MenuMENU

zurück zu Main Labor

23.04.2020, Jamal Tuschick

Auf Bali verzaubert und illuminiert der deutsche Künstler Walter Spies eine höhere Inderin in Umkehrung der üblichen Anordnung mit westlichem Lehrling und östlichem Meister.

Der Geruch von Affenatem*

Eingebetteter Medieninhalt

*Der Titel zitiert eine Zeile aus dem Gedicht „Weiblichkeit“ von Sujata Bhatt. Aus „Stinkrose“, erschienen im Hanser Verlag.

Kurz zu den Gedichten. Sie passen fabelhaft zu „Der Garten meiner Mutter“, einem Roman von Anuradha Roy, dessen Besprechung wir gleich angehen werden:

Es sind Schnappschüsse mit einer entthronenden Wirkung. Die Perspektive bringt Monumente zum Einsturz. Sie macht eine Fürstin aus dem Mädchen, dass Kuhdung im Pistenstaub aufklaubt. Einem Touristen sagt die lyrische Dominanz:

„deine Fotosammlung/ von indischen Tempeln ist unvollständig.“

Jetzt zum Roman - Botanisches Tagebuch

Ein alter Landschaftsgärtner, der als ökologischer Berater eines Nationalparks Meriten erwarb und wegen einer Saxifraga sein Leben aufs Spiel zu setzen bereit war, erinnert sich. Das innere Schauspiel vollzieht sich 1992 in seinem Elternhaus in der fiktiven indischen Stadt Muntazir. Zum Beweis für alles Mögliche könnte der Erzähler jederzeit ein vielbändiges botanisches Tagebuch heranziehen.

Man nennt ihn Myschkin nach dem fürstlich-freundlichen Helden in Dostojewskis Roman „Der Idiot“. In der Gegenwart seiner Kindheit geschieht Folgendes:

An einem Monsunmorgen vor sechzig Jahren verlässt die Mutter die Familie. Sie brennt mit einem Deutschen durch, der für einen Briten gehalten wird, so wie Weiße im Indisch-Allgemeinen.

Anuradha Roy, „Der Garten meiner Mutter“, auf Deutsch von Werner Löcher-Lawrence, Luchterhand Literaturverlag

Die Mutter lässt sich auf Bali nieder. Fortan wartet Myschkin darauf, dass sich die Mutterliebe in einer Heimkehr erfüllt. Jahrzehnte später, längst hält es der Erzähler für angezeigt, „Vorbereitungen für ein geordnetes Ende zu treffen“, bringt Myschkin die Kraft auf, seiner Mutter recht zu geben. 

Walter Spies in den 1930er Jahren auf Bali

1927 - Wie alles begann

In der Obhut ihres Vaters unternimmt die siebzehnjährige Gayatri eine Asienreise. Man ahmt europäische Lebensart nach. Die Unternehmung dient keinem anderen Zweck als der Horizonterweiterung. Auf Bali begegnet Gayatri dem deutschen Musiker und Maler Walter Spies (1895-1942). Er verzaubert und illuminiert die höhere Tochter in einer schönen Umkehrung der üblichen Anordnung mit westlichem Lehrling und östlichem Meister. Spies ist vielseitig beschlagen, eine Ausnahmepersönlichkeit mit enormer Anziehungskraft. Der Sultan von Yogyakarta beschäftigt Spies als Kapellmeister.

Anuradha Roy © Francesca Mantovani

Anuradha Roy hat mehrere Romane verfasst und lebt in Ranikhet, einer Stadt im indischen Himalaya. Die Autorin war 2011 für den Man Asian Booker Prize und 2016 für den Man Booker Prize nominiert, wurde 2011 mit dem Economist Crossword Prize und 2016 mit dem D.S.C. Prize for South Asian Literature ausgezeichnet. Ihr Roman »Der Garten meiner Mutter« kam auf die Shortlist des JCB Fiction Prize 2018, des Hindu Literary Prize 2019, wurde nominiert für den Walter Scott Prize for Historical Fiction 2018 und gewann den Tata Book of the Year Award for Fiction 2018.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen