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11.04.2020, Jamal Tuschick

Was mit uns passiert. Ein Gespräch mit Alain Brossat

Das folgende Gespräch zwischen Cédric Cagnat und Alain Brossat wurde am 19. und 24. März 2020 auf der Webseite von Ici et Ailleurs. Association pour une philosophie nomade veröffentlicht. Alain Brossat (Plebs Invicta, August Verlag 2012) hat den Text in Taipei verfasst, wo er zur Zeit lehrt. Das Mainlabor bedankt sich für die freundliche Genehmigung, das Interview vom August Verlag Berlin zu übernehmen. 

„Ich ging dann vollends in die Stadt, die ich recht schön und fest befand; und voll guter Luft. Aber der Pförtner vor dem Tor wollten meinen Paß sehen. Betroffen fragte ich: „Wie, meine Herren, hat’s irgend hier wegen der Pest Gefahr?“ – „Ach Gnädigster!“ versetzten sie, „unweit von hier, da sterben Euch die Leute auf den Gassen dutzendweis‘.“ – „Ei, heiliger Gott!“ sprach ich, „und wo denn?“ – Darauf sagten sie mir, es wär in Laringen und Pharingen, zwei großen und reichen Handelsstädten, wie Rouen und Nantes. Der erste Ursprung der Pest wär ein fauler und giftiger Brodem gewesen, unlängst vom Abgrund aufgestiegen, am dem über 2 060 016 Menschen seit acht Tagen verblichen seien. Da überschlug, erwog und erkannt‘ ich, daß dies ein stinkender Atme aus dem Magen des Pantagruel gewesen war, als er den vielen Knoblauch aß, wie ich oben erzählt habe.“

– François Rabelais, Pantagruel, Buch 2, Kapitel XXXII

Das Unerträgliche (L’irrespirable). Was mit uns passiert, Teil 1

Cédric Cagnat: Kann das Ereignis Coronavirus, wenn es ein Ereignis ist, einer Reflexion stattgeben, die die illusorischen Litaneien über das plötzliche Bewusstsein der Regierungen für die Notwendigkeit des Wohlfahrtsstaats oder gar den bevorstehenden Tod des kapitalistischen Modells hinter sich ließe? Anders ausgedrückt, aus welcher philosophischen Perspektive kann man die Gesundheitskrise, mit der wir konfrontiert sind, denken?

Alain Brossat: Ich glaube, es besteht kein Zweifel, dass wie in dieser Situation von einem Ereignis sprechen können – insofern ein Ereignis nicht etwas Denkwürdiges ist, das eine Inschrift, eine Spur in der Kalenderzeit hinterlassen würde, sondern vielmehr etwas, das uns dazu zwingt, uns die Frage zu stellen: was geschieht gerade, was ereignet sich? In anderen Worten, es gibt ein Ereignis, wenn eine Unregelmäßigkeit oder eine Ausnahme auftritt, die uns aus unseren normalen, mehr oder weniger schlafwandlerischen, mehr oder weniger weit von der Realität entfernten Umständen reißt. In diesem Sinne ist das Ereignis zugleich dasjenige, was uns verunsichert und uns so zwingt, die Frage einer Neuorientierung mit einer neuen Dringlichkeit zu stellen; und es ist dasjenige, das uns mehr oder weniger brutal auf die Realität zurückwirft. In diesem Sinne erschüttert das Ereignis, es produziert einen Schock und ist somit nichts, dem wir einfach nur als Zuschauer beiwohnen können. Es zieht uns hinein und verändert uns, es bedrängt unsere Subjektivitäten – selbst wenn dieses Übel auch ein Gutes sein könnte.

Das ist genau das, was uns mit der derzeitigen epidemischen Krise passiert, die sich in mehrfacher Weise als Naturkatastrophe darstellt, die über uns hereinbricht – selbst wenn sich bei genauerem Hinsehen zeigt, dass dieser Eindruck einer Naturkatastrophe ein falscher Schein ist. Man könnte sogar sagen, dass diese Krise nicht nur den Vorteil hat, uns brutal auf unsere Realität zurückzuwerfen (ein bestimmter Zustand der Globalisierung, verstanden als Epoche), sondern dass sie eine Bresche schlägt, die es uns erlaubt, dasjenige zu erahnen, was normalerweise außerhalb unseres Zugriffs liegt und die unzugängliche versteckte Wahrheit dieser Wirklichkeit ist – die Wirklichkeit unser Endlichkeit.

Das „Ereignis Coronavirus“ lässt uns aus dem Schlaf hochschrecken und zwingt uns, uns aus dem Schlamm (dem Kleister) der miteinander verbundenen Realitätsverweigerungen zu ziehen – ich möchte sie hier nicht aufzählen, wir können später darauf zurückkommen. Wir erwachen schweißgebadet inmitten eines von Macron nicht ganz zu unrecht so bezeichneten „Kriegszustands“ (warum ist ihm das nur nicht früher aufgefallen, dem Idioten…[1]), und wir müssen uns dazu verhalten, das heißt uns in dieser stürmischen Gegenwart (Benjamin, immer und immer wieder) neu orientieren, umsatteln, radikal umschwenken. Wie kann und muss dies aussehen? – darüber sollten wir diskutieren.

Zudem denke ich, dass man auf das Modell (das gimmick) der „Bewusstwerdung“ vollkommen verzichten sollte: Die Regierenden „werden sich über nichts bewusst“, sie reagieren notfallartig und ohne Strategie auf ein desaströses Ereignis, das über sie hereinbricht und sie völlig überrumpelt und zwar aus dem einfachen Grund, dass all ihr „Kalkül“ die Möglichkeit einer solchen Katastrophe immer in einen toten Winkel verschoben hat. Hierfür gibt es alte und tiefliegende Gründe. In Ermangelung einer detaillierten Genealogie dieses Versagens sei hier notwendigerweise summarisch und lückenhaft nur Folgendes gesagt: in einer marktwirtschaftlichen Demokratie ist die einzige Gesundheit, die in den Augen der Regierenden wirklich zählt, die Gesundheit der Märkte im Gegensetz zu derjenigen der Bevölkerung. Diese Neuausrichtung der Regierung der Lebenden auf das Verhalten der (ihre Sorge um die) Märkte ist ein grundlegender Einschnitt in der zeitgenössischen Politik, die mehr oder weniger der Zerschlagung des Sozialstaats entspricht. Die Verwahrlosung der regierten Körper, deren Anzeichen sich in den letzten Jahren in Frankreich mit der Vernachlässigung der Vorstädte, dem Sparregime der öffentlichen Krankenhäuser, den Haushaltskürzungen aller öffentlichen und sozialen Leistungen vervielfacht haben – all das ist nicht notwendigerweise Teil eines abgestimmten Projekts, um mit jedweder positiven Dimension der Regierung der Lebenden aufzuräumen, eines aktiven Vergessens der positiven Aspekte des „Leben-Machens“. Vielmehr haben wir es hier ganz trivial mit einer Konsequenz der Tyrannei der neo-liberalen Rationalitäten zu tun, deren Ziel es ist, die absolute Priorität der „Wirtschaft“ durchzusetzen und diesem Regime das gesamte Programm der Durchsetzung des Lebenden unterzuordnen, das im Herzen der Biomacht steht – der modernen Macht also, wenn man Foucault hier folgt.

Es ist eine Frage der Rationalitäten, darauf möchte ich insistieren. Das hat man klar gesehen, als sich die Prämissen der Epidemie in Europa angekündigt haben. Die erste Reaktion der Deppen, die uns regieren, war es keineswegs, die Bevölkerungen zu schützen und in Kenntnis zu setzen, obgleich sie doch über das Ausmaß der Epidemie zunächst in China und dann in anderen Teilen Asiens im Bilde waren – vielmehr war ihre erste Reaktion, die Märkte zu schützen. Die einfache, idiotische Idee war, dass man die Leute nicht alarmieren dürfte, da dies der Wirtschaft hätte schaden können, dass man die Warenzirkulation nicht stören und den Handel nicht behindern dürfte – und um dies zu tun, musste systematisch unter den Augen der Öffentlichkeit der Ernst der Gefahren, die sich ankündigten, herunter gespielt werden… In diesem Fall hat sich das kurzsichtige Kalkül der Regierenden mit der schlafwandlerischen Sorglosigkeit jener Leute verbunden, die überzeugt waren, dass eine solche Plage nur „die Anderen“ träfe, von Wuhan bis Kinshasa. Das gilt besonders für unsere planetarische Mittelklasse, die alles (vom djihadistischen Anschlag auf das Bataclan bis zu COVID 19) aus dem Blickwinkel der Caféterrasse sieht, dreifach eingeschlossen in ihrem immunitären Narzissmus. – Im Zeichen dieser schicksalhaften Begegnung des kurzsichtigen Kalküls der einen (der Regierenden) und der absoluten Leichtigkeit und Selbstgefälligkeit der Anderen konnte diese ungeheure Vogelstraußpolitik gedeihen, deren Resultate man heute sieht.

Das Schlimmste an diesem kurzsichtigen Kalkül der Einen und Anderen ist ein widerlicher Hintergedanke, der sich in den Reptilien-Hirnen der Einen und Anderen eingenistet hat: Selbst wenn diese etwas schwerere Grippe Schaden anrichten wird, so werden es die Alten sein, die das Tribut bezahlen müssen – und wir, die wir jung und fit sind, brauchen uns also nicht über die Maßen zu beunruhigen… Die sozialen Netzwerke haben zumindest hierfür gedient: In völliger Missachtung des Nutzens jener plumpen Masken (die den Lippenstift verdecken, was für ein Horror) hat diese verrückte Jugend immerhin das eine Detail mitgenommen, das ihr wichtig ist: Erst ab 65 Jahren besteht ein ernsthaftes Risiko zu sterben. Auf diesem Gefälle des immunitären Ganzen, das heutzutage die demokratische Höflichkeit ersetzt, exponiert der heilige Egoismus dieser „Jungendbewegung“ [jeunisme] seine widerstandsfähige Qualität – angesichts der Epidemie.

Der schlafwandlerische Narzissmus ist genau das: Für mich ist dasjenige wichtig, das mich einem Risiko aussetzt. Ganz unwichtig ist mir die Tatsache, dass ich selbst zum Vektor der Ansteckung werden kann, und damit zum Agenten des Desasters. Die Epidemie ist ein unerbittlicher Ausdruck des gegenwärtigen Zustands dieser demokratischen Zivilisation.

C.C.: In einem Artikel, der am 26. Februar in der Tageszeitung Il Manifesto erschienen ist, schreibt Giorgio Agamben: „Jetzt, wo der Terrorismus als Grund für die Ausnahmenregeln ausgedient hat, scheint es, als könnte die Erfindung einer Epidemie den idealen Vorwand liefern, um diese Maßnahmen ins Grenzenlose auszuweiten.“[2] Agamben suggeriert, dass hier eine bestimmte gouvernementale Rationalität am Werke ist, wie Sie das ja auch tun, aber es ist offensichtlich, dass die Arten, diese Rationalität zu verstehen, nicht weiter voneinander entfernt sein könnten. Was denken Sie über diesen Vorschlag des italienischen Philosophen?

A.B.: Agamben spricht in seinem Text von der „Erfindung einer Epidemie“, und dies zu einem Zeitpunkt, zu dem diese Epidemie in Wuhan und der Provinz Hubei, hunderte wenn nicht sogar tausende Tote gefordert hat… Wenn ein bekannter Philosoph sich plötzlich zum Esel und zur öffentlichen Gefahr macht, indem er solch abwegiges Zeug veröffentlicht, scheint es mir die Aufgabe anderer Philosophen zu sein, darauf hinzuweisen und zu sagen, dass in diesem Artikel weitaus mehr gesagt wird als nötig wäre, um diesem Schlafwandler zu verbieten, sich in den nächsten 50 Jahren noch einmal über die öffentlichen Angelegenheiten zu äußern und ihn endgültig in die etymologischen Kleinkrämereien zu verweisen, die seine neuere Produktion kennzeichnen. Das Schlimmste ist natürlich, dass dieser Artikel, der in die verschiedensten Sprachen übersetzt wurde, sich wie ein Virus auf dem Planeten verteilt hat und in Frankreich beispielsweise die ultra-linke Gefolgschaft dieses Erleuchteten inspiriert hat, die auf Lundimatin und woanders ihre Fingerübungen mit demselben Motiv der imaginären Epidemie durchgeführt hat: die Epidemie als Vorwand für den Staat, um den Ausnahmenzustand wieder auszurufen… dies allerdings, bevor diese Leute die Rückkehr des Realen in die Fresse bekommen haben und, nachdem sie die Agamben’sche Seite heimlich wieder zerrissen haben, wieder zu deren Foucaldianischen Grundlagen zurückgekehrt sind… Ultra-links, vielleicht, aber vor allem Journalisten, Experten der Umkehrungen und Verdrehungen – „Verwische Deine Spuren!“ hat Brecht gesagt.

Der Artikel von Agamben zeugt wirklich von der Arroganz des Philosophen, der alles weiß, der alles entscheidet, der seinen politischen Gewissheiten erlegen ist, in seinen konzeptuellen Konstruktionen gefangen, unfähig, sich von seinen Überzeugungen zu lösen, um der Neuartigkeit eines Ereignisses gegenüber zu treten, das nicht seinen Vorstellungen entspricht… Ich sage Neuartigkeit, aber das stimmt natürlich nicht, denn es gibt in unserer jüngeren Geschichte verschiedenste Warnungen, die in Europa und dem globalen Norden nicht ernst genommen wurden – die SARS-Epidemie 2003, die Schweinegrippe (H1N1) 2009. Ich war 2009 in Taiwan und habe die Schweinegrippe aus der Nähe gesehen und bin zu dem Schluss gekommen, dass sie eine bedrohliche Zukunft hat, auch für uns in Europa, eine globale Zukunft. Ich habe das geschrieben und wurde dafür nur mitleidig angesehen – so sehr waren sich alle einig, dass die Vogelgrippe nichts als eine Verschwörung war, mit dem Ziel, die großen Pharmaunternehmen zu bereichern, so wollte es der gesunde Menschenverstand zu der Zeit als Madame Bachelot Gesundheitsministerin war.

Am traurigsten ist bei all dem die intellektuelle Starre angesichts der extremen Spezifizität eines Phänomens wie der Epidemie – und besonders, das kommt verschärfend hinzu, bei jenen Leuten, die mit Foucaults Schriften zur Biopolitik groß geworden sind. Der gesamte launige Text von Agamben beruht auf dieser Idee: die lokalen Autoritäten verordnen unverhältnismäßige Maßnahmen, um angeblich eine kleine Mini-Ansteckung zu bekämpfen, die in einem einzigen Kanton vorkommt – das muss bedeuten, dass sie eine (böse) Idee im Hinterkopf haben… und dazu eine Prise Ausnahmenzustand, auf die Art des Toinette, bei Molière – „Alles die Lunge, sage ich; alles die Lunge.“[3]

Man muss jedoch absolut unfähig sein, um nicht zu verstehen, dass ein epidemisches Phänomen kein statisches Objekt ist, sondern dass die erste seiner Eigenschaften im Gegenteil darin besteht, dass es in dem Moment, in dem man es in t „sieht“, schon längst bei t‘ angekommen ist, etc. Epidemien sind dynamische, veränderbare, ständig variierende bzw. mutierende Geschehen. Das ist der Grund, warum diejenigen, die versuchen sich zu beruhigen, indem sie sie auf bekannte Parameter reduzieren (in der Art: viel Lärm um eine einfache Grippe) Idioten sind. Und die Agambensche Blindheit, die sich selbst am Anfang der Pandemie epidemisch verbreitet hat, ist umso unverzeihlicher als man doch die Entwicklung in China vor Augen hatte.

Das zeigt eine ganz einfache Sache: wenn sie so sehr überzeugt waren, dass das chinesische Szenario sich nicht in unseren westlichen und temperierten Breitengraden wiederholen könnte, dann nur, weil sie völlig durchseucht waren von der immunitären Überheblichkeit, von der Gewissheit, die vor jeder Überlegung liegt, laut derer „diese Dinge“ bei uns nicht passieren, diese mehr oder weniger naturkatastrophenförmigen Ereignisse, die regelmäßig andere Völker, andere Länder, andere menschliche Welten an anderen Orten des Planeten heimsuchen und von denen wir wie durch eine unsichtbare Hand verschont bleiben – die unsichtbare Hand unserer intrinsisch immunitären Verfassung.

Dieses immunitäre Schlafwandlertum teilen jene starken Geister, die nicht an die Epidemie „geglaubt haben“ mit den Klimaskeptikern, die nicht an die Erderwärmung und die in Ausschicht gestellten Katastrophen glauben, mit Trump und seiner Rede von den „shithole countries“, die solchem Unheil ausgesetzt sind. All das, sei es in seiner Trump’schen oder Agamben’schen Version, ist politische Theologie für die Notleidenden – die Epidemie als imaginäre „Erfindung“ oder Bedrohung, als künstlich hergestellte Panik und nicht als unterbrechendes Ereignis, und dies nur aus dem einfachen Grund, dass die gute immunitäre Vorsehung über unsere Gesundheit in den Gegenden des globalen Nordens wacht.

C.C.: Sie sprechen, ein wenig rätselhaft, von einer „versteckten Wahrheit“ unserer Gegenwart, auf die uns die aktuelle pandemische Situation zurückwerfen würde. Welche Züge unsere Epoche sind es, die hier zum Vorschein kommen und die wir bisher nicht kannten – die globale Zirkulation der Waren oder des menschlichen Materials, das „zu jedem Preis“ verbraucht werden kann, die Zurückdrängung der Lebenden hinter die Imperative der globalen Wirtschaft, die Unbekümmertheit und die Stümperei der neo-liberalen Staaten gegenüber den ökologischen und gesundheitspolitischen Katastrophen, die sie auslösen, etc.?

A.B.: Tja, da sind wir nun, bei den bekannten Dingen, oder den angeblich bekannten Dingen, die nichts mit dem Verhalten der Menschen zu tun haben, die es nicht verändern, die ihre Erfahrung nicht bedingen und sich nicht mit ihr vermischen, es ist nur ein Lufthauch in ihren Köpfen. Die Leute wissen alles, sie sind von den Medien perfekt informiert – und sie waren, bei uns, bis zum Schluss epidemieskeptisch, so wie sie kriegsskeptisch [bellosceptiques][4] sind, so wie sie in der Praxis klimaskeptisch sind, in ihren Verhaltensweisen, angefangen bei der jugendlichen Bevölkerung der Café-Terrassen der Großstädte, von denen aus sie, hedonistisch und apolitisch, die Welt beurteilen bis zu den Flugzeugen, die sie nehmen, um ein Wochenende auf Mallorca zu verbringen, zu den SUVs, die die Straßen von Paris und Taipei verstopfen, und zu den schnalzenden Küsschen, die sie bis zur letzten Minute ausgetauscht haben… Man muss die Autopsie der Informationsmedien und der Nachrichten konsequent umsetzen, die Formen von „Wissen“ produzieren, die nicht darauf ausgelegt sind aufzuwecken, sondern einzuschläfern, die kein „Bewusstsein“ produzieren, sondern Lethargie und Schlafwandlertum – das dominante Regime des In-der-Welt-Seins in unseren Gesellschaften.

Das ist die schreckliche Tugend der Epidemie (denn wir betreten übergangslos ein Regime des Schreckens) – sie öffnet eine Bresche in der schützenden Hülle, die die Schlafenden von der Realität trennt. Dieser Einbruch ruft die Wahrheitseffekte hervor, von denen ich gesprochen habe: Jene Schläfer, über deren Existenz plötzlich das Damoklesschwert der epidemischen Krise (im Zeichen des Desasters) schwebt, berühren auf einmal oder haben den Hauch einer Intuition davon, was unsere Gegenwart, unsere Epoche substanziell ausmacht: ihr dezidiert spektraler Charakter; und zwar in dem Sinne, dass die Welt, die wir noch zu bewohnen glauben (ja, Heidegger…), schon nicht mehr existiert. Wir leben nicht nur „auf Kredit“, wie man heute sagt, vielmehr sind die materiellen und spirituellen Grundlagen dieser Welt zusammengebrochen und wir bewohnen nur noch die Illusion ihrer Stabilität oder Solidität, aus reiner Trägheit.

Wenn die Epidemie beginnt, die Lungen zu zerreißen, zerreißt sie zugleich die Illusion, dass wir in dieser Welt atmen können [nous vivrions dans un monde respirable]. Sloterdijk hat gezeigt, dass uns die Frage nach der Erträglichkeit [respirabilité] unsere Welt seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts, seit dem ersten Tag des Gaskriegs 1915 verfolgt.[5] In unserem „normalen“ schlafwandlerischen Zustand verstehen wir unsere Fähigkeit und unser Recht zu atmen als gegeben. Doch in der neuen wirklichen Realität wird dieses Recht in Frage gestellt oder zumindest ist es aleatorischen Bedingungen unterworfen – das Virus stellt es radikal in Frage und die Autorität, die Regierenden, scheitert genauso radikal daran, es zu verteidigen. Was ich hier zur Epidemie sage, gilt genauso für die Klimaerwärmung – die Migranten sind die Opfer der Klimaerwärmung, die die Luft bei ihnen verseucht – wie für die nukleare Aufrüstung – eine unendlich über der Menschheit schwebende Bedrohung, ihre Lungen zu karbonisieren, wie die Amerikaner dies euphorisch in Hiroshima und Nagasaki getan haben.

Dieser Teil der Realität, der von der Epidemie offengelegt wird, ist wahrer als das Reale. Nur in Euren Träumen, in Euren schlafwandlerischen Träumen ist das freie und gefahrlose Atmen Euer elementarstes Recht – ein Recht, das sich einer natürlichen Funktion angleicht. Es zeigt sich, dass dort, wo für die Bevölkerung der Café-Terrassen, die der sogenannten öffentlichen Demokratie ihre Leichtigkeit und unendliche Belanglosigkeit gibt, wo alles Wissen von der Unterhaltung absorbiert und im Gemurmel der Nachrichten ertränkt werden, wie in Camus Pest, einzig die Katastrophe, die wie ein Bergrutsch auf die Leute niedergeht, eventuell fähig wäre, so etwas wie eine Erfahrung hervorzurufen – die Erfahrung des Einbruchs des Realen in die verwunschene Welt der Aktivitäten, des Austauschs im Zeichen des Spektakels (wie der Andere sagte) und des Warenfetischismus, der Obsoleszenz der historischen Bedingungen.

Was unter diesen Bedingungen nötig ist, ist die eine Form der Erkenntnis, die vor keiner Grausamkeit zurückschreckt, wenn sie sich den Wissensformen der kulturellen und kommunikativen Industrie entgegenstellt, die das weiche Kissen formen, auf dem die Schlafenden ihren Kopf betten (wenn sie nicht durch die Straßen streifen, in der Umgebung der Café-Terrassen, als lebende Tote, als Zombies à la Romero). Die Grausamkeit, von der ich hier spreche, bestünde zunächst darin, sich zu fragen, was genau jener Zustand der Mündigkeit (der Bürger unsere Demokratien) im globalen Norden ist. Bürger zu sein, so könnte man sagen, müsste weniger damit zu tun haben, eine bestimmte Reserve an Rechten und Vorteilen zu haben (wählen, laut schreien, wenn man dazu Lust hat, sich frei bewegen…), als vielmehr mit der Fähigkeit, bestimmte Prüfungen in der Form von Tests zu bestehen: ich meine, im Kontext der derzeitigen Prüfung und so wie sich ihre Konturen bereits seit Anfang des Jahres 2020 abgezeichnet haben, individuell und kollektiv das Auftreten einer ernsthaften Gefahr wahrzunehmen, ihre Charakteristika zu analysieren (ihre Singularität), sich darauf vorzubereiten – kurz gesagt, sich auf der Höhe des katastrophalen Ereignisses zu bewegen.

Doch offensichtlich haben unsere Zeitgenossen (ich überlasse das Staatsbürgervokabular den Schülern von Monsieur Rosanvallon) angesichts dieses Tests und bis zu dem Zeitpunkt, in dem ihnen der virale Himmel auf den Kopf gefallen ist, maximal versagt – aus dem einfachen Grund, dass sie, eingeschlossen in ihren immunitären Anmaßungen, die Vogelstraußpolitik bis zum Ende verfolgt haben. Und das im Einklang mit einer Autorität, die gleichermaßen den Boden verloren hat – die Kommunalwahlen[6] haben doch ein anderes Kaliber als der „chinesische Virus“, oder? Das ist der Aderlass des Realen im Kopf dieser Leute, das Paradigma Buzyn: Eine ranghohe Ärztin, Immunologin, Gesundheitsministerin, die ihren Posten verlässt (auf Befehl, perinde ac cadaver), um einen von Anfang an verlorenen Wahlkampf zu führen und im Nachhinein die Pythia spielen zu und so zu tun, als ob sie von Anfang an das Ausmaß des Desasters verstanden hätte.[7] Die Lage ist ernst, diese Gauner haben ein enormes Problem mit dem Realen, das unbedingt diagnostiziert werden muss, um daraus endlich die Konsequenzen zu ziehen…

Aber ich schweife ab: Worauf ich eigentlich hinauswollte, ist dass man auf dem Rücken der gouvernementalen und politischen Gauner trotz allem nicht alles abladen kann. Die Leute, die angeblich bürgerliche und mündige Gattung (im Andenken an den alten Kant…), haben auch ihre Verantwortung an der derzeitigen Katastrophe. Die Epidemie zeigt mit einer unerhörten Grausamkeit, die angesichts großer Katastrophen in Form eines desaströsen Ereignisses von einer grausamen Einsicht abgelöst wird, nämlich dass die marktliberalen Demokratien in keinster Weise von mündigen Menschen à la Kant bewohnt sind – von menschlichen Subjekten auf der Höhe ihrer Aktualität. Dialektisches Bild: Als sich die Ausgangssperre abgezeichnet hat, sind jene Pariser*innen, die dazu die Möglichkeit hatten, mutig auf die Autobahn gestürzt, um sich in den sicheren Hafen ihrer Zweitwohnungen auf dem Land zu flüchten; das bringt sofort den denkwürdigen Bericht von Léon Werth über die Niederlage (la Débâcle) im Juni 1940 in meinem Exilanten-Kopf in Erinnerung: 33 Tage ist der Titel, lesen Sie das, das wird Erinnerungen an die unmittelbare Gegenwart wachrufen…

Aus dem Französischen von Maria Muhle

Alain Brossat ist Professor emeritus für Philosophie an der Université Paris 8. Saint-Denis Vincennes, er lebt in Paris und Taipei, wo er ebenfalls Philosophie unterrichtet.

Cédric Cagnat ist Philosoph und unterrichtet am Gymnasium. Es ist der Webmaster der Webseite Ici et Ailleurs. Association pour une philosophie nomade.


[1] Am 16. März 2020 um 21h00 verkündete Emmanuel Macron eine landesweite Ausgangssperre und wiederholt in seiner 21minütiegen Rede sechs Mal die Wendung „Wir befinden uns im Krieg“ [„Nous sommes en guerre“]. [Alle Fußnoten A.d.Ü.]
[2] Giorgio Agamben, „L’invenzione di un’epidemia“, www.quodlibet.it/giorgio-agamben-l-invenzione-di-un-epidemia. Siehe hierzu auch die Antwort von Jean-Luc Nancy, „Eccezione virale“, https://antinomie.it/index.php/2020/02/27/eccezione-virale/, und die sich anschließende Debatte.
[3] Molière, Der eingebildete Kranke, 3. Akt, 14. Szene.
[4] Vgl. Alain Brossat, „Contre le Belloscepticisme“, lundimatin#227, 31. Januar 2020, https://lundi.am/Contre-le-bellosceptiscisme.
[5] Vgl. Peter Sloterdijk, Luftbeben. An den Quellen des Terrors, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2002.
[6] Am 15. März 2020 wurde in Frankreich der Erste Wahlgang der Kommunalwahlen durchgeführt. Der zweite Wahlgang, der für den 22. März angesetzt war, wurde auf unbestimmt Zeit verschoben. Die Wahlbeteiligung war mit rund 44 Prozent die niedrigste Beteiligung an einer Kommunalwahl in der Geschichte der fünften Republik. Am 16. März verkündete Emmanuel Macron die Ausgangssperre für ganz Frankreich. Die Notwendigkeit, das Haus zu verlassen, ist durch eine vom Arbeitgeber ausgestellten Bescheinigung oder eine Eigenerklärung nachzuweisen.
[7] Agnès Buzyn war bis zum 16. Februar 2020 Gesundheitsministerin im Kabinett Philippe, danach trat sie als Kandidatin der LREM für die Bürgermeisterwahlen in Paris gegen Anne Hidalgo an.