen mit all seinen Möglichkeiten und Herausforderungen, statt sich dagegen zu sperren oder davor zu flüchten. Das hat nichts Existenzialistisch-Heroisches. Es ist schlicht das Vernünftigste, was man tun kann.

Ich war froh, durch das letzte Jahr schon gut im Training zu stehen. Die ersten ein, zwei Wochen habe ich gar nicht erst versucht, auf Teufel komm raus produktiv zu sein, mich aber auch nicht groß abgelenkt. Ich habe stattdessen versucht, möglichst entspannt zu bleiben und zu beobachten, was da in mir vorgeht. Der erste Reflex war, mich mit Infos vollzupumpen, das Geschehen so gut wie irgend möglich zu erfassen und die erfasste Wahrheit – „Wahrheit“, Gänsefüßchen – sofort zu verkünden. Das ebbte nach nach ein paar Tagen ab und wich einer überraschenden inneren Ruhe. Jetzt bin ich völlig gelassen, obwohl ich in Rekordzeit meinen Brotjob los war und mal wieder durch alle Raster falle. Man kann es üben.