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19.04.2020, Jamal Tuschick

Entspannt in der Geisterbahn

Zeitgleich erschienen in diesem Frühjahr zwei Bücher mit Bekenntnischarakter, die von Depressiven geschrieben wurden. Wir reden über Helene Bockhorst und Benjamin Maack.

Eingebetteter Medieninhalt

Zeitgleich erschienen in diesem Frühjahr zwei Bücher mit Bekenntnischarakter, die von Depressiven geschrieben wurden. Helene Bockhorsts „Die beste Depression der Welt“ folgt gleichermaßen den Direktiven der launischen Verarbeitung und der launischen Verbreitung. Die Erzählerin vergleicht Männer mit Sportsachen und Schutzkappen von geringer Qualität. Sie beißt sich durch das Angebot; man möchte nicht dabei sein. Einer riecht nicht gut. Einer leibhaftet mit Sahne und Glitzersternchen. Das ist übrigens Karsten, ein Garant für schlechten Sex in Situationen, in denen schlechter Sex immer noch besser ist als allein daheim zu bleiben. Den himmlischen Heerscharen des Wohlbefindens entgeht Vera auch in der Beziehung mit Philipp, dem Bodybuilder.

Helene Bockhorst, „Die beste Depression der Welt“, Ullstein, 320 Seiten, 20.-

Helene Bockhorst beschreibt sehr anschaulich die Distanz ihrer Heldin zu dem entweder lappenartigen oder fehlgesteuerten Balzverhalten ihrer Verehrer. Pablo zählt zu den Oldtimern der Kollektion. Er duscht spartanisch und besteht in den Zwischenzeiten auf sexuelle Abstinenz. Außerdem muss er sich die Haare mit viel Gel „machen“. Schließlich wird es Vera zu bunt. Sie fährt ihr Narrenschiff in den Hafen der Ehe mit Anton, der den Rest kaum überragt. Vera verschweigt Antons Vorzüge.

Ganz anders liegen die Verhältnisse bei dem depressiven Benjamin in

Benjamin Maacks Krankheitsgeschichte „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“, Suhrkamp, 333 Seiten, 18,-

Der Erzähler verkörpert den Typus des Drehtürpatienten. Die Psychiatrie ist sein zweites Zuhause. Oft verfügt der Psychiatrie-Erfahrene auch über ein klinisches Vokabular, dass sein Publikum beeindruckt. Er kennt seine Krankheit in- und auswendig. Sie erscheint ihm geradezu wie ein Lebewesen der tückischen Art.

Jedes Geräusch lässt ihn aufhorchen. Jede Person erschreckt ihn.

Der Depressive legt ein Mosaik vorläufiger Endpunkte. Von einer Begegnung in Venedig weiß er in der retrospektiven Betrachtung, dass er sie bereits „erledigt und zerbrochen“ absolvierte.

„An diesem Abend reicht es, mich ein wenig zu betrinken und an Johans Seite in unser Airbnb mit Panoramafenster zum Kanal zu wanken und dort noch irgendeinen Film auf Netflix zu sehen, bei dem ich schnell einschlafe. Am nächsten Morgen bin ich wieder um vier oder halb fünf wach …“

Wiederum sehr anders als Bockhorst ehrt der Erzähler seine Beziehungsperson. Friederike geht mit ihm an ihre Grenzen. Die Grenzen schließen eine Familiengründung ein.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk beschrieb Maack die Krankheit als Angreiferin des eigenen Körpers. „Bei Depressionen seien es eben die eigenen Gedanken, die ihn immer wieder angegriffen haben und - in einer Endlosschleife - immer härter attackieren.

Aus der Ankündigung

»Bin ich jetzt ein Leben müde?«, fragt Benjamin Maack, als er mit seinem großen, schwarzen Rollkoffer vor der Psychiatrie steht. Vier Jahre zuvor hatte er sich schon einmal eingewiesen, nach einem Nervenzusammenbruch – die Diagnose: Depression. Jetzt ist er wieder hier und berichtet von den letzten Nächten, die er nicht mehr im Ehebett, sondern auf dem Sofa verbringt, schlaflos, nervös, in Panik. Und dem Alltag in der Klinik, wie er mit den Mitpatienten »Alarm für Cobra 11« schaut oder im großen Aufenthaltsraum Delfine im Mondlicht puzzelt. Wie ihm statt Frau und Kindern die Pfleger zum 40. Geburtstag gratulieren und wie er in der Kreativwerkstatt lernt, zu sticken. Er erzählt von Medikamenten, ihren Nebenwirkungen, von Selbstmordgedanken und jenem Abend, an dem auch starke Beruhigungsmittel nicht mehr helfen und er auf »die Geschlossene hinter der Geschlossenen« verlegt wird – ständig schwankend zwischen Hoffnung und tiefer Verzweiflung.

Zwischenlösung Leben

Im Flur von Bockhorts Vera verstauben Pfandflaschen. In einer Ecke stapelt sich Altpapier. Vera ist noch zu jung, um in einer aufgeräumten Wohnung an die Grenzen ihrer Möglichkeiten zu stoßen. Die Einraumnot- und Zwischenmietlösungen sind in jedem Fall nur Transitstationen und so völlig vorläufig wie der Ehemann und die Liebhaber, mit denen die Heldin ihre Depression bekämpft.

Maaks Erzähler lebt gewiss in aufgeräumten Verhältnissen. Wenigstens nominell erfüllt Benjamin Vater- und Gattenfunktionen. Er befragt seine Motive. Handelt er aus Liebe? Oder dienen seine Rollen dem bloßen Überleben?

In der kaltherzigen Götterperspektive suspendiert sich Benjamin zuzeiten von den Anstrengungen der Normalität. Er geht stiften in die Psychiatrie, wo ihm längst alles sehr vertraut ist und die geringsten Anforderungen seine Kontingente herausfordern.

„Ich bin entspannt in der Geisterbahn, weil ich weiß, dass ich der Zombie bin.“

Helene Bockhorst ist Stand-Up-Comedienne und Poetry Slammerin. 2018 hat sie als erste Frau den Hamburger Comedy Pokal gewonnen, und nun ist sie mit ihrem abendfüllenden Solo-Programm „Die fabelhafte Welt der Therapie“ auf Tour.

Benjamin Maack, geboren 1978, studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Volkskunde. Er veröffentlichte die Kurzgeschichten- und Gedichtbände Du bist es nicht, Coca Cola ist es (2004), Die Welt ist ein Parkplatz und endet vor Disneyland (2007) und Monster (2012). Neben weiteren Auszeichnungen wurde ihm beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2013 der 3sat-Preis sowie der Förderpreis zum Hermann-Hesse-Preis 2016 verliehen. Er lebt und arbeitet als Autor und Journalist in Hamburg.