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25.04.2020, Jamal Tuschick

Flirt oder Flucht

Danzig war mal berühmt. Der Nachruhm ist so anziehend wie eine alte Schnapsfahne. In der kalifornischen Romangegenwart ruiniert der abgehalfterte Maler sein seelisches Gleichgewicht als Proportionenlehrer in Aktzeichenklassen, deren Teilnehmer*innen ihn mit ihren quecksilbrigen Energien überfordern. Eines Tages taucht ein neues Modell im San Francisco Art Institute auf. Merav stammt aus Israel.

Point Reyes - Danzig lebt in der Gegend von San Francisco auf einer Halbinsel mit tosender Brandung vor der Haustür.

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Sie hört das „Geräusch von Kohle auf einer … Seite“. Er verspricht sich von ihr nicht weniger als die „Erneuerung seiner Bestimmung“.

Das beschreibt die fast finale Romankonstellation. In diesem Rahmen vollzieht sich das Schlussgeschehen. Es bestätigt sämtliche Ankündigungen und Vorzeichnungen. Der alte Maler Danzig hat seinen Zenit überschritten. Die Zukunft will von ihm nichts mehr wissen. Noch einmal bäumt er sich auf: in vergeblicher Anstrengung.

Auf der anderen Seite erwartet die Unerreichbarkeit in Gestalt einer Frau das Unvermeidliche. Sie fragt sich:

„Wo ist der Blick, der (mich) bis unter (meine) Knochen erkennen wird?“

Man hat ihr beigebracht, „Israel als eine Insel in einem Meer von Feinden zu begreifen. Die ewige Geschichte erzählt von Helden, die … überleben.“ Merav wehrt sich gegen die Vorstellung, „jederzeit vernichtet werden zu können“. In Amerika sucht sie ihre Freiheit; eine Erlösung von den Verpflichtungen, die sich aus einer in jeder Hinsicht besonderen Lage ergeben. Das professionelle Aktmodell erlaubt dem deutschen Dozenten Danzig, sie in einer extremistischen Landschaft zu malen. Zwischen Merav und Danzig klafft ein Abgrund aus Geschichte. Beide klammern, jeder für sich, vieles aus. Zur Kämpferin erzogen, bleibt für Merav alles zweifelhaft, was eine Aktivierung der Verteidigungsfähigkeiten von jetzt auf gleich gefährden könnte.

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Elizabeth Rosner liefert ihre Heldin einer überwältigenden Kulisse aus. Wir müssen nicht über Attraktivität reden. Danzigs Empfindungen verstehen sich von selbst. Etwas Unauflösbares verknotet sich in der Interaktion. Merav erkennt, dass sie in Amerika ihren heimatlichen Mehrengen nicht entkommt; sowenig wie den Fragen, die seit Großmutter Esthers Flucht aus Holland mehr oder weniger ungeklärt im Raum stehen.

Der innere Brand leuchtet flackernd durch Meravs Hautwände. Er entzündet Danzig.

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Und da kommt Andrea und „sieht besser aus als ein schönes Stück Torte“. Ein halbtoter Künstler ködert die Kellnerin, macht ihr Komplimente, macht, dass sie sich vor ihm auszieht und dann verheddert er sich bis zur Kenntlichkeit im Kleinklein, will aber nicht einsehen, dass er als Schöpfer erledigt ist.

*

Blue Nude - Nu bleu - Blauer Akt heißt ein Bild, das Henri Matisse 1907 malte. Das Werk reißt den Horizont der Moderne im Schwarzen Jahrhundert auf. Gertrude Stein erwarb es im Entstehungsjahr. Elizabeth Rosner komponiert aus der (wie ein verkürzter Vers anmutenden) Zeile einen Romantitel. Ihr Held, ein deutscher Maler, der in Kalifornien knapp am Weltruhm vorbeischrammte und sich in der Handlungsgegenwart als besserer Zeichenlehrer über Wasser hält, könnte seine Begabung an den Furor einer Frau verloren haben, die ihn verfluchte. Irgendwo in Iowa zieht Andrea ein Kind von Danzig mit der Lüge auf, der Vater sei tot.

„Susans kantige Schönheit“

Danzig begreift es einfach nicht. Er erscheint der Gemeinde nicht länger als Genie, sondern als „älterer Lehrkörper“, angewiesen auf Selbstironie. Die nächste Gelegenheit für einen Ausflug in den Wahnsinn bietet ihm Susan, „prachtvoll in zerrissenen Jeans“.

Susan verkörpert die Variante der engagierten Muse. Sie fordert ihren Liebhaber heraus und erlebt sich als Inspirationsquelle. 

Danzig lebt in der Gegend von San Francisco auf einer Halbinsel mit tosender Brandung vor der Haustür. Susan gefällt es so gut auf Point Reyes, dass sie sich in Danzigs Sphäre einrichten möchte. Das alarmiert den Hausherrn. Er schlägt Krach und verspürt nicht nur den eigenen Zorn.

In der Umgebung dieses Versagens begegnet der Maler auf seinem absteigenden Ast der schönen Merav.

„Sie lernte, sich gegen eine große Ansammlung von Kräften zu verteidigen.“ 

Merav wohnt in einem Lagerhaus im Mission District von San Francisco. Da empfängt sie Absolvent*innen einer Kunstakademie. Die aus Israel stammende Schönheit steht und sitzt Modell für die Miete.

„Sie ist die Frau mit dem Körper eines Cellos.“

Danzig manövriert Merav seltsam stumpf und ohne Spielräume sich selbst gegenüber in jene unselige Position, in der er den Künstler in sich auf dem Sublimationstrip von den Toten auferstehen lassen will.

Er exkulpiert sich mit der Nachgeborenen-Formel. Danzig sucht ein gemeinsames Wir in den Geburtstagen.

„Vergeben steht nicht zur Diskussion“, denkt Merav.

Sie weiß nicht, was der Leser weiß, dem Danzigs Familiengeschichte vorgelegt wurde. Sie lässt sich ein auf Danzigs Selbsterweckungsversuche. Er malt sie an. Unter der Dusche schäumt die Farbe.

Henri Matisse

Anatomisch attraktiv

Danzig war mal berühmt. Der Nachruhm ist so anziehend wie eine alte Schnapsfahne. In der kalifornischen Romangegenwart ruiniert der abgehalfterte Maler sein seelisches Gleichgewicht als Proportionenlehrer in Aktzeichenklassen, deren Teilnehmer*innen ihn mit ihren quecksilbrigen Energien überfordern. Eines Tages taucht ein neues Modell im San Francisco Art Institute auf. Merav stammt aus Israel. Ihre holländische Großmutter blendete einst mit bloßer Schönheit einen Wehrmachtssoldaten, so dass er sie von seinem Gewaltauftrag ausnahm.

„Er schaffte es nicht, sein Gewehr auf etwas so Perfektes zu richten.“

Seither stellen sich die Frauen in Meravs Familie die Frage: „Kann Schönheit dein Leben retten.“

Es gibt eine Aktmodellgewerkschaft. Sie stellt die Regeln auf. Eine Regel besagt, dass niemand die Modelle anfassen darf. Deshalb demonstriert Danzig den Studierenden das zu Studierende an einem Skelett, das er, zur allgemeinen Heiterkeit, Doktor Memento nennt. Memento wie Memento mori. Möge die ausgelassene Jugend in seiner Klasse auch glauben, dass er nur die eigene Sterblichkeit im Blick hat, Danzig, der mal ein berühmter Maler war, zieht alle in den Kreis des Todes.

„Sehen Sie genau hin“, verlangt er.

Seine Intuition hat ihn verlassen. Ihm fehlen Antennen für das gemurmelte Untergrundgeschehen; für die Party auf sämtlichen Bühnen des Lebens, die ohne ihn andauert.

„Sie kratzen wild auf ihren Zeichenblöcken. Es braucht ein paar Wochen oder manchmal auch nur ein paar Stunden, bevor (Danzig) weiß, ob irgendwer im Raum Talent hat oder nicht. In den ersten Sitzungen sind sie für ihn unscharf und nicht unterscheidbar. Jetzt sieht er, dass mehrere …“

Ist Danzig gar nicht mehr so richtig von dieser Welt?

Doch, das ist er gewiss. Er hält sich sogar noch für „anatomisch attraktiv“. Er betrauert seine Verluste, leidet unter der künstlerischen Impotenz. Elizabeth Rosner erzählt das so suggestiv, dass man den vorgeschobenen Posten der omnivoren Entrückung bereitwillig räumt, die Ärmel aufrollt und sich engagiert ein Bild von der Lage macht.

Sechszehn Leute sind gerade im Raum, viele gepierct und sonst wie geflaggt und hochgejubelt. Danzig streift beinah eine Studierende, die ihn mit ihrem Missmut sexuell reizt. Sie zeigt ihm die kalte Schulter in einem unbewussten Manöver. Der alte Sack steht auf ihrer Agenda noch nicht mal unter ferner liefen. Ein verblasster Ruhm lässt ihn eher noch schlechter aussehen als den (das sage ich jetzt mal so) alerten Hausmeister.

Pull or Push

Und jetzt kommt Merav: ohne Make-up, Schmuck und Tattoo.

Sie hat „Dimensionen, denkt (Danzig) fachmännisch“. Er bewundert „den Raum zwischen ihren Körperteilen“.  

Merav reagiert konsterniert auf den Dozenten für Proportionslehre, der mit einem Skelett Händchen hält. Viele halten ihn für einen Österreicher. Aber das neue Modell (eine Offenbarung in der Perspektive des alten Mannes) hört auf Anhieb den Deutschen.  

„Gehen ist kontrolliertes Fallen“, sagt Danzig.

Er erklärt, wie das Gleichgewicht bei jedem Schritt aufgegeben und bald wiederhergestellt wird. Mit gleitenden Bewegungen verkleinert man die Risiken. Alles erschöpft sich im Öffnen und Schließen und so im Ziehen und Stoßen. Danzig beugt sich vor, um seinen Erörterungen keine herausfordernde Dimension zu geben.

Er will flirten, sie will fliehen.

„Sie sind sehr gut.“

Ziehen oder Stoßen bedeutet Anziehung oder Ablehnung. Danzig fühlt sich von Merav angezogen. Sie reagiert reserviert auf die klandestine Offerte.

„Danke“, sagt sie.

Ihr Körper formuliert Meravs mit Angst kombiniertes Unbehagen. Danzigs deutscher Akzent löst etwas schwer Eindämmbares im Umkreis des Fluchtreflexes aus.

„Die Posen, die sie … annahm, waren alle in der Form der Angst: eine Frau, die sich von etwas Bedrohlichem abwendet; eine Leiche im Flug; die aufgerollte Form der Selbstverteidigung, die das Herz, den Bauch schützt.“

Die bewegliche Skulptur – „Schwimmen in der Luft“

Merav entlädt sich in ihren Posen. Was geschieht, kommt ihr entgegen. Und doch bleibt sie allein in ihren Stimmungen.

Das Geschehen kreist lange um die Atelierszene. Die Zeichenschüler*innen erscheinen zunehmend klassischer als Initiierte/Adepten in einer luxuriös heruntergekommenen Akademie. Es entstehen Verbindungen und Krisen. Momente der Katharsis ergeben sich. Danzigs artistische Indolenz spricht sich herum und löst Beißhemmungen. Ein Gerücht macht die Runde: Der Meister bringt es selbst nicht.

Danzig sucht einen Ausweg. Er muss zurück in die Spur und zu seiner Produktivität zurückfinden. Er setzt auf Merav. Ihre Abwehr entzündet ihn.

„Ich habe ein Studio in Point Reyes. Ich suche immer gute Modelle.“

Elizabeth Rosner ist Lyrikerin, Romanschriftstellerin und Essayistin. Sie lebt im kalifornischen Berkeley. Für ihre Romane, die in neun Sprachen übersetzt wurden, hat sie eine Reihe von Auszeichnungen in den USA und Europa erhalten. Ihr neuestes Werk, „Survivor Café: The Legacy of Trauma and the Labyrinth of Memory“, befasst sich mit der Aufarbeitung von Traumata auf globaler Ebene und der Rolle, die das individuelle und kulturelle Gedächtnis dabei spielt. Das Buch erreichte das Finale im U.S.-amerikanischen National Jewish Book Award. Elisabeth Rosner unterrichtet Schreibwerkstätten in vielen Ländern und arbeitet auch als Schreibberaterin und -trainerin.