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24.04.2020, Jamal Tuschick

Couchhusar

Der Arbeitslose André Choulans ist nach eigener Angabe Geheimagent und blickt auf eine Vergangenheit als Präsidentenberater zurück. Offensichtlich hat der erzählende Sohn Émile das Pech, von einem brutalen Prahlhans in die Mangel genommen zu werden. Die familieninterne Tragik erschöpft sich in der Hilflosigkeit von Mutter und Sohn. Auch Frau Choulans zählt zu den Überforderten im Land.

Zum Schluss kümmert er keinen mehr. Seine Beerdigung kehrt sich von selbst als „kleiner Kummer“ unter den Teppich großformatiger Trauer. Mutter und Sohn gestatten sich einen kommunikativen Augenblick der Ratlosigkeit.

Alles auf Anfang/Lyon in den späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren

André Choulans spielt den cholerischen Großkotz wuchtig monoman. Seine Wut rettet ihn vor der Einsicht, als armes Würstchen in einer Brühe der Belanglosigkeit zu sieden. Er verspricht sich viel von den Volten des Algerienkriegs, in dem Frankreich, anders als in Indochina, lange die Zügel in der Hand behält. De Gaulle ignoriert zwar großzügig die Zeichen der Zeit (Dekolonisierung), trotzdem erscheint er Couchhusaren wie André als Verräter.

André wähnt sich, Gift und Galle spuckend, mit dem Wind. Er entrechtet und misshandelt seine Frau und prügelt so viel Angst in seinen Sohn, bis Émile die absolutistische Herrschaft des Vaters anerkennt und nur noch vom vorauseilenden Gehorsam beschleunigt wird.

Sorj Chalandon, „Mein fremder Vater“, Roman, aus dem Französischen von Brigitte Große, dtv, 272 Seiten, 22,-

André terrorisiert seine Familie mit der Energie eines Unzulänglichen. Reale Niederlagen kontert er mit erfundenen Triumphen. Seinem Sohn gegenüber spielt er sich als Sänger auf, der eine Karriere aus freundschaftlichen Erwägungen platzen ließ. Im Pyjama lässt er Émile strammstehen. Es geht immer um Frankreich und um jene, die gefallen sind, weil de Gaulle nachlässig war und seine Soldaten nicht liebt.

André verkleidet sich vor Émile als militärisch bedeutende Persönlichkeit. Er nötigt das Kind zu Guerillaaktionen. Er lässt es in der Wohnung exerzieren und sperrt es in den Kleiderschrank, der „Besserungsanstalt“. Die Liste ließe sich lange fortsetzen als in jeder Hinsicht triste Serie. Jedes angeführte Beispiel wird überboten. Man weiß überhaupt nicht, wie man diese Tradierung von Erbärmlichkeit über einen analytischen Leisten schlagen soll. In dem kleinbürgerlichen Desaster steckt keine Blume des Bösen. Da ist alles nur Sadismus & Dummheit. Ein schräger Vogel hält seine Familie wie ein Geiselnehmer in Schach. Er tobt sich aus und gibt seiner Phantasie Raum.

André verbietet seinen Opfern nach der Ratifizierung der Verträge von Évian 1962, in denen Frankreich seine Ansprüche aufgibt, den Genuss des namensgleichen Sprudels. Ich erhole mich bei der Vorstellung, dass Vater und Sohn gemeinsam im Sandkasten ihrer Infantilität sitzen.

Der Arbeitslose André ist nach eigener Angabe im Geheimen Agent und blickt auf eine Vergangenheit als Präsidentenberater zurück.

Offensichtlich hat Émile das Pech, von einem Reduzierten in die Mangel genommen zu werden. Dafür spricht, wie andere Leute mit André umgehen. Er scheint sich erledigt zu haben. Die familieninterne Tragik erschöpft sich in der Hilflosigkeit von Mutter und Sohn. Frau Choulans zählt zu den harmlos Überforderten im Land.

Mit dieser Einschätzung gehe ich auf die Terrasse und schöpfe Luft, bevor ich den Roman als Satire weiterlese. Offensichtlich verhöhnt Sorj Chalandon den Ultra André als Heimwehrstrategien mit Defiziten auf der ganzen Linie. Der Schwadroneur suggeriert seinem Sohn eine Verbindung zum Hype der Stunde – dem modernsten Mysterium, das die Welt zu Beginn der Sechzigerjahre der Spekulations- und Sensationsgier anzubieten hat: der Organisation de l’armée secrète (OAS). Die sich aus der französischen Funktionselite rekrutierende OAS kämpfte zunächst gegen die Unabhängigkeit Algeriens und scheiterte im Frühjahr 1961 als Putschlabel. Danach verlegte man sich auf Terror im Mutterland. De Gaulle musste sich vor seinen eigenen Leuten fürchten. Im Roman bejubelt André den zweiten Anschlag auf den Staatschef: das Attentat von Petit-Clamart am 22. August 1962; ins Werk gesetzt von einem Ingenieur im Offiziersrang, den de Gaulle persönlich ausgezeichnet hatte.

Inzwischen gleicht Émile seinem Vater. Unfähig zu normalen Freundschaften, erzieht er den aus Algerien eingewanderten, ihm vielfach überlegenen Luca zum Gefolgsmann. Nun muss der Schwarzfuß turnen. Der Verschwörungswahn endet für Luca fürchterlich, während der Anstifter und Aufwiegler glimpflich davon kommt.

Spätestens an dieser Stelle stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß Émile seinen pathologisch lügenden Vater nicht längst durchschaut - und sich selbst zum Mitspieler in einem Reality Game ohne virtuellen Puffer gemacht hat. Jedenfalls zieht er sich im Folgenden mit konsequenter Desinformation gar nicht unbegabt aus der Affäre. Émile bekommt eine zweite Lebenschance, wird Kunsttischler und als Restaurator zum hochgeschätzten Fachmann. Seinen Eltern gegenüber kultiviert er eine unbegreifliche Nachsicht. Er interessiert sich mit erwachsenen Mitteln für die Psychologie des unmöglichen Vaters, ohne auch nur zu einem interessanten Ergebnis zu kommen. Das Interesse und seine Vergeblichkeit erscheinen so unverständlich wie vieles andere in einem Roman, der weder als Satire noch als ernsthafte Befragung eines Milieus und seiner Akteure funktioniert. Chalandon nimmt sein Personal aufs Korn wie jemand, der sich abreagiert. Hochvermögend jagt er die Choulans‘ durch das Unterholz der Eindimensionalität. Bei mir bleibt André als Karikatur hängen. Émile erschließt sich mir nicht als Persönlichkeit. Trotzdem war ich bis zur letzten Romanseite mit heißen Ohren dabei.

Sorj Chalandon (c) D. Rouvre

Sorj Chalandon, geboren 1952 in Tunis, war viele Jahre lang Journalist bei der Zeitung ›Libération‹ und ist seit 2009 Journalist bei der Wochenzeitung ›Le Canard enchaîné‹. Seine Reportagen über Nordirland und den Prozess gegen Klaus Barbie wurden mit dem Albert-Londres-Preis ausgezeichnet. Auch sein schriftstellerisches Schaffen wurde mit nahezu allen großen französischen Literaturpreisen gewürdigt. Er veröffentlichte zunächst die Romane ›Le petit Bonzi‹ (2005), ›Une promesse‹ (2006, ausgezeichnet mit dem Prix Médicis) und ›Mon traître‹ (2008). ›La légende de nos pères‹ (2009) erschien 2012 als erstes Buch in deutscher Übersetzung u.d.T. ›Die Legende unserer Väter‹. Der folgende Roman ›Retour à Killybegs‹ (2011; dt. ›Rückkehr nach Killybegs‹, 2013) wurde mit dem Grand Prix du roman de l’Académie française 2011 ausgezeichnet und war für den Prix Goncourt 2011 nominiert. Auch der Roman ›Le quatrième mur‹ (2013; dt. ›Die vierte Wand‹, 2015) war für den Prix Goncourt nominiert. Sein semiautobiografischer Roman ›Profession du père‹ (2015; dt. ›Mein fremder Vater‹) wurde mit dem Prix du Style ausgezeichnet.