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18.04.2020, Jamal Tuschick

Hört auf, euch selbst zu veräppeln

Kunst ist Kaviar – Gedanken zur Systemrelevanz freischaffender Künstler von Şafak Sarıçiçek

Şafak Sarıçiçek

1. Literatur als Kaviar (paar Gedanken)

Nein, freischaffende Künstler sind nicht systemrelevant. Ganz deutlich systemirrelevant. Hört auf, euch selbst zu veräppeln. Und unabhängig hiervon, so sehr Bücher auch geistig munden mögen, der Streifzug durch die Buchhandlung sind keine drei Mahlzeiten im Magen. Voraussetzung der Kunst ist vielmehr, dass die systemrelevanten Berufe funktionieren. Schiebt euch übrigens die Romantisierung des Künstlerdaseins sonst wohin. Künstler die sich mit Übersetzungen, Stipendien, Preisen und Buchverkauf jedes Jahr über Wasser halten können, sind zweifelsohne die Bourgeoisie des Schreibens, das ist nicht die Wirklichkeit der Schreibenden. Die Wirklichkeit der Schreibenden ist ein Brotjob der das Schreiben erst ermöglicht. Insofern müssten die Bourgeoisie des Schreibens, wenn denn schon romantisch verklärt werden muss, vielmehr die Brotberufe der Schreibenden romantisch als systemrelevant verklären.
Kunst kann nur in der Masse und Breite gedeihen, wenn Frieden herrscht, ein Mindestmaß an Sicherheit, Ordnung und materieller Zufriedenheit gesellschaftlich gewährleistet ist.

Das Individuum mag im Einzelfall stark genug sein, trotz und gerade wegen der widrigen Umstände Kunst zu produzieren, jedoch ist dies die eigene ihm-ihr innewohnende, wenn auch verzweifelte Kraft.

Aber die Maschinen funktionieren ohne Kunst, das zu Tode hungernde und kranke Kind braucht nicht zuvörderst den Künstler.

Man muss sich vor die Augen führen: Kunst ist Kaviar.

Billiger Kaviar zwar oder vom Feinsten. Aber das Leben heute kommt, nur‘ mit Brot, Geld und `nem Staat aus, der im Zweifel dafür sorgt, dass dein Nächster dich nicht ausraubt und falls der dies tut, bestraft wird. Und wenn der Räuber dich niederschlägt, sorgen sich Pfleger um dich, Ärzte. Auch da bringt dir ganz einfach Kunst rein nichts.

Was bringt dann Kunst vielleicht noch von Systemrelevanz? Relativ einfach: Kunst bringt Hoffnung, Essenz des Menschseins. Individuelle Hoffnung und Essenzen des Menschseins aber halten den Staat oder die Wirtschaft nicht am Leben. Hoffnung ist aus transaktioneller Sicht ein Luxusgut des Einzelnen. Transaktion kennt nur den Pragmatismus, den beidseitigen, aber oft ungleich verteilten, Nutzen und die Sicherstellung all der Umstände die Transaktionen möglich zu machen. Und ein aus transaktioneller Sicht betrachtet gegebenes Luxusgut des Einzelnen ohne Bedeutung für Transaktionen selbst, ein systemirrelevanter ideeller Wert also, dass das Individuum auch noch regulär zum Reclampreis ergattern kann, ist schlichtweg uninteressant für die breite marktwirtschaftliche Dynamik. Daher sollten freischaffende Künstler auch nicht darauf beharren, ,systemrelevant‘ zu sein. Weil in dem Moment, wo sie das sind, könnten und ja müssten sie zwangsweise nur PolitikerInnen sein. Also Kaviarexperten kollektiver Hoffnungen.

2. Literatur als Kaviar (paar Gedanken)

Aus der marxistischen Literaturtheorie folgt ganz grob die Auffassung der Literatur als Überbau. Ganz grob werden unter sicher vielen anderen daraus diese drei Meinungen gezogen.

1. Literatur als dialektischer Spiegel der Gesellschaft. Sie reflektiert die Gesellschaft mit u.a. ihren sozialen Konflikten immer wieder, führt so zu einer Veränderung der Gesellschaft ihrerseits und reflektiert diese wiederum bis evtl. zur Utopie.

2. Dem entgegengesetzt diametral, die Literatur nimmt direkt steuernd Einfluss auf die Gesellschaft, durch weltanschauliche Einflussnahme hat sie mithin das Vermögen, die Gesellschaft zu lenken.
3. Literatur wird nach `ner anderen Auffassung als stabilisierende Komponente des sowieso Bestehenden festgelegt. Der Gesellschaft heute wohnt ein Mangel an Sinn inne, eine Lücke. Diese wird mitunter durch Literatur ausgefüllt. Dem modernen Zusammenleben mangelt es an Sinn, während dem Individuum es immer nach Sinn gelüsten wird. In dieses Dilemma grätscht sozusagen die Literatur und füllt die Lücke. Die Literatur schafft eine fiktive Realität, mithin beschwichtigt sie aufkeimende Aktivität, stabilisiert den Status Quo.

Das nach dem politischen und wirtschaftlichen Konsens die Schriftstellerei keine Systemrelevanz aufweist stützen meines Erachtens alle drei Punkte.

1. Die Literatur ist zu reflektiv-hinterfragend als das sie in der Krise pragmatische Gefahrenabwehr vereinfacht.

2. Das weltanschaulich-steuernde Potential der Literatur ist auch nicht dienlich zum Erhalt der Wirtschaftsbasis.

3. Der beschwichtigende Faktor zum Erhalt des Status Quo von Literatur bedarf keiner besonderen Förderung. Sinnsuche ist den Menschen sowieso immanent und ein Bedürfnis. Es gibt immer genug Werke zur Ausfüllung der Sinnlücke. Im Falle einer Krise, wie eben auch jetzt Covid, ist die Bekämpfung der Seuche bereits derart eine Herausforderung gesamtgesellschaftlich, dass ein kleiner Teil des Überbaus, wie die Literatur, der sowieso im Normalzustand schon notorisch unterbezahlt, prima‘ gedeiht, nicht eigens einer besonderen Stützung bedarf. Dennoch ist es sinnvoll diese 3. Funktion der Literatur zur Stabilisierung immerhin etwas zu stützen, da dies wiederum in Anbetracht vom Kosten-Nutzen-Verhältnis stabilisierend wirkt: Daher ist die Hilfe für Solo-Selbstständige Künstler zumindest minimal auch gewissermaßen eine systemrelevante.