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13.04.2020, Jamal Tuschick

Resignation von der Stange

Die Erzählerin assoziiert ihre Kindheit mit Kirschgeschmack. Sie spricht ihre Mutter an. Sie informiert eine schöne und stabile Angehörige der englisch-irischen Arbeiterklasse in der letzten Generation geklärter Verhältnisse. Das macht den Reiz des Romans aus. Die Mutter schöpft aus der Fülle ihrer Herkunftsgewissheiten, die für Lucy keine Gültigkeit mehr haben. Die Entwertung eines Lebensstils, den man mit Zechen und Werften verbindet, vollzieht sich wie mit Pauken und Trompeten in der Thatcher-Ära. Nur die Kinder wundern sich. So wie sich Lucy wundert. Sie wundert sich darüber, dass sie nicht so wie ihre Mutter geradeaus schreitet, so daseinsfroh und kaum verbeult, trotz der Säufer in der Familie; angefangen bei dem exzessiven Iren, der als Gastarbeiter in der Hafenstadt Sunderland hängenblieb und Lucys Mutter zeugte. Die Terminatoren der Deregulierung bauen eine Welt, wie sie ihnen gefällt. Ihre Ideologie installiert eine transparente Trennscheibe. Lucy läuft dagegen und weiß nicht, wogegen sie läuft. Auch ihre Mutter kapiert nicht, warum das Kind nicht ihren Fußstapfen folgt. Unbemerkt verliert Lucy den Anschluss an die Ungehemmten. Die Normalwahnsinnigen aus der Unterschicht heißen Susie und Tom.

Es riecht nach Mandarinen an der irischen Atlantikküste bei Burtonport. Im Garten der Erzählerin Lucy wächst Mammutblatt, bekannter als Riesenrhabarber, Hortensien und Klee. Im Haus spuken die Familiengespenster. Ein Geist des Widerstands wohnt hier für alle Zeit.

*

Die Eltern flüchten früh in den Tod. Der Waise wird im Verein mit den Geschwistern erst in der Verwandtschaft herumgestoßen und dann in Heimen von Priestern betatscht. Schließlich löst Auntie Kitty die Kinder aus und lässt sie beim Vieh im Heu schlafen. Das Wunder einer Heimat widerfährt den Verlassenen an einer irischen Wasserkante. Die gute Tante ist eine großkalibrige Sinn-Féin-Aktivistin. Konspiration gehört zum Alltag. In jedem Frühjahr stapft sie durch ihren Garten und köpft jede Blume, „die es wagt, orangefarben zu blühen“.

Ihr Fahrrad „reitet“ sie.

So schildert Lucy die Retterin ihres Großvaters, der in seiner Jugend Gärtner, Klempner und Elektriker in einem Aufwasch lernt. Man nennt ihn Mickey-Kitty nach seiner imposanten Tante. Er nutzt die erste Gelegenheit, um sich nach England abzusetzen. Sein erster Gastarbeiterjob macht ihn zum Zeugen des Tyne-Tunnelbaus.

Jessica Andrews, „Und jetzt bin ich hier“, Roman, auf Deutsch von Anke Caroline Burger, Hoffmann und Campe, 326 Seiten, 23,-

Wikipedia: „The Tyne Tunnel is the name given to two 2-lane vehicular toll tunnels under the River Tyne in North East England. Completed in 1951 and 1967, and reopened in 2019 and 2011 respectively, they connect the town of Jarrow on the south bank of the river with North Shields and Howdon on the northern end.“

Mickey-Kitty strandet in Sunderland einer Hafenstadt im Nordosten. Da gründet er eine Familie, da kommt Lucy zur Welt.

Jessica Andrews erzählt ihre Geschichte aus der englisch-irischen Arbeiterklasse mit ästhetischen Anleihen an die Angries um John Osborne, Alan Sillitoe und Shelagh Delaney. Lucy reibt sich an der mutwilligen Verschwendung von Lebenskraft. Sie verweigert sich den naheliegenden Arrangements und sucht Zuflucht in der Kunst. Sie lässt sich ins Zentrum ziehen, um rasch zu erkennen:

„London ist auf Geld und Ehrgeiz gebaut, und von beidem (habe) ich nicht genug“,

*

„Schweiß hält uns am Leben, so wie der herbe Geruch der Vagina, die nach Batteriesäure schmeckt, wie ich mir später von den Männern sagen lasse.“

Immer wieder kehrt Lucy zu ihrer Geburt und der Phase davor zurück. Sie feiert die Kommunion mit der schönen Mutter, die einen schweren Trinker heiratete.

„Meine Mutter hatte sich ein weißes Mieder aus dem Freemans-Katalog bestellt … In der Hochzeitsnacht betrachtete sie ihren bewusstlos schlafenden Mann, zog das Mieder lautlos aus … und packte es wieder in Plastik. Am nächsten Tag schickte sie es ein und verlangte ihr Geld zurück.“

Plot

Lucy sucht ihren Platz. Zuerst zieht sie von Sunderland nach London und gestattet sich auf dem Spot der Optimierung die Resignation von der Stange. Also haut sie in den Sack und demissioniert in das Cottage ihres verstorbenen Großvaters in Irland, wo früher die wildesten Sinn Féin-Partys gefeiert wurden.

Aus der Ankündigung

„Lucy ist wie so viele junge Frauen, die ihren Schulabschluss frisch in der Tasche haben und in die Städte dieser Welt ausströmen: neugierig, was die Zukunft wohl bringt, voll Hunger nach Leben, beflügelt – und auch ein bisschen überfordert. Zwischen Uni und Nebenjob gibt sie sich in London dem Rausch der Großstadt hin, trifft sich mit Männern, tanzt die Nächte durch. Doch die Vergangenheit lässt sie nicht los: Die Trennung ihrer Eltern und die Herkunft aus der Working Class haben aus ihr einen vorsichtigen Menschen gemacht. Der pralle Alltag und die alles überstrahlende Euphorie fordern zudem ihren Tribut. Als Lucys Großvater stirbt, nutzt sie die Chance und steigt aus: In seinem Cottage an der irischen Küste betrachtet sie das Mosaik ihres Lebens und versucht herauszufinden, wo ihr Platz im Leben sein könnte. Ein schillernder, sinnlicher und herzergreifend ehrlicher Roman über eine junge Frau in einer Welt voller Erwartungen und Begehrlichkeiten.“

Jessica Andrews wuchs im nordenglischen Sunderland auf und hat seither an so verschiedenen Orten wie Paris, Donegal, Barcelona und London gelebt. Ihre Prosa und Gedichte erschienen unter anderem in Independent, Somesuch Stories, AnOther und bei Papaya Press. Sie unterrichtet Literatur- und Schreibkurse und ist Mitherausgeberin des Online-Magazins The Grapevine, das in Kunst und Literatur unterrepräsentierten Autor*innen Sichtbarkeit verleihen will. "Und jetzt bin ich hier" ist ihr erster Roman.