MenuMENU

zurück zu Main Labor

21.04.2020, Jamal Tuschick

Ein Beitrag von Kaśka Bryla

Knallvoller Wald

Chronik eines Ausnahmezustands - Residenz-Autor*innen bloggen - Tag für Tag neu. #alleswirdgut

Kaśka Bryla (c) Krahl

17. April 2020, Leipzig

„Hast du dein Ei bereit?“, fragt meine Mutter am Telefon. Ich schaue auf meinen Teller und sehe, dass ich das Ei im Laufe des Gespräches schon gegessen habe. In Polen teilt man traditioneller Weise am Ostersonntag zum Frühstück ein (geweihtes) Ei miteinander. „Bereit“, antworte ich und stecke mir eine Olive in den Mund.
„Dreihundert Meter“, erzählt meine Schwester ebenfalls aus Warschau (anderer Stadtteil als meine Mutter) am Telefon, „gerade weit genug, um zum nächsten Supermarkt und zur nächsten Apotheke zu kommen.“ Das Kleinkind meines Mitbewohners läuft an mir vorbei. „Ei!, Ei!“, ruft es und hält das hartgekochte bunte Ei hoch. Ich winke.
Langsam sei es mühsam keine Freunde zu treffen. Selbst mit ihrem Mann müsse sie auf der Straße zwei Meter Abstand halten, erzählt meine Schwester weiter. Das finde sie doch übertrieben.
Während des Gesprächs scrolle ich die Twitter-Meldungen von sea-eye durch. Die 150 Personen sind noch immer an Bord der Alan Kurdi. Das ist jetzt schon eine Woche her.
„Anstrengend“, pflichte ich meiner Schwester bei. „Aber du wohnst ja mit so vielen Menschen zusammen“, sagt sie. Etwas, das mir in normalen Zeiten selten als Vorteil ausgelegt wird.
In Leipzig bekomme ich die Ausgangsbeschränkung tatsächlich kaum zu spüren. Einerseits liegt das sicher an dem Stadtteil, in dem ich lebe. Connewitz. Der direkt angrenzende Wald ist knallvoll wie im Hochsommer. Zwei Meter Abstand hält niemand ein. Vereinzelt läuft jemand mit einem Mundschutz herum. Das ist aber wirklich die Ausnahme. Auch beim Bäcker sieht mich die alte Frau, die einen halben Meter hinter mir steht und mir in den Rücken hustet, verwundert an, als ich mich umdrehe und sie bemerkt, dass ich den Schal über die Nase gezogen habe. Andererseits würde ich mit meinen braunen Stirnfransen und der weißen Haut auch außerhalb des erlaubten 15 Kilometer Radius wahrscheinlich gar nicht erst kontrolliert werden.
„Hier erwarten wir den Peak Ende April“, sagt meine Schwester. Ich scrolle durch meine Mails. Eine Kollegin aus Wien schreibt mir, dass sie sich als jemand aus der Risikogruppe manchmal furchtbar schlecht fühle, weil wegen ihr „die Jungen“ ihr Leben so sehr einschränken müssen.
Dass es so weit kommt, dass sich die sogenannte „Risikogruppe“ schlecht fühlt, geht mir total auf die Nerven. Genauso wie ich die Augen verdrehe, wenn meine Mutter seit ihrem 65. Lebensjahr darauf besteht, keine lebensverlängernden Maßnahmen durchführen lassen zu wollen. „Und ich soll das dann entscheiden?“, frage ich immer. Natürlich, sagt sie. Weil sie füllt selbstverständlich keine Patient*innenverfügung aus. Allerdings habe ich auch noch nie versucht, ihr dabei zu helfen. So selbstlos bin ich schlichtweg nicht. Ich möchte ja, dass sie ewig lebt. Und schließlich gehört sie zu jenen, die am längsten in dieses Gesundheitssystem einbezahlt haben, also warum soll bei ihr im hohen Alter nicht um jedes weitere Jahr, auch wenn es nur eines ist, gekämpft werden.
Außerdem wird mir bei der dystopischen Vorstellung von einer Gesellschaft mit lauter jungen, gesunden Menschen einfach übel. Wer will denn das?
„Nächstes Jahr feiern wir wieder zusammen“, sage ich zu meiner Schwester und zu meiner Mutter „Wir hören uns später.“ Inzwischen telefonieren wir zwei Mal am Tag. So viele Gespräche, Telefonate Skype-, Zoom- und Jitsi- Dates wie seit dieser Krise hatte ich gefühlt das gesamte Jahr 2019 nicht. Das Wetter macht es zu einem der schönsten Ostersonntage, an die ich mich erinnere. Über 20 Grad. Überall Knospen und kleine grüne Blätter. Ich schmiere mir sogar Sonnencreme ins Gesicht.

Der Text erschien zuerst hier

Kaśka Bryla - In Wien geboren, zwischen Wien und Warschau aufgewachsen. Studium der Volkswirtschaft in Wien, Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie 2015 die Literaturzeitschrift und das Autor_innennetzwerk PS-Politisch Schreiben mitbegründete. Sie war Redakteurin des Monatsmagazins an.schläge, erhielt 2013 das STARTStipendium, 2018 den Exil Preis für Prosa. Seit 2016 gibt sie Kurse zu Kreativem Schreiben in Gefängnissen und für Menschen mit Migrationshintergrund. 2019 inszenierte sie in Leipzig die Reihe Szenogramme. „Roter Affe“ (2020) ist erster Roman. www.kaskabryla.com

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen