MenuMENU

zurück zu Main Labor

23.04.2020, Jamal Tuschick

Wolkenkratzer für Höhlenmenschen

Die Krise ist sofort da in Katya Apekinas erstem Roman, der in Amerika als Future Cult Classic Novel gelabelt wird.

1997 unternimmt Marianne Louise Mclean einen Selbstmordversuch, den ihre Töchter unter der Überschrift Mama hat etwas ziemlich Dummes getan seelisch inventarisieren. Die Krise ist sofort da in Katya Apekinas erstem Roman, der in Amerika als Future Cult Classic Novel gelabelt wird.

Edie und Mae wachsen am Rand von New Orleans in Metairie auf. 

Metairie

Die gnädige Tochter

Sie sind die Töchter eines berühmten Schriftstellers und streitbaren Aktivisten, der in ihrem Alltag solange nicht vorkommt, bis ihre Mutter einen Selbstmordversuch unternimmt und sie in die Obhut des Vaters und so von einem südstaatlichen Stadtrand nach New York transferiert werden. Während die sechszehnjährige Edie (Edith) dem Vater das Scheitern der Familie anlastet, zeigt sich die jüngere Schwester Mae begeistert. Es berauscht sie, im Mittelpunkt einer lange entbehrten Aufmerksamkeit zu stehen.

Katya Apekina, „Je tiefer das Wasser“, Roman, auf Deutsch von Brigitte Jakobeit, Suhrkamp, 396 Seiten, 24.-

Edie bilanziert gereizt: „Sie war erst zwei, als er abgehauen ist. Sie weiß also nichts. Ich war vier und erinnere mich noch genau.“

Auch die Verzweiflungstat der Mutter konfiguriert Edie belastend:

„Wahrscheinlich wusste ich, was sie vorhatte, aber ich hielt sie nicht auf.“

Katya Apekina lässt die Hauptakteure in der ersten Person zu Wort kommen. Auch der so erhaben wie geschlagen wirkende Dennis Lomack, Edie bezeichnet ihren Vater so distanziert, man wohnt zurzeit bei Dennis Lomack in NY, kriegt Erzählerzeit. Eine Szene beleuchtet den Liebesanfang in der Elterngeneration Ende der Sechzigerjahre. Bei einem aktivistischen Abenteuer erlebt Dennis eine Felswand als „Wolkenkratzer für Höhlenmenschen“.

„Höllen säumen die Felswand und in jeder brennt ein Lagerfeuer.“

Das berichtet er Marianne in engagierter (triumphaler) Freier-Manier. Dennis ist an Erfolg gewöhnt. Mae charakterisiert ihn als groß, begabt, umschwärmt. Man darf sie für verliebt in ihren Vater halten. Oh, wie es ihr gefällt nach einem altweltlichen Rezept Teigtaschen zu füllen.

Die gnädige Tochter stimmt Dennis besinnlich. Edie wahrt die kritische Distanz. Sie übt einen herablassenden und herausfordernden Umgang auch mit ihrer Schwester, der sie die Tochterbalz übelnimmt; die schillernde Nähe zum Vater.

Für Mae macht sich Dennis zum Affen. Er lässt es zu, dass sie auf ihm surft. Er sehnt sich nach ihrem Vertrauen, obwohl er die Fahrlässigkeit seiner Angebote kennt. Edie weiß Bescheid: „Er wird uns so oft im Stich lassen, wie wir es ihm erlauben.“

Katya Apekina © The Ingalls

Katya Apekina - Geboren in Moskau, mit drei in die USA gekommen, lebt heute in Los Angeles. Auf ihre ersten Texte in Magazinen folgten Stipendien und Auszeichnungen. Sie übersetzt russische Lyrik, schreibt Drehbücher. Ihr Debütroman Je tiefer das Wasser, veröffentlicht in einem kleinen Indie-Verlag, entwickelte sich zum Überraschungserfolg des letzten Jahres, Übersetzungen ins Französische, Spanische, Italienische erscheinen zeitgleich im Frühjahr 2020.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen