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20.04.2020, Jamal Tuschick

Tagesausflug in die Normalität

Eingebetteter Medieninhalt

Benjamin Maaks depressiver Erzähler Benjamin Maack zieht sich bei jeder Gelegenheit zurück. Er hält sich für eine kümmerliche Zumutung. Sich selbst unterstellt er zu wenig Ich, um überhaupt antreten zu dürfen.  

„Ich bin krank, denke ich, und bin beruhigt.“

Benjamin treibt die Vorstellung des grundsätzlichen Nichtgenügens um. Er hält sich für einen Fake als Redakteur, Autor, Vater, Ehemann und Kranker. Seine Selbstzweifel finden Zustimmung. Doch muss Benjamin stets noch weiter gehen, bis seine Lage aussichtslos genug erscheint - und ein Anspruch auf klinische Versorgung so gerechtfertigt, dass für einen Augenblick Ruhe einkehrt und der Proband seeelenruhig im Hier & Jetzt durchhängen kann.

Die Stresspausen sind kurz; Benjamins Tage „erstarren zu Choreografien“. Nirgendwo wirkt er gesünder als auf Facebook.

Benjamin Maacks Krankheitsgeschichte „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“, Suhrkamp, 333 Seiten, 18,-

Darüber könnte man sich unterhalten. Ist es nicht ein Erfolgsgeheimnis von Facebook, dass es seinen Nutzer*innen erlaubt, ihrem Ideal-Ich einen Raum zu geben, in dem sie niemals über die Stränge schlagen und keine finanziellen Sorgen haben; in dem man ihren Musikgeschmack tadellos findet. Nie posten sie ein peinliches Bild. Ihre minderjährigen Angehörigen lassen sie verantwortungsbewusst außen vor. Man würde ihnen glatt den Wohnungszweitschlüssel für alle Fälle anvertrauen.

Sie spiegeln sich in einer polierten Fassade, und man selbst spiegelt sich mit.

Das Glück der Entmündigten

Seit Tagen quälen Benjamin Kopfschmerzen. Tabletten helfen nicht. Jemand verteidigt Moskau mit seinem „Krückenmaschinengewehr“, und Benjamin fühlt sich auf seiner Krankenhausstation zuhause.

Jedes Wohlbefinden wird torpediert. Benjamin klagt sich durch sämtliche Foren des Unvermögens. Selbst bei der Kunsttherapie belastet ihn ein Mangel an Talent.

Benjamin entstellt sich und träumt von einem Smoothie-Finale.

„Mit diesem Blick aus dem Fenster auf die Wolken … und die Bäume könnte es vorbei sein.“

Die Aussicht auf ein rasches Ende tröstet. Benjamin glaubt sich darauf verlassen zu können, dass seine Familie ohne ihn klarkommt.

Er malt Schriftbilder.

Er schlägt sich auf die Seite der Schwachen, die sich gern von der Schwester sagen lassen, wie lange sie noch fernsehen dürfen.

Soziales Lasso

Er unternimmt Tagesausflüge in die Normalität. Das Wetter ist brutal gut. Das macht es nicht leichter für den Abgesprengten. Wieder „beginnen die Gedanken sich selbst zu denken“. Benjamin ist der Tumult, in dem er steckt.

Eine Schmerzröhre schließt ihn ein.

Ich habe vierzig Jahre die Selbstbefreiungsversuche einer Depressiven empathisch erlebt. Ich spürte, wie für sie immer wieder alles zerbröselte und sich nichts zur Anhaftung anbot. Regression wirkt in dieser Verfassung erlösend. Auch davon erzählt Maack. Das mit dem Schwung der Liebe geworfene, soziale Lasso erreicht ihn schließlich nicht mehr. Er gerät in den geschlossenen Vollzug und begreift auch das als interessante Erfahrung.

Ich frage mich gerade, worin sich eine Depression von sämtlichen Großkalibern der Verstimmung unterscheidet. Ich glaube, den Depressiven erkennt man daran, dass er sich nicht mehr aufbauen lässt. Die simple Mechanik, mit der sich Nichtdepressive immer wieder gerade machen, funktioniert nicht mehr. Deshalb wird die Funktion zum Zentralgestirn. Im Text sind viele leere Seiten mit dem Wort Funktionieren überschrieben. Nach meinen Beobachtungen gehen viele Verkehrsteilnehmer*innen in der Übergangsphase der späten Dreißiger- und frühen Vierzigerjahre durch ein Tal der Erschöpfung und des matten Weitermachens. Eine bestimmte Sorte kleiner Belohnungen bleibt den Vorräten dauerhaft entzogen. Man muss sich umstellen und lernen, kleinere Brötchen zu backen. Am Feierabendtresen rutscht man aus dem Zentrum. Man erntet keine zufällige Begeisterung mehr. In den Augen der anderen spiegelt sich die eigene schweißfüßige Gewöhnlichkeit. Da muss man sich dann was einfallen lassen. Ich habe mir auf jeder Stufe des natürlichen Verfalls Yoga einfallen lassen; obwohl ich im Ernst nie Yoga gemacht habe. Meine depressive Freundin hat aber ein Yoga-Jetset-Leben begonnen und die Resorts bis nach Hawaii abgeklappert. Sie suchte einen Ersatz für das volle Pfund der Jugend.

Vielleicht ist Maack ja bei aller Selbstdemontage und allen Unzulänglichkeitsoffenbarungen auch auf der Suche nach einem Kick, der ihn startet wie eine schwere Maschine mit einem Kick gestartet wird.

Entspannt in der Geisterbahn

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Zeitgleich erschienen in diesem Frühjahr zwei Bücher mit Bekenntnischarakter, die von Depressiven geschrieben wurden. Helene Bockhorsts „Die beste Depression der Welt“ folgt gleichermaßen den Direktiven der launischen Verarbeitung und der launischen Verbreitung. Die Erzählerin vergleicht Männer mit Sportsachen und Schutzkappen von geringer Qualität. Sie beißt sich durch das Angebot; man möchte nicht dabei sein. Einer riecht nicht gut. Einer leibhaftet mit Sahne und Glitzersternchen. Das ist übrigens Karsten, ein Garant für schlechten Sex in Situationen, in denen schlechter Sex immer noch besser ist als allein daheim zu bleiben. Den himmlischen Heerscharen des Wohlbefindens entgeht Vera auch in der Beziehung mit Philipp, dem Bodybuilder.

Helene Bockhorst, „Die beste Depression der Welt“, Ullstein, 320 Seiten, 20.-

Helene Bockhorst beschreibt sehr anschaulich die Distanz ihrer Heldin zu dem entweder lappenartigen oder fehlgesteuerten Balzverhalten ihrer Verehrer. Pablo zählt zu den Oldtimern der Kollektion. Er duscht spartanisch und besteht in den Zwischenzeiten auf sexuelle Abstinenz. Außerdem muss er sich die Haare mit viel Gel „machen“. Schließlich wird es Vera zu bunt. Sie fährt ihr Narrenschiff in den Hafen der Ehe mit Anton, der den Rest kaum überragt. Vera verschweigt Antons Vorzüge.

Ganz anders liegen die Verhältnisse bei dem depressiven Benjamin in

Benjamin Maacks Krankheitsgeschichte „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“, Suhrkamp, 333 Seiten, 18,-

Der Erzähler verkörpert den Typus des Drehtürpatienten. Die Psychiatrie ist sein zweites Zuhause. Oft verfügt der Psychiatrie-Erfahrene auch über ein klinisches Vokabular, dass sein Publikum beeindruckt. Er kennt seine Krankheit in- und auswendig. Sie erscheint ihm geradezu wie ein Lebewesen der tückischen Art.

Jedes Geräusch lässt ihn aufhorchen. Jede Person erschreckt ihn.

Der Depressive legt ein Mosaik vorläufiger Endpunkte. Von einer Begegnung in Venedig weiß er in der retrospektiven Betrachtung, dass er sie bereits „erledigt und zerbrochen“ absolvierte.

„An diesem Abend reicht es, mich ein wenig zu betrinken und an Johans Seite in unser Airbnb mit Panoramafenster zum Kanal zu wanken und dort noch irgendeinen Film auf Netflix zu sehen, bei dem ich schnell einschlafe. Am nächsten Morgen bin ich wieder um vier oder halb fünf wach …“

Wiederum sehr anders als Bockhorst ehrt der Erzähler seine Beziehungsperson. Friederike geht mit ihm an ihre Grenzen. Die Grenzen schließen eine Familiengründung ein.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk beschrieb Maack die Krankheit als Angreiferin des eigenen Körpers. „Bei Depressionen seien es eben die eigenen Gedanken, die ihn immer wieder angegriffen haben und - in einer Endlosschleife - immer härter attackieren.

Aus der Ankündigung

»Bin ich jetzt ein Leben müde?«, fragt Benjamin Maack, als er mit seinem großen, schwarzen Rollkoffer vor der Psychiatrie steht. Vier Jahre zuvor hatte er sich schon einmal eingewiesen, nach einem Nervenzusammenbruch – die Diagnose: Depression. Jetzt ist er wieder hier und berichtet von den letzten Nächten, die er nicht mehr im Ehebett, sondern auf dem Sofa verbringt, schlaflos, nervös, in Panik. Und dem Alltag in der Klinik, wie er mit den Mitpatienten »Alarm für Cobra 11« schaut oder im großen Aufenthaltsraum Delfine im Mondlicht puzzelt. Wie ihm statt Frau und Kindern die Pfleger zum 40. Geburtstag gratulieren und wie er in der Kreativwerkstatt lernt, zu sticken. Er erzählt von Medikamenten, ihren Nebenwirkungen, von Selbstmordgedanken und jenem Abend, an dem auch starke Beruhigungsmittel nicht mehr helfen und er auf »die Geschlossene hinter der Geschlossenen« verlegt wird – ständig schwankend zwischen Hoffnung und tiefer Verzweiflung.

Zwischenlösung Leben

Im Flur von Bockhorts Vera verstauben Pfandflaschen. In einer Ecke stapelt sich Altpapier. Vera ist noch zu jung, um in einer aufgeräumten Wohnung an die Grenzen ihrer Möglichkeiten zu stoßen. Die Einraumnot- und Zwischenmietlösungen sind in jedem Fall nur Transitstationen und so völlig vorläufig wie der Ehemann und die Liebhaber, mit denen die Heldin ihre Depression bekämpft.

Maaks Erzähler lebt gewiss in aufgeräumten Verhältnissen. Wenigstens nominell erfüllt Benjamin Vater- und Gattenfunktionen. Er befragt seine Motive. Handelt er aus Liebe? Oder dienen seine Rollen dem bloßen Überleben?

In der kaltherzigen Götterperspektive suspendiert sich Benjamin zuzeiten von den Anstrengungen der Normalität. Er geht stiften in die Psychiatrie, wo ihm längst alles sehr vertraut ist und die geringsten Anforderungen seine Kontingente herausfordern.

„Ich bin entspannt in der Geisterbahn, weil ich weiß, dass ich der Zombie bin.“

Benjamin Maack, geboren 1978, studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Volkskunde. Er veröffentlichte die Kurzgeschichten- und Gedichtbände Du bist es nicht, Coca Cola ist es (2004), Die Welt ist ein Parkplatz und endet vor Disneyland (2007) und Monster (2012). Neben weiteren Auszeichnungen wurde ihm beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2013 der 3sat-Preis sowie der Förderpreis zum Hermann-Hesse-Preis 2016 verliehen. Er lebt und arbeitet als Autor und Journalist in Hamburg.

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