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19.04.2020, Jamal Tuschick

James Bond als Trostfigur

Der erste James Bond-Roman erscheint im Jahr der Krönung Ihrer Majestät der Königin von England 1953. „Casino Royale“ zeigt vor allem, dass James Bond von seinem Schöpfer nicht als unschlagbarer Hulk angelegt wurde. Bond zweifelt an seinen Fähigkeiten. Er beweist zwar enorme Einsatzbereitschaft …

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James Bonds anhaltende Wirkung erklärt sich mit seiner Funktion als Trostfigur. Bond ist der britische Rambo. So wie der Vietnamkrieg im amerikanischen Kino transformiert wurde, so verwandelte Bond-Schöpfer Ian Fleming den Verlust der britischen Kolonien in einen Kultursieg. Deshalb ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass sich die englische Königin gemeinsam mit einem Bond-Darsteller 2012 bei einer imperialen Geschichtsshow gut gepaart wähnte. Matthew Parker bringt das Detail in seiner Fleming-Biografie „Goldeneye“, die zu ausufernden Erörterungen Anlass gibt.

Er ist einer von denen, die in den Tropen einen Schlag abbekommen haben. Der Typus taucht bei William Somerset Maugham auf, bei Joseph Conrad, Graham Greene und Georges Simenon. Die Autoren waren Zeugen eines epochalen Abschieds. Ihre Werke konservieren die Safari Lodge im Abendglanz.

Der Abschied begann faustisch mit dem Anfang.

„Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles was entsteht; Ist wert, dass es zugrunde geht; Drum besser wärs wenn nichts entstünde. So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element.“

Die europäischen Mutterländer wirkten wie kleine Räuber, die ihre afrikanisch-asiatisch-australisch-amerikanische Beute quer im Maul davonschleppten. Sie verhoben sich zu ihrem Vorteil. Nimmt man die Vorzeichnungen und Nachspiele dazu, dann währte das angelsächsische Ausbeutungsfestival rund zweihundert Jahre in einer das Empire definierenden Weise.

Matthew Parker, „Goldeneye - Ian Fleming und Jamaika. Wo James Bond zur Welt kam“, aus dem Englischen von Felix Mayer, Septime, 504 Seiten, 26,-

Man wundert sich, dass Parker sich darüber wundert, dass die englische Königin 2012 in einer Kolossalrevue gemeinsam mit James Bond in der Gestalt eines Darstellers auftritt. Dabei liegt nichts näher. Seit der Blutsäufertochter Elisabeth I.* baute das Empire auf Bond in all seinen Erscheinungen.

Um die sklavenhaltergesellschaftliche Ordnung in Gang zu halten, produzierte man in den Internaten des Mutterlandes Führungspersonal wie am Fließband. Jedwedes koloniale Chapter brauchte einen hellen Kopf. Ein höchst prosaischer Charakter gab wenigstens zwei Jahrhunderten seine Konturen. Sein Wesen & Ideal formulierten ästhetische Leitlinien; eine seelische Topografie; eine Ikonografie. Das 19. Jahrhundert lässt sich komplett als britischer Kolonialroman lesen und zwar mit einem stereotypen Figurenkranz. Die Malaria spielt ihre Rolle so wie der vom Glauben abgefallene Priester, der Päderast in seinem Paradies und der morphiumsüchtige Arzt.

Die Kolonien waren Darkrooms europäischer Perversionen. Jede gesellschaftliche Anstrengung verknüpfte und verzweigte sich mit dem/im Kolonialen. Entsprechend geschmiedete Kohorten fühlten sich ohne Schlacht geschlagen, als nach dem Zweiten Weltkrieg das Empire seine Herrlichkeit verlor. Erst im Nachgang wird deutlich wie bildbestimmend der englische/schottische/walisische Stellvertreter Ihrer Majestät war. Denken Sie an die in den Kolonien gemachten Vermögen im Arthur Conan Doyle-Universum.

Auch George Orwell gehört in die Reihe der genannten Schriftsteller; und so auch Fleming, dessen Profil in den märchenhaften Umdeutungen der Kunstfigur James Bond verloren ging. Ursprünglich ist Bond einfach nur einer von denen, die im Feld einen Schlag abbekommen haben und deshalb für das zivile Leben verloren sind. Dem draufgängerischen Junggesellen fehlt nach bürgerlichen Maßstäben das Vorbildliche. Man hat ihn auf Herrschaftsaufgaben vorbereitet, die in seiner virilsten Stunde von der imperialen Agenda gestrichen wurden. Unabhängigkeitsbewegungen löcken mächtig wider den Stachel. Jetzt, da keine weißbritische Armee mehr dagegenhält, muss ein Mann genügen.

Sir Francis Drake (hier um 1580) ging James Bond voran. Sean Connery als 007 um 1970

Da wir so viel Zeit haben, erzähle ich erst noch einmal die tiefe Geschichte, die Fleming vorgreift; die lange für ewig gehaltene Bestallung des Schweinehirten zum Befehlshaber.

Alltägliche Exzellenz

Und schon kommt Martin Frobisher, wieder so ein sechzehntes Kind und leidenschaftlicher Freibeuter - erst im Kampf gegen die englische Krone, dann vehement in ihren Diensten. Frobisher beginnt seine Karriere als Brigant auf den Kanalinseln, er lernt Frömmigkeit im Kerker, segelt als Vize unter Francis Drake, verschleppt Menschen, heiratet über seine Verhältnisse, schlägt in einer Seeschlacht einmal die Spanier fast im Alleingang, erhält den Ritterschlag und verliert als rechte Hand von Walter Raleigh ein Auge im Gefecht.

Das ist alltägliche Exzellenz im 16. Jahrhundert. Seefahrer nehmen Gebiete stellvertretend in Besitz. Sie errichten Kreuze, schneiden Königsnamen in Bäume und lassen wie die Mondfahrer Flaggen zurück. Drei Mal bricht Frobisher auf, um die Nordwestpassage der englischen Krone zu sichern. Die Krone trägt eine Tochter des Blutsäufers Heinrich VIII. als Jungfrau auf dem Thron. Elisabeth I. (1533 – 1603) stammt aus einer vom Papst verurteilten Verbindung mit Anne Boleyn, während es eine römisch legitimierte Konkurrentin gibt - Maria Stuart. Elisabeth zementiert ihre Macht nicht nur im Ausbau der Anglikanischen Gemeinschaft, diesem konfessionellen Tollhaus nach Heinrichs Plaisir. Sie nimmt auch Verwandte gefangen.

Vor Elisabeth steht Mary Grey (1545 – 1578) in der Thronfolge: als Großnichte des letzten Königs, Enkelin einer französischen Königin und Schwester der englischen Kurzzeitkönigin Jane Grey. Heimlich heiratet sie den unpassenden Thomas Keyes. Elisabeth fürchtet den Nachwuchs, deshalb lässt sie Mary festsetzen.

Auch für Mary ist Macht unabänderlich eine Frage der Herkunft. Die von der Freiheit ab- und von der Natur kleingehaltene Anwärterin verbreitet den Irrsinn ihrer Zeit. Marys Korrespondenz spiegelt das Elisabethanische Gomorra. Wird man im Beat weggeschossener Beine, verdreckter Beischläfer, bekennender Päderasten und anderer Kloaken erst einmal vom Rhythmus der Pest und Pocken erfasst, dann flutscht die Lektüre wie auf einer Wendelrutsche im Spaßbad. Jede Lady ist eine Macbeth, wie sie durch die Tudorrose spricht. Das Zeitalter hält sich die Nase zu, um nicht von Flöhen zum Niesen gebracht zu werden. Wo das Blut fließt und die Ratte springt, da geht der Unterschied zwischen affektiv und affektiert gegen Null. Man rülpst nach Mahlzeiten, die zu kalt, zu fett, zu opulent oder vergiftet auf die Tische kommen. Man spuckt auf Perserteppiche und rotzt in Hermelinkragen. Schlechtes Wetter macht Epoche. Spanien scheitert 1588 bei dem Versuch, die Insel einzunehmen. Die Armada unterliegt dem englischen Wetter. Das spanische Desaster befördert England zur Großmacht.

Frobishers Bedeutung hängt nicht vom Gelingen ab. Er scheitert bei allen, mit den höchsten Erwartungen verbundenen und folglich extrem populären Erkundungen eines (nordwestlichen) Durchgangs zu den orientalischen Märkten. Trotzdem erscheint Frobisher seiner Zeit enorm. Er zählt zu jenem dreckigen Dutzend erklärter Staatsfeinde, die in einem nobilitierenden Verhältnis zu Elisabeth I. glänzend wirkt. Man findet den Günstlingsbetrieb und die Argonauten-Patronage der ledig gebliebenen Königin nicht genug beleuchtet. Wer da wen anschmachtet. Wie Herz und Kalkül sich die Waage halten.

Die Spanier und die ihnen zunächst überlegenen Portugiesen entgehen landläufigen arabischen Erpressungen und Preistreibereien auf einem Seeweg nach Indien. Um sich nicht weiter in die Quere zu kommen, hat sich Papst Alexander VI. (Rodrigo Borgia) dazu herabgelassen, im Vertrag von Tordesillas 1494 die Welt von Pol zu Pol aufzuteilen.

Borgia gibt seiner Epoche das Gesicht, er ist der Renaissancefürst. Was aber geschieht der königlichen Kirchenmaus Elisabeth in ihrem Armenhaus England? Will sie Ärger vermeiden, braucht sie eine eigene Route zu den Gewürzinseln und allem, was sagenhaft ist im Fernen Osten. Ihre Piloten vermuten eine Passage im arktischen Archipel des Nordpolarmeeres. Sie erliegen bei den nördlichen Erkundungen den gleichen Irrtümern wie bei den südlichen. Atlantische Mündungstrichter werden für pazifische Ausläufer und Flüsse für Straßen zum Pazifik gehalten.

In der Neuen Welt treiben europäische Abenteurer Handel, Krieg, Landwirtschaft und alle seemännischen Handwerke nach generalistischen Devisen. Sie folgen Giovanni da Verrazano, der für Frankreich von Florida bis Neufundland eine Riesenfläche in Besitz nimmt. Leute, die auf eigene Rechnung Geschäfte machen, den Kontinent by the way kartografierend, nennt man Venturer.

Francis Drake (1540 – 1596) ist königlicher Korsar und Venturer. Er ärgert sich über eine Handelsbeschränkung. Katholische Siedler dürfen von Protestanten keine Sklaven kaufen. Drake schießt auf jeden, der einen Engländer keinen guten Geschäftsmann sein lässt. Dann ist er lieber „Teufel als Mensch“. Indem Drake Verbrechen begeht, erfüllt sich für ihn das Leben eines Edelmannes. Er hält alles für eine Frage der Willenskraft. Wäre Clausewitz früher dran gewesen, Drake hätte ihm widersprochen. Clausewitz setzt „die Größe der vorhandenen Mittel“ und „die Stärke der Willenskraft“ in eins. Sollte ihm der Gegner mannschaftlich nicht bis zur Ehrlosigkeit überlegen sein, kommt Drake aus dem Gähnen nicht heraus. Seit einer Woche ankert er vor Tortuga und es ist erst ein Mord an Bord geschehen.

Die Luft steht über dem natürlichen Hafen. Der fähigste Pirat und größte Schwarm der Jungfrau auf dem Thron zwingt an Deck seiner „Red Jane“ Prozessionsspinner in eine Kreisbewegung, um einmal wieder festzustellen, dass die Spinner einander folgen müssen. Zudem erlangt eine pazifische Feldgrille seine Aufmerksamkeit. Die Hitze prallt geschossartig auf das Deck. Da trifft ihn ein Kirschkern am Kopf. So macht sich eine Gewerbetreibende bemerkbar. Die Obst- und Gemüsehändlerinnen von Tortuga haben mit den „Weibern der Wilden“, die Kolumbus auf den „westindischen Inseln“ traf, nichts mehr gemeinsam. Als das Flaggschiff des Kolumbus seine Seetüchtigkeit verlor, bargen die Marktbeschickerinnen des Kaziken Guacanagari „mit großem Mut und Eifer“ die Ladung.

„Nirgends in der zivilisierten Welt konnte Gastfreundschaft reiner geübt werden, als sie von diesen Wilden geübt wurde. Alle Dinge, die vom Schiff kamen, ließ Guacanagari in einer Villa unbewacht anhäufen. Der gemeine Mann zeigte keine Neigung, aus dem Unglück des Admirals Profit zu schlagen.“

*

Auf Tortuga leben fünftausend Zugezogene nach eigenem Gesetz. Sie haben sich eine Verfassung gegeben, die jedem Mann volle Freiheit einräumt. Das gilt auch für entsprungene Sklaven. Hat der Schmied einen Hals vom Eisen befreit, wird gleich eine schwarze Messe gelesen. Das geht als Rummel mit Wildschweinragout, Krabbensalat, Guave-Rum-Longdrinks, Sandelholz-Erleuchtungen und Trance-Operetten über die Bühne. Berühmte Zweikämpfer vergleichen sich in ihren Stilen.

Auf Tortuga gibt es keine Sperrstunde. Vögel und Schweine sind überschüssig vorhanden so wie natürliche Kräutergärten. Das sind regelrechte Apotheken auf der Wiese. Das Meer lässt seinen Überfluss über die Ufer treten.

Ein Wort, das nie laut fällt, ist Trépanation. Die Gilde der Schädelbohrer schwärmt nächtens aus. Die Bohrer gehören zur regulären Bewaffnung mancher Bukanier-Secessionen.

Schädel werden im Zuge chirurgischer, magischer und ritueller Maßnahmen geöffnet. Entfesselte Europäer übernehmen Motive aus dem Voodoo-Portfolio. Sie lassen sich tätowieren, piercen, rasieren und gegebenenfalls auch ohne medizinischen Grund ein Loch in den Kopf bohren, um die Freiheit als ungeheure Erfahrung archaisch zu schmücken. Die Entbindung von allen europäischen Schranken stößt den Bukanier zurück in die Steinzeit.

Eine Funktion extremer Körpergestaltung ist der aktive Selbstausschluss. Der Bukanier zeigt an, dass er mit der Alten Welt fertig ist. Er kann nicht mehr zurück. Das macht ihn vertrauenswürdig; es macht ihn zum Bruder. Die karibische „Bruderhilfe“ kennt Renten- und Krankenkassen. Sie empfiehlt, sich gegen Erwerbsunfähigkeit zu versichern. Es gibt Piraten-Manifeste und –Statuten und die ersten standesamtlichen Eheschließungen. Gleichgeschlechtliche Verbindungen sind den Alternativen gleichgestellt. Während in Europa Ehen zwischen Katholiken und Protestanten verboten sind, kann sich in der Karibik alles paaren. Auch deshalb heißt es: Auf nach Tortuga! Piraterie ist ein Motor der demokratischen Zukunft. Damit einher gehen Exzesse, es geschieht viel im Geheimen.

Louis Crescendo Lafitte kommt an Bord, Drake lässt zur Unterhaltung des Besuchers einen Gebundenen in die Kapitänskajüte bringen. Dem Unfreien wurde weisgemacht, in Europa gäbe es Leute, die wie Esel sich äußern. Man hat ihm die Eselsprache beigebracht. Nun bittet man ihn mit der Peitsche, seine Kenntnisse zum Besten zu geben. Ein Troubadour namens Bulldog John, genannt Tongue Bar, singt im Anschluss „I bought my fiddle for ninepence“ und „Don't be cruel“.

Drakes Bordautor sieht sich an Land um. Harlekine tauchen auf und zischen ab wie Brause. Bettler täuschen Gebrechen vor. Krokodile chillen mit offenem Maul. Eine gefiederte Putzkolonne ist inzwischen fleißig bei der Reinigung der Reptilgebisse.

Der Schriftsteller bemerkt „ein buntes Gemisch“, „grämliches Laubwerk“, „glanzüberzogene Blätter“, „Federn in den Farben des Regenbogens“, „hochrote Flamingos“, „nobiles Gefieder“ und – jetzt spreizt sich die Gazelle – „die tiefklare Bläue des Himmels in den prächtigsten Tinten“.

Den Rum in der „Grünen Laterne“ lässt der Schriftsteller nicht alt werden. Er trinkt in Gesellschaft von August Magon, Corsaire du Roi. Die Tür bricht aus dem Rahmen und ein Mann erfüllt die Kneipe mit seiner Anwesenheit. Magon begrüßt Robert Surcouf, Kommandant der „Créole“ und Chevalier de la Légion d`Honneur. Der französische Strand- und Seeräuber wechselt Flaggen wie Heinrich von Navarra Konfessionen. Im Grunde seines Herzens hält er es aber mit den Engländern und sich für einen Armoricaner. Er nennt seine Heimat Britannia.

Für Piraten ist Tortuga „ein Elysium“. Nirgendwo lässt sich besser über den Ursprung des Lebens nachdenken, Gymnastik treiben und eine Ohrwurmsammlung anlegen.

„Es liegt ein Zauber in tropischen Nächten“, bemerkt der Schriftsteller. Er erwähnt „die hin- und herfahrenden Lichtfunken phosphoreszierender Käfer.“

Man nutzt die aus den Angeln gerissene Tür als Platte. Surcouf nagelt einen Mann darauf, der das Andenken der Marie Marchand mit einer Bemerkung schändete. Marie war eine Tochter der Karibik. Sie verriet Korsaren eine günstige Gelegenheit, flog auf und wurde festgesetzt. Giant (Timor) Greystone persönlich fand es angebracht, Marie zu befreien. Als Vogelfreie nannte sie sich Marie la Sanglante (Bloody Mary). Greystone wollte sie zur Frau. Er warb um sie bis zum Tag ihres Todes auf See. 

*

„Ein Orkan beunruhigt die Großen Antillen.“

Wetterphänomene handelt man seitenlang ab. Manchmal durchbricht Einbildungskraft die Dämme der sachlichen Naturbetrachtung und treibt Gegenstände auf, die alle Erwartungen übertreffen, so wie Gewürzpflanzen, die von Botanikern zwar als hübsch, aber geschmacklos klassifiziert werden, beliebige Kalkschalen, die der Schriftsteller für aufgegebene Schatzkammern hält.

Allgemein vergleicht man das karibische Meer mit einem Mann, der nicht leicht zum Zorn gereizt werden kann, dessen Ausbrüche ebenso heftig wie selten sind. So sei der Atlantik vor den Antillen: furchtbar, wenn er einmal erregt ist. Er bricht und überschwemmt alles.

Die Gründung der Ostindischen Handelscompagnie

Das 16. Jahrhundert geht seinem Ende längst entgegen, als England Anstalten erst macht, auf den Meeren sich zu bewähren. Elisabeth ruft ihre besten Kaufleute, den Grafen von Cumberland sowie zweihundert Ritter zusammen und befiehlt die Gründung der Ostindischen Handelscompagnie. Compagnie bedeutet Brotgenossenschaft. Die Königin erstrebt mit der English East India Compagnie eine Brotgenossenschaft des Reiches.

Von zwölf englischen Kauffahrten vor 1600 verlaufen acht unglücklich. Dennoch ergibt sich für die Firma ein Gewinn von durchschnittlich zweihundert Prozent. Zum kauf- und seemännischen Gelingen rechnet man illegale Erwerbungen. Raub und Diebstahl zu Lande und auf See bestehen gleichmäßig neben geschäftsförmigen Abwicklungen und werden ordentlich vermerkt.

Durch England geht ein Ruck. Kaufleute rühren die Nation. Sie produzieren divers für die überseeischen Märkte. Man reist nicht überall mit dem gleichen Tinnef an. Hoheitlich wirkende Unternehmer schlagen Münzen, heben Truppen aus und rüsten Faktoreien. Bis ins 17. Jahrhundert besteht ein kaufmännischer Gesandtschaftsbetrieb fort, der im Stil von Reiseregentschaften Audienzen bei Potentaten anstrebt. Homo oeconomicus übernimmt die Regie auch in der Umdeutung von Konflikten und bei der Verteidigung europäischer Interessen an diesem und jenem Hindukusch. Die Privatisierung greift um sich und mit ihr die bürgerliche Emanzipation. Elisabeths Kapitäne sind amtlich bestallte Piraten, aus ihnen spricht bürgerlicher Aufstiegswille. Ihre Dynamik spült die von Papst Alexander VI. im Vertrag von Tordesillas 1494 katholisch fundamentalisierte Weltordnung weg.

Den Bestimmer der English East India Compagnie untersteht in Übersee jede Gerichtsbarkeit und das Militär. Sie hatten das Recht, Krieg zu führen und Frieden zu schließen. Die im Court of Proprietors (of East India Compagnie) zusammengeschlossenen Direktoren setzen Könige ein. Anspielend auf die jungfräuliche (ledig/kinderlos gebliebene) Elisabeth, nennt man die Handelsgesellschaft Hamamelis virginiana - Virginische Zaubernuss.

Einen Sheriff von London, Thomas Smythe, macht Elisabeth zum ersten Gouverneur der Ostindien Compagnie. Er managt auch das englische Engagement in Westindien. Den ersten vier Ostindienfahrten gewährt die Königin das Privileg der Abgabenfreiheit, um ein hohes Risiko nicht noch teurer zu machen. Ein Schiff tauft sie auf den Namen „The Trade's Increase“.

Es kommt zu Schlägereien mit Niederländern und Portugiesen. Jede Partei spielt sich als Monopolist von Gottes Gnaden auf. Den lokalen Herrschern verspricht der Wettbewerb Vorteile. Fürsten reiben sich die Hände.

Der Puritanismus greift um sich. Engländer, Holländer, Norweger, Schweden und Dänen drängen an Franzosen und Spaniern vorbei erträumten Bodenschätzen entgegen. Frobisher landet hundert Jahre nach John Cabot in der Neuen Welt. Was er 1578 für England zusammenfasst, bietet bald Walter Raleigh einen mit eigenen Augen nie gesehenen Spielraum. Elisabeth zu Ehren nennt Raleigh 1584 Frobishers Niederlassung Virginia. Man zieht vor allem Tabak in Amerika. Der Tabak bewährt sich als Währung. Ein Frauenzimmer als Hausgenossin kostet hundert Pfund Tabak. Elisabeth veranlasst die Verschiffung von zweihundertsiebzehn Jungfrauen, um das Bevölkerungswachstum in Gang zu bringen. Kein Mensch ahnt Virginias Bedeutung für die Zukunft. Die Gründung ändert das politische Gefüge der Welt. Sie führt zu einer Entmachtung der lateinischen Staaten im überseeischen Betrieb. Britannia rule the waves.

Die angelsächsisch-patriotische Geschichtsschreibung ignoriert einiges, wenn sie behauptet, mit der Landung der Mayflower habe die Erschließung Nordamerikas ihren Anfang genommen. Hundertfünfzig Jahre nach João Vaz Corte-Real erreichen Vertreter des Handelsvereins Plymouth-Compagnie die Neue Welt. Im heutigen Massachusetts gründen sie am 22. Dezember 1620 Plymouth Colony. Am Penobscot entsteht eine Sägemühle, die zur Attraktion für die eingesessene Bevölkerung wird. Man trifft sich zum Sportangeln und zieht weiter zu Joe’s Mühle, auf eine Nachmittagspfeife im Kreis der Nachbarn. Hilfreich ist der sprachbegabte Inder Big Squanto. Den können die Manieren der Engländer nicht aus der Fassung bringen, hat er doch in London gelebt und da auf Geheiß der Plymouth-Company-Granden Gorges und de Briouze eine Dolmetscherausbildung genossen. Die indigene Aristokratie orientiert sich in Stilfragen am Einwanderer. So setzt man sich modisch ab vom Fußvolk. Wasamegin, Regierungschef der Wampanoag, geht soweit, seinen Söhnen englische Zusatznamen zu geben. Er sucht die Nähe zu den Kolonisten auch, um mit ihrer Unterstützung angestammte Feinde wie die Narraganset und Pequot auszurotten. Ihm folgt in den 1660er Jahren sein Sohn Metacom als König Philip, der Bruder heißt Wamsutta-Alexander, auf den Thron. Philip kleidet sich in Boston ein, er lässt sich närrisch von europäischen Stilblüten einnehmen. Er endet auf der Schlachtbank. Seinen Kopf stellen die Puritaner zwanzig Jahre lang vor den Palisaden von Plymouth zur Schau. Das Abschreckungsspektakel zeigt die gewünschte Wirkung. Diese kirchenzüchtigen Eiferchristen sind unduldsam. Hochmut, Rachsucht und Verfolgungslust treiben sie an, von Nächstenliebe und Demut ist nur die Rede. Unter dem religiösen Mantel verbergen sie politische Unzufriedenheit. An Arbeit gewöhnte Männer (im Gegensatz zu den adligen Landnehmern) fordern Selbstbestimmung und freie Verfügung über ihre Erträge. Schließlich gliedert die englische Krone den Zusammenschluss rabiater Pilgrimväter- söhne und -enkel der größeren Massachusetts-Company ein.

Stammesführer im Pyjama auf dem Kriegspfad, Puritaner im Vollrausch, pietistisch vernagelte Landsknechte, Sklaven auf dem Thron, Kinderrepubliken im Herr-der-Fliegen-Stil, polyglotte Analphabeten - nicht zu übersehen ist der pittoreske Charakter der Kolonisierung. Dem allgemeinen Irrsinn zum Opfer fällt im März 1638 die manisch gottesfürchtige Anne Marbury verheiratete Hutchinson. Annes Kritik an der puritanischen Praxis wird von keiner versöhnlichen Note gemildert. Auch machtpolitisch geht Annes Anhängerschaft mit der Brechstange vor. Die Angegriffenen erwidern das Feuer, indem sie Anne sexuell denunzieren. Sie werfen ihr Promiskuität vor. Der Vorwurf kommt nicht allein aus der Not, dass man im Land der Religionsfreiheit keiner weißen Seele die gottesdienstlichen Einzelheiten vorschreiben kann. Die Puritaner dürfen keinen Präzedenzfall schaffen, nach dem sie selbst gerichtet werden können. Annes Ausschluss gelingt trotzdem. Sie jagen Anne und ihre Getreuen bis in die arkadischen Landschaften von Rhode Island.

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