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12.04.2020, Jamal Tuschick

Was mit uns passiert. Ein Gespräch mit Alain Brossat - 2. Teil

Das folgende Gespräch zwischen Cédric Cagnat und Alain Brossat wurde am 19. und 24. März 2020 auf der Webseite von Ici et Ailleurs. Association pour une philosophie nomade veröffentlicht. Alain Brossat (Plebs Invicta, August Verlag 2012) hat den Text in Taipei verfasst, wo er zur Zeit lehrt. Das Mainlabor bedankt sich für die freundliche Genehmigung, das Interview vom August Verlag Berlin zu übernehmen. 

Im Krieg? Was mit uns passiert
(24. März 2020)

Cédric Cagnat: Könnten Sie über die geopolitische Dimension der Epidemie sprechen? Und besonders über die Frage, wie sich die Epidemie in den Kontext eines neuen Kalten Kriegs zwischen China und den USA einschreibt.

Alain Brossat: Jena-Luc Nancy beginnt seinen schönen Beitrag zur Epidemie auf YouTube mit einer schwierigen Formulierung, wenn er von dem „aus China importierten Virus“ spricht.[8] Das ist eine absolut bedauernswerte Formulierung, weil sie dazu führen kann, einen orientalistischen Diskurs wieder zu erwecken, der aus den Tiefen des europäischen 19. Jahrhunderts stammt und für den Asien und besonders Ost-Asien oder der sogenannte „Ferne Orient“ [Extrême-Orient] (sprechen wir für die Vereinigten Staaten von „Fernen Westen“, mit allen zweifelhaften Konnotationen des Begriffs des „Fernen“ [extrême]?) der anomische und überbevölkerte Herd ist, in dem Epidemien und anderen Plagen entstehen, die sich von dort in unsere zivilisierteren Breitengarde ergießen – als mikrobische, bakteriologische, virale Version der „gelben Gefahr“.

Der Begriff „importiert“ ist hier besonders verheerend: er essenzialisiert die Lokalisierung des Virus, obgleich das „Narrativ“ (wie man heute sagt) des Ursprungsherds – der Tiermarkt von Wuhan mit seinen Schlangen, Fledermäusen und Liebhabern jener bedenklichen Suppen aus diesen Tieren – von den Spezialisten seit Langem in Frage gestellt wird. Es handelt sich dabei um eine rein eurozentrische Annahme, die behauptet, dass diese Epidemie eher in China als beispielsweise in Norditalien oder woanders auftreten musste. Der Schlüssel zu dieser Epidemie ist jedoch nicht der vermeintliche Ursprung (wo ist der Patient Null?), sondern die Dichte der Zirkulationen, besonders durch den Luftraum, die die Flughäfen zu kriechenden Clustern der Epidemie in einer bestimmten Zone der nördlichen Hemisphäre macht – die damit genauso Europa und Nordamerika wie China und Ost-Asien einschließen. Indem Jean-Luc Nancy die große Erzählung der asiatischen imported plagues aufruft, bewegt er sich in der Nähe jener Menschen, die einen zynischen und widerlichen Vorteil aus der aktuellen epidemischen Konfiguration ziehen, um daraus einen Einsatz des Kalten Kriegs zu machen, um diesen wieder anzukurbeln und zu intensivieren: Trump und seine Bande, die weiterhin vom „chinesischen Virus“ sprechen, die Agitatoren des Wall Street Journal, die in ihren Leitartikeln von China als „dem kranken Mann Asiens“ sprechen, und die Aufrührer der Taiwanesischen oder Hongkonger Unabhängigkeitsbewegung, die in ihren Chats auf den sozialen Netzwerken ununterbrochen von einem Virus „Made in China“ sprechen.

Man hätte annehmen können, dass die Ernsthaftigkeit der Situation angesichts der Ausbreitung der Pandemie auf globaler Ebene die Spannungen mildern oder gar unterbrechen würden, die in den letzten Jahren zwischen den USA und China immer stärker geworden waren – Wirtschaftskrieg, Souveränitätskonflikt im Chinesischen Meer, Unruhen in Hongkong, etc. Diese Spannungen haben eine globale Dimension, sie stellen nicht zwei überdimensionierte Nationalstaaten einander gegenüber, sondern vielmehr zwei große Gebiete, die sich in einer immer direkteren Konkurrenz zueinander befinden, nicht nur in der asiatischen Pazifik-Region, sondern auf globaler Ebene. Hier wird v.a. der Fortbestand der US-amerikanischen Hegemonie in Frage gestellt. Man hätte also denken können, dass die Regierenden der betroffenen Mächte und die Meinungsmacher des Westens den Tatsachen ins Auge sehen: Die Situation an der Front der Epidemie ist schwerwiegend genug, auf globaler Ebene, dass eine Art Waffenstillstand notwendig wird, eine Unterbrechung der Feindseligkeiten an der Front des neuen Kalten Kriegs und damit auch der anti-chinesischen Agitation.

Es geschieht aber genau das Gegenteil und das sagt Einiges über die politische und moralische Qualität dieser Eliten, und über die Höhe, auf der sich ihre Sicht der Gegenwart und der Zukunft bewegt. Die Tatsache, dass der chinesische Staat, der aufgrund bürokratischer Schwerfälligkeiten (von denen zu zeigen bleibt, dass sie spezifisch chinesisch sind) tatsächlich zu spät in die Schlacht gezogen ist, diese mit großer Entschiedenheit, einer organisatorischen Strenge und Mitteln geführt hat, die es erlaubt haben, die Epidemie in wenigen Wochen einzudämmen – diese Tatsache hat bei den regierenden, medialen, akademischen westlichen Eliten zu schrägen Kommentaren und einer andauernden Verunglimpfung geführt bis hin zu einer offenen und massiven Ablehnung. Das Argument, dass die Epidemie in China durch freiheitsraubende Maßnahmen bekämpft wurde, unter Rückgriff auf disziplinäre Mittel, die einem Polizeistaat eigen sind, und im Stil einer autokratischen Macht – dieses Argument ist in der westlichen Propaganda ständig wiedergekommen und hat besonders die französische Presse, vom Figaro bis zu Lundimatin, verstopft.

Doch was sieht man nun bei uns, seitdem die Staatsmänner sich mit einer unendlichen Verspätung und in einem allgemeinen Drunter und Drüber endlich über den Ernst der Lage bewusst geworden sind? Man sieht, dass ausschließlich durch die Rede des Präsidenten ein verschärfter Ausnahmezustand [état d’urgence aggravé] durchgesetzt wird, der aufgrund seiner Einschränkungen der öffentlichen Freiheiten eher einem Belagerungszustand [état de siège] gleicht, ein Dispositiv, das dem Kriegszustand entspricht. Nicht umsonst hat Macron diesen Begriff in seiner Rede ständig wiederholt. Es handelt sich tatsächlich um Maßnahmen aus Kriegszeiten, die umgesetzt und der Bevölkerung auferlegt werden. Ich sage damit nicht, dass das Ausgangsverbot und all die damit einhergehenden Einschränkungen der Freiheit nicht notwendig waren, angesichts der Verspätung im Kampf gegen die Epidemie; ich sage nur, dass wenn man permanent auf den quintessentiellen Unterschied zwischen „Demokratie“ und „Polizeidiktatur“ verweist, die Regierenden sich nicht ganz so ritterlich auf dem Geist der Verfassung, der Gewaltenteilung und all diesen schönen Dingen ausruhen sollten – und dass über die Durchsetzung eines Ausnahmezustands zumindest im Parlament abgestimmt werden sollte, selbst wenn es eine Notabstimmung wäre.

In der Demokratie zählen die juridischen Formen, der Geist der Gesetze, wie der Andere das nennt. Doch unter den gegenwärtigen Bedingungen findet eine Umgehung aller legaler Prozeduren statt, genauso wie wenn man die Expeditionskorps in Krisengebiete entsendet: Man führt Kriege als seien sie Polizeioperationen, bei denen der Feind zu einem Verbrecher oder outlaw wird; man führt den „Krieg“ gegen den Virus im perfekten Stil des Polizeistaats. Und es hat gerade erst angefangen, wait a minute, you haven’t seen a thing, yet…

Es war wirklich unnötig, in den letzten Wochen mit einer derartigen Bösartigkeit den autoritären Stil zu stigmatisieren, mit dem China die Epidemie „unterdrücken“ konnte, um nun selbst genau dort hinzugelangen…

Amüsant daran ist, wenn man das so sagen darf, dass die wenigen weisen Verfassungsrechtler, die die Stirn in diesem Zusammenhang in Falten gelegt haben, dies nur hinsichtlich der Form getan haben, in der die… Verschiebung des zweiten Wahlgangs [der Kommunalwahlen] auf Juni vollzogen wurde. Dass der Staatschef darüber hinaus einfach nur durch eine im Fernsehen übertragenen Rede das gesamte Land in seine Wohnungen verbannt hat, im besten bonapartistischen Stil, das scheint ihnen nicht den Schlaf zu rauben. Und noch amüsanter: Erst nach dieser exemplarischen Verwendung des bonapartistischen Performativs gibt man uns zu verstehen, dass die Durchsetzung einer Art Notstands vorbereitet würde… Woran man wiederum sieht, dass der beste aller Ausnahmezustände derjenige ist, der sich nicht die Mühe macht, irgendeine Form zu befolgen und einzig aus dem Wort des Chefs hervorgeht. Aber dann muss man das Regime, das hier durchgesetzt wird, auch beim Namen nenne: Eine Diktatur (vom Verb dictare), im ursprünglichen römischen Sinne des Begriffs… Und wo ist dann der Unterschied zum Umgang mit der Epidemie in China, durch den „Diktator“ Xi? Man weiß es nicht genau, es ist verwirrend…

Die Tatsache, dass der Notstand erst a posteriori verhängt wurde, durch eine mindestens verstohlen zu nennende Abstimmung im Parlament, ist das Sahnehäubchen auf der Torte – in einer Demokratie, oder einer angeblichen Demokratie, werden die Dinge nicht in dieser Reihenfolge gemacht. Als die japanische Regierung den USA nach dem Angriff auf Pearl Harbor den Krieg erklärt hat, haben alle in den westlichen Demokratien von Treubruch gesprochen. Das ist dasselbe Prinzip. Wenn die Abstimmung im Parlament nur noch dazu dient, einen Stempel auf eine souveräne Entscheidung zu drücken, die vom Herrscher bereits getroffen wurde, ist sie nur ein weiterer Witz.

C.C.: Auf der Höhe des Ereignisses zu sein, sagen Sie, heißt, uns aus unseren Verblendungen und Verweigerungen zu lösen, aus einem Zustand des schlafwandlerischen Eingesperrtsein in einem cocoon, in unseren immunitären Blasen, und uns radikal umzuorientieren. Mich würde interessieren, an welches „Wir“ Sie denken. Die jupitergleichen Anrufungen einer nationalen Einheit, die angeblich angesichts dieser neuen Situation wiedergefunden worden wäre, lassen uns natürlich nicht die wesentliche Teilung politischer Natur vergessen, die die letzten 14 Monate der Aufstände und Proteste mehr als je hervorgehoben haben. Es ist ganz unzweifelhaft so, dass die üblichen Nutznießer der hyperkapitalistischen Maschine großes Interesse haben werden, dass die neoliberale Ordnung der Dinge, nach dem Gewitter, wieder ihr Recht bekommt und noch verstärkt daraus hervorgeht. Hinsichtlich der großen Masse, die diese Ordnung hinnehmen muss, ist das Portrait, das Sie von ihr zeichnen nicht dazu angetan, ein notwendiges Hochschrecken vorauszusehen, das in der Lage wäre, die Apsorptionsmacht des globalen und flüssigen Kapitalismus zu hinterfragen, in dem wir gefangen sind. In diesem Sinne funktioniert das wishful thinking der Einsperrung in den letzten Tagen sehr gut: So sagt der unausweichliche Edgar Morin, dass „die Ausgangssperre uns helfen kann, eine Detox-Kur von unserem Lebensstil vorzunehmen“;[9] und Frédéric Lordon fragt rhetorisch, ob der Coronavirus mit „seinem anklagenden Charakter, seiner Fähigkeit zum Skandal, der unerwartete Agent des Falls des Monsters“ wäre.[10] Können wir jetzt schon die Konturen dieser Bifurkation skizzierem, die Sie für notwendig halten, dieser „radikalen Wende“, um Ihren Begriff aufzunehmen? Und, vor allem, durch welche Instanz, durch welches Volk [peuple] wird diese Wende durchgesetzt?

A.B.: Eine der wenigen Dinge, die man uns in Frankreich noch zugute halten kann, ist die Tatsache, dass alles politisierbar ist, sehr schnell und sehr laut, dass es sehr schnell zu Auseinandersetzungen kommt, wenn ein Problem auftritt – und a forteriori im Falle einer größeren Krise –, dass die Lust an der Wortergreifung hier nicht verloren gegangen ist, v.a. unter den Eliten, die denken, sie hätten eine wohl begründete Meinung zu allem. Diese Falte, dieses Regime produziert tatsächlich eine Art des „Wirs“, das ein bisschen formlos und beweglich erscheint, aber doch ziemlich charakteristisch ist für unser Land. Auf der anderen Seite ist es die rhetorische Funktion des „Wir“ (die hier jedoch notwendig ist, nicht dekorativ), die von der Macht und den Eliten kultivierte Aufteilung zurückzuweisen zwischen jenen, die angeblich wissen, und jenen, die permanent pädagogisiert werden müssen. Das ist der etwas schräge Umweg, der es einem erlaubt, seiner Wut Luft zu machen (wie ich es teilweise im ersten Teil dieses Textes tue), ohne dadurch zu behaupten, irgendjemand zu belehren – es sind die Experten und die Regierenden, die die Menschen belehren, und im derzeitigen Fall hat man gesehen, mit welchem Erfolg – wo waren diese Idioten, diese Kompetenten, diese geborenen Pädagogen um den 15. Februar herum, als sie hätten anfangen müssen, Klartext zu reden und sich für die Schlacht aufzustellen? Also wettere ich, ich bin wütend, aber ich sehe nicht, warum ich irgendjemand belehren sollte, ich besetze vielmehr eine Position und ich tue meinen Job – das heißt nicht, im Neudeutsch der sozialen Netzwerke, auf das Ereignis zu „reagieren“ („Reagieren Sie auf diesen Artikel!“), das heißt vielmehr durch die Arbeit des Denkens und durch einen bestimmten Stil der Verkettung der Sätze zu versuchen, den Dingen gegenüber zu treten (ich habe oben gesagt: sich auf der Höhe des Ereignisses zu halten…) Die Arbeit des Denkens, an der wir uns immer wieder auf eigene Verantwortung versuchen – und man kann hier vollkommen daneben liegen, wie Agamben in seinen wiederholten Hirngespinste über Covid 19 diese Arbeit hat nur einen Sinn, wenn sie mitreißt [embarquer], nicht um zu indoktrinieren, noch nicht mal unbedingt um zu überzeugen, sondern eher um anzustecken [contaminer], das heißt den Affekt des Denkens angesichts des katastrophalen Ereignisses zu verbreiten, zu verstreuen. Dort kann man ein „Wir“ fabrizieren.

Man kann angesichts der Epidemie nicht nur die richtigen Gesten, die richtigen Verhaltensweisen, die richtige Disziplin teilen, sondern auch das Denken. Wenn wir angesichts dieser Katastrophe nicht unser eigenes Denken produzieren (das „unser“ ist hier auf andere Weise kollektiv), dann verbleiben wir unter der Fuchtel des Staats – selbst wenn dieser gerade im Angesicht dieser globalen Herausforderungen bankrott geht. Und wenn es notwendig wird, dass wir unsere eigenen Formen des Gegenangriffs, des Widerstands, des Kampfes, der Organisation gegenüber der Epidemie entwickeln (wozu uns ein Text auffordert, der momentan im Netz zirkuliert[11]), indem wir die einfache Lösung zurückweisen, die bedeuten würde, uns unter die Flügel dieses Staates zu flüchten, der uns im Stich gelassen hat, dann ist es nicht ausreichend, diesen Entzug einzig in Begriffen von alternativen Verhaltensweisen zu denken, sondern es ist auch notwendig, ein eigenes Denken der Krise zu entwickeln, ein Denken eines Volks der Epidemie, ich meine damit eines Volks, das das Leben dem Versprechen des Todes durch den Virus entgegenstellt. So wie es während der Episode der Gelbwesten ein Volk des Kreisverkehrs gab.

In einer solchen Konfiguration zu denken, wirklich zu denken, müsste bedeuten, einen Gedanken bis zum Schluss zu verfolgen, ihn radikal bis zu seinem Ende durchzudenken, was allerdings immer auch heißt, dass sich die Energie (die Kraft) einer bestimmten Boshaftigkeit mobilisieren lässt: Zum Beispiel bedeutet dies im französischen Kontext, die Art und Weise zu denken – und dieser Punkt ist zentral ¬–, in der die Bevölkerung von den Regierenden angesichts des Virus im Stich gelassen wurde. Wenn man diese Idee konsequent zu Ende denkt, dann kommt man zu der Einsicht, dass das Aufgeben der Bevölkerungen, auf einer elementaren Ebene verstanden als kollektiver und individualisierter lebendiger Körper, nicht Resultat einer Unaufmerksamkeit ist, sondern es vielmehr etwas ist, das organisiert werden muss. Und dieses Etwas, das sich organisiert und in der Dauer produziert wird, nimmt unter den Bedingungen der Epidemie die Form einer reinen und einfachen Aussetzung der Bevölkerungen gegenüber dem Tod an.

Wenn Foucault von der Thanatopolitik (Achille Mbembe spricht von Nekropolitik) als der dunklen und furchtbaren Seite der Biopolitik spricht, nennt er als Beispiel die Atommacht als tödliche Bedrohung einer menschlichen Masse. Heute handelt es sich um eine weniger offensichtliche, heimlichere und anscheinend weniger skandalöse und brutale Thanatopolitik, doch es wäre falsch, sich zu täuschen: Die Geste der Aussetzung ist dieselbe, wie wir heute sehen. Angesichts der Überlastung der Krankenhäuser und des Ausmaßes der Epidemie wird immer stärker dazu übergegangen, eine Kriegsmedizin zu praktizieren, eine Medizin, deren erste Geste es ist, zwischen denjenigen zu unterscheiden, deren Leben man zu retten versucht (da ihre Überlebenschancen besser stehen), und denjenigen, die man dem Tod überlässt, die man sterben lässt, weil man die Bedingungen für ihre Vernachlässigung geschaffen hat.

Die „Krise der Krankenhäuser“ und des öffentlichen Gesundheitswesens, in deren Folge man angesichts der Epidemie eine Kriegsmedizin umsetzt, die darin besteht, die Schwächsten dem Tod zu überlassen, ist das Resultat einer heimtückischen Abnutzungspolitik, die von den der neo-liberalen Doktrin verschriebenen Regierenden nach und nach umgesetzt wurde. Die Aussetzung der Bevölkerungen ist keine unglückliche Abfolge einer Serie von Unaufmerksamkeiten oder Fehlern, es ist eine Politik. Wenn ein Phänomen von einem solchen Ausmaß wie die derzeitige Epidemie auftritt, wird es möglich, sie beim Namen zu nennen: Die Biopolitik wird wie ein umgekrempelter Handschuh zur Thanatopolitik.

Das ist die Art und Weise, in der die Regierenden (und die Eliten im Allgemeinen) ihre Beziehung zur Bevölkerung wahrnehmen, die sich im Zuge der letzten Jahrzehnte grundlegend geändert hat: die traditionellen Begriffe (mindestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs) der Sorge, der Betreuung, des Rechts auf Leben, des Schutzes, kurz gesagt all dessen, was die Beförderung des Lebens in den Raum des menschlichen Pastorats einschreibt, all diese Begriffe sind zugunsten der Optimierung und Verallgemeinerung eines unternehmerischen, wirtschaftsnahen Modells zurückgetreten. Im Zuge dieser Veränderung neigt die Bevölkerung dazu, ein Attribut des Marktes als unhintergehbarer Horizont jedweder Gouvernementalität zu werden. Andersherum wird der Horizont des „Leben Machens“ in den Augen der Regierenden diffus – das ist auch der Grund, aus dem sie sich derart konstant darauf versteifen, den Untergang der Krankenhäuser, der öffentlichen Fürsorge für die Schwächsten, für die psychisch Kranken, für die Alten etc. zu organisieren. Sie verlieren nicht nur das Ziel der Erhaltung und Verbesserung des Gesundheitszustands der Bevölkerungen aus dem Blick, vielmehr zählt all das, was dazu bestimmt war, in ihren Augen zu den „Archaismen“, die es abzuschaffen gilt. Letztendlich ist der Untergang, der uns ereilt, wenn die Epidemie über uns hereinbricht, nichts als der Vergrößerungsspiegel, in dem wir in großen Buchstaben diese destruktive Politik, diesen gouvernementalen Nihilismus sehen können.

Um sich darüber klar zu werden, genügt es, einen Vergleich vorzunehmen: Wenn die Epidemie bis jetzt (ich klopfe auf Holz) in Taiwan eingedämmt werden konnte, dann nur weil die Behörden beim Auftreten der ersten Anzeichen und der erhöhten Gefahr in Wuhan die notwendigen Maßnahmen getroffen haben, nämlich die sehr strenge Kontrolle der Zirkulation, die Systematisierung der Tests und die individuelle Nachverfolgung der infizierten Personen oder der Verdachtsfälle und die Durchsetzung eines daran ausgerichteten Quarantänesystems. Sofort ist ein Alarmzustand (und kein Notstand) ausgelöst worden, den ein kompetenter Gesundheitsminister gestaltet hat, mit täglichen Pressekonferenzen, einer durchweg individualisierten Nachverfolgung der Kranken, ihrer Umgebung und ihrer Kontaktpersonen. Jedes Mal wenn ein Fall aufgetreten ist, wurde in seinem Umfeld eine Jagd auf den Virus veranstaltet, bei allen Menschen, die er getroffen haben konnte, und man versucht so, den Sumpf der Ansteckungen auszutrocknen. Parallel dazu werden Informationskampagnen durchgeführt, die die Menschen dazu bringen sollen, die Verhaltensweisen anzunehmen, die die Epidemie eindämmen können und dies nicht im Tonfall des Polizeistaats (durch Bedrohung und Sanktionen), sondern vielmehr indem der Staat als Lotse im Sturm auftritt. Es wird damit auch kein Klima der „heiligen Einheit“ hergestellt, sondern, in einem moderateren Ton und effizienter, ein konsensueller Zusammenschluss gegen die Epidemie. Die Methode bewährt sich: Bis heute gibt es wenige Tote und um die hundert Infizierte (Gesamtbevölkerung der Insel: 23 Millionen, eine Bevölkerungsdichte von 653 Personen pro Km2 gegen 205 in Italien).

Gleichwohl sind die Leute, die diesen Kampf gegen die Epidemie geführt haben, ihrerseits ultra-liberal und in anderen Fragen (in der internationalen Politik) eine echte Zumutung. An diesen kleinen und großen Dingen sieht man, dass die Epidemie die herkömmlichen Orientierungen durcheinanderbringt. Die Bedingung dafür, dass in Taiwan solch ein allgemeines Dispositiv entfaltet und erprobt werden konnte, ist natürlich, dass die Autoritäten sich um die Unversehrtheit der Bevölkerung sorgen, dass sie sich dafür verantwortlich fühlen. Im Gegenteil zeigt die Art und Weise, in der unsere Regierenden den Aufgaben ausgewichen sind, die ihnen das Voranschreiten der Krankheit auferlegt hat, v.a. nachdem sich diese in Norditalien eingenistet hatte und eindeutig geworden war, dass Covid eine staatenlose Krankheit ist, dass ihnen solche sorgenden Vorkehrungen völlig fremd waren. Das Resultat ist, dass die Leute immer noch keine Masken haben, um sich zu schützen, dass noch nicht mal die Pflegekräfte genügend Masken haben, dass die Menschen mit Symptomen nicht getestet werden können, dass es an Beatmungsmaschinen fehlt. Diese Art des Mangels, auch das wird organisiert. Im Strafrecht muss es dafür einen Namen geben…

In der Taipei Times lese ich, dass die Masken nun massenhaft in Europa ankommen, eine freundliche Gabe aus Kontinentalchina. Doch während diese Unterstützung Form annimmt, reißt der Kalte Krieg nicht ab. So ist der Titel des Artikels „China showers EU with Virus aid“ – eine Unterstützung, die im Artikel als „propaganda push“ und „soft power“ schlechtgemacht wird. So weit ist es gekommen…

C.C.: Was genau ist ihre Position angesichts des „Wir sind im Krieg“, das der „oberste Kriegsherr“ im Fernsehen verkündet hat und das zu so vielen Kommentaren geführt hat? Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind Sie mit dieser Formulierung einverstanden, aber um welchen Krieg handelt es sich? Gegen wen oder gegen was wird er geführt?

A.B.: Es erscheint mir völlig belanglos, sich auf diesen Punkt zu versteifen, das ist das falsche Problem. Wenn man sagen möchte, dass man gegen den Coronavirus keinen Krieg führen kann, im Sinne der klassischen europäischen Tradition, weil er keine menschliche Gestalt hat und somit auch nicht die eines ausländischen Souveräns, dann kann ich dem nur zustimmen – aber was ist gewonnen, wenn man derart offene Türen einrennt? Im Übrigen ist diese Art des Krieges schon lange ersetzt worden von dem was Carl Schmitt den diskriminierenden Krieg nennt,[12] in dem der Feind wie ein Verbrecher behandelt wird und die Kriege zu Polizeioperationen werden. In diesem Sinne wird es interessanter: Gegen den Virus wird ein „totaler“ Krieg geführt, mit dem Ziel ihn auszumerzen – soweit es geht. Und dieser Krieg ist ununterscheidbar von einer globalen „Polizeioperation“. Außerdem haben wir es natürlich mit einer Art Kriegszustand oder Belagerungszustand zu tun, wenn die Armee in den Straßen patrouilliert, wenn immer mehr Ausgangsperren verhängt werden, wenn die Bevölkerung gehalten ist, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Dort wo Dispositive und Maßnahmen aus Kriegszeiten verhängt werden, befindet man sich in einer Art Krieg.

Bei der öffentlichen Erklärung von Macron liegt das Problem vielmehr darin, dass die heilige Union von Regierenden und Regierten, von Staat und Bevölkerung, dass diese patriotischen Zusammenschlüsse in Frankreich in der derzeitigen Situation eine weltfremde Vorstellung sind. In China konnte das funktionieren, es war sogar die erste Voraussetzung für die Kampagne im Militärstil, die gegen diesen inneren Feind, den Virus, geführt wurde und der die Bevölkerung gefolgt ist – egal was die westliche Propaganda von Figaro bis Lundimatin sagt; abweichende Stimmen finden sich in einer solchen Konfiguration immer genug, um die Meinungsspalten der ultra-liberalen und ultra-linken Gazetten zu füllen. Aber in Frankreich kann ein solcher Zusammenschluss ohne öffentliche Debatte nicht von Oben angeordnet werden, vor allen nicht angesichts des Abgrunds, der sich in den letzten Jahren zwischen den Staatsleuten, den Medien-, Wirtschafts- und Politikeliten und den „Leuten“ aufgetan hat; und dies nicht nur, weil ein Teil der Leute, von denen die Rede ist, epidemieskeptisch waren. Die Rechnungen sind immer noch offen, die Messer sind noch nicht wieder zugeklappt und die Geschichte von einer heiligen Vereinigung, die alle Tafeln leer wischt, glauben sie nicht.

Unter diesen Bedingungen wird der Krieg gegen die Epidemie, so wie Macron ihn ausgerufen hat, sich in der Stunde der Gefahr oder der Katastrophe unausweichlich in einen Krieg gegen die Bevölkerung verwandeln, in der besten Tradition des französischen Staats, Republik oder nicht. Je mehr unsere Regierenden angesichts der Gefahr krachend Konkurs gegangen sind, um so klarer wird es, dass ihnen die Welle der Epidemie über den Kopf geschwappt ist (und, als direkte und weitaus gravierendere Folge, über den Kopf der Bevölkerung) und umso mehr werden sie versuchen, dieser Bevölkerung die „Schuld“ zu geben. Wir sind schon mitten drin und die Medien machen in diesem Punkt im größten Einverständnis mit: Die Leute respektieren die Anordnung nicht, die Leute sind verantwortungslos, die Leute verhalten sich völlig falsch – und folglich ist es notwendig, dass die Geldstrafen auf sie niedergehen wie ein Hagelschauer, dass die Polizei noch härter durchgreift, etc. Bald kommt der Moment der epidemiebedingten polizeilichen Übergriffe gegen den Typen, der seine Ausgangserlaubnis vergessen hat, der sich der Kontrolle entziehen will und von den Polizisten fertig gemacht wird, als Notwehr und noch dazu im Interesse Aller (man weiß ja nie, ob dieser Idiot nicht den Virus überträgt…)

Die Wahrheit ist, dass, nachdem die Autoritäten die Situation jenseits der Grenzen des Denkbaren haben verkommen lassen (es ließe sich eine 500 Seiten dicke Anthologie füllen mit den Anti-Schutzmasken-Literatur, die in den entscheidenden Wochen zirkuliert ist und der unsere Regierenden – und ihre „Experten“ – nichts entgegengesetzt haben – wahrscheinlich hatten weder die einen noch die anderen eine Meinung zu dieser Frage), sie jetzt versuchen, sich an den letzten Ästen festzuhalten, indem sie ultra-repressive Dispositive umsetzen, die per Definition in der derzeitigen Situation impraktikabel sind, allen voran ihr Herzstück, die Ausgangssperre.

Im Übrigen ist die Durchsetzung impraktikabler Dispositive bis zu einem gewissen Punkt auch Teil eines Kalküls: Es ist Teil derselben „Doktrin“, die auch die Geschwindkeitsbegrenzung auf 80 Kmh auf allen Straßen in Frankreich und Navarra oder die Anti-Luftverschmutzungsvignette inspiriert – von einem Tag auf den anderen darf das Auto, mit dem die Leute zur Arbeit fahren müssen, nicht mehr fahren… Die Undurchführbarkeit dieser Dispositive erlaubt es, einen permanenten Krieg mit variierender Intensität gegen die Bevölkerung zu führen, einen Abnutzungskrieg, indem die Leute mit Geldstrafen, Verboten, Drohungen bombardiert werden und der repressiven polizeilichen Willkür die Möglichkeit einräumt wird, nach Lust und Laune zu gedeihen. Je länger die epidemische Krise andauert, desto mehr wird sich dieser Krieg gegen die Bevölkerung mit dem Krieg, den Macron dem Virus erklärt hat, überlappen.

Aber dieser „Krieg“ hat noch eine andere Dimension. Am Anfang einer Epidemie beeindruckt sie durch ihren „egalitären“ Charakter – der Virus macht keinen Unterscheid zwischen dem Präsidenten und seinem Chauffeur, er lacht über die Unterschiede zwischen der Herkunft [races], den Geschlechtern, den sozialen Bedingungen. Dieser Virus hat die Besonderheit, dass er die Kinder verschont – indem er sie zugleich als Überträger der Infektion mobilisiert. Aber je weiter sich die Ansteckung ausbreitet, sich einnistet, ihre Verwüstungen anrichtet, desto mehr treten die Ungleichheiten wieder in den Vordergrund und es sind die Schwächsten, die dem Virus am stärksten ausgesetzt sind, diejenigen, die nicht die Mittel haben, sich einzumauern, die unter prekären Bedingungen leben, die keine Wohnung haben, die Migrant*innen, die Verlassenen. Mir wurde von einer Polizeipatrouille in Lyon erzählt, die Wohnungslosen eine Geldstrafe geben wollte, weil sie gegen die Ausgangsperre verstießen. Ich denke, man hat in dieser Szene, in dieser eklatanten Handlung, eine perfekte Miniatur dessen, was dieser Krieg gegen die Epidemie, der in einen Krieg gegen die Bevölkerung kippt, auf dem Terrain bedeutet.

Und zuletzt noch etwas: Während dieses sogenannten „Krieges“ läuft der Klassenkrieg nicht nur weiter, vielmehr tritt er in eine neue, entscheidende Phase ein: Indem angeordnet wird, dass die „lebenswichtigen“ wirtschaftlichen Sektoren weiter arbeiten müssen, dass die Leute, die dort arbeiten, trotz der gegenwärtigen Umstände zur Arbeit gehen müssen, fügen die Exekutive und die Arbeitgeber den strukturellen Formen der Ausbeutung eine erzwungene Gefahr der Ansteckung hinzu, die die absolute und diskriminierende Verneinung des Rechts auf Leben der Angestellten darstellt. An diesem Kipppunkt könnte man zu Agambens nacktem Leben zurückkehren. Das Leben der Leute wird in Geiselhaft genommen, und zwar nicht im Interesse der Allgemeinheit, sondern damit die Wirtschaftsmaschine sich weiterdreht. In diesem Sinne kann man auch von einem „Krieg“ sprechen: Die Kassiererinnen der Supermärkte werden ans Messer (der Epidemie) geliefert wie die Fußsoldaten an der Front, während der Offensive eines totalen Kriegs – „wie 1914“, könnte man sagen. Aber diese Erfassung des Lebendigen geht per Definition absolut über jeden Arbeitsvertrag hinaus, ganz egal wie mies er ist. Die Kassiererinnen sind nicht die „Liquidatoren“ von Tschernobyl. Die Reduktion der Angestellten auf nacktes Leben ist vielleicht die heimlichste und stillste Form dieses Krieges, es ist gewiss eine ihre niederträchtigsten. Die Ungleichheiten sind hier nicht nur eine Statusfrage oder eine Frage des Gehalts, sie werden überlebenswichtig: Sie florieren vor dem Hintergrund der Aufteilung zwischen denen, die aufgerufen sind, sich nicht auszusetzen [se dés-exposer] (die ihr Leben schützen sollen, indem sie zu Hause bleiben) und jenen, die aufgerufen, mobilisiert werden, sich auszusetzen (ihr Leben zu riskieren) im Namen von Interessen, die alles andere als die des Gemeinwohls sind. Es sind andere Versorgungswege denkbar als diejenigen der großen Ketten und Supermärkte, die zugleich das Leben der Kassiererinnen schonen würden. Hier ist das ausgesetzte nackte Leben im Übrigen gegendert…

Aus dem Französischen von Maria Muhle

Alain Brossat ist Professor emeritus für Philosophie an der Université Paris 8. Saint-Denis Vincennes, er lebt in Paris und Taipei, wo er ebenfalls Philosophie unterrichtet.

Cédric Cagnat ist Philosoph und unterrichtet am Gymnasium. Es ist der Webmaster der Webseite Ici et Ailleurs. Association pour une philosophie nomade.


[7] Agnès Buzyn war bis zum 16. Februar 2020 Gesundheitsministerin im Kabinett Philippe, danach trat sie als Kandidatin der LREM für die Bürgermeisterwahlen in Paris gegen Anne Hidalgo an.
[8] Jean-Luc Nancy, „Un trop humain virus“, YouTube Channel „Philosopher en temps d’épidémie“, https://www.youtube.com/watch?v=Msu0hAJXdhw.
[9] Edgar Morin, „Ressentir plus que jamais la communuaté de destins de toute l’humanité“, Libération, 27. März 2020.
[10] Frédéric Lordon, „Coronakrach“, Les Blogs du Diplo, La pompe à phynance, 11. März 2020, https://blog.mondediplo.net/coronakrach.
[11] Vgl. den Aufruf „Face à l’épidémie, retournons la ‚stratégie du choc‘ en déferlante de solidarité“, 23. März 2020, https://lundi.am/Face-a-la-pandemie-retournons-la-strategie-du-choc-en-deferlante-de-solidarite. Dieser Aufruf wurde zugleich auf lundimatin, Médiapart, Reporterre, Bastamag, Terrestres, Politis, Rapports de Force, Mouvements, Regards und Contretemps veröffentlicht.
[12] Carl Schmitt, Die Wendung zum diskriminierenden Kriegsbegriff, Berlin: Duncker & Humblot 2007.