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27.04.2020, Jamal Tuschick

Carola Braunbock spielt Frau Platz

Eingebetteter Medieninhalt

Die Sorglosigkeit der Anderen

Oma Schade ist eine Umsiedlerin, an der Heiner Müller sein Vergnügen gehabt hätte wie an jeder originellen Person. Beinah taub und doch gesellig, zieht sie sich junge Männer zu, die als Untermieter in einer Zweizimmerwohnung gut aufgehoben sind. Nach dem Tod der Wirtin breitet sich Erwin Berner im Witwenhabitat aus. Ihm zugesprochen ward allerhand und so auch eine pittoreske Küchengerätschaft. Besonders im Herzen liegt Berner ein Topf, in dem Oma Schade gern akkurat geschnittene Kohlrabischeiben dünstete. Doch das Equipment (das Wort käme Berner nicht über die Lippen) haben sich Nachbarinnen unter den Nagel gerissen, bevor sich der neue Hauptmieter in seinen Rechten etablieren kann.

Die trüben und die heiteren Szenen spielen im Berliner Samariterviertel. Berner gibt die Adresse an: Schreinerstraße 25.

Erwin Berner, „Zu einer anderen Zeit, in einem anderen Land“, Aufbau, 253 Seiten, 18,-

Er erinnert die DDR als einen schönen Ort voller aufrechter und fragwürdiger Existenzen. Das Skurrile ist immer dabei, und die Zweifel an der Redlichkeit halten sich in Grenzen.

Die Hausgemeinschaften sind kleinbürgerliche Universen.

In der DDR fehlt die statusmäßige Segregation. „Man wohnt zusammen und man wohnt gleich“, erzählt Steffen Mau in seiner Eribonade „Lütten Klein“. Der Soziologe beschreibt den Wohnraum als „ein Schlüsselgut, über das der Staat Verhalten prämiert“. Die Bewirtschaftung unterliegt keiner ökonomischen Regulierung. Das ist eine politische Angelegenheit. Das heißt, es werden politische Preise aufgerufen.

Die sozial diversen Hausgemeinschaften wirken sich, so Mau, „als erweiterte Sozialisationsagenturen“ aus. Es gibt Blockwärter*innen, Hausbücher, „in die sich … Gäste eintragen mussten“ und jede Menge unangemeldeten Besuch.

Per Telefon können sich die wenigstens verabreden. Auch das ist ein Thema für Berner im Spektrum der Spontanitätsverluste. Er fürchtet eine Verwestlichung, weil er inzwischen Verabredungen Überraschungen vorzieht.

*

Darauf besinnt er sich bei Spaziergängen mit Johanna ... Der Reinickendorfer* Schäfersee ist zugefroren. Die Polizei warnt seit Tagen. Man soll „die Berliner Gewässer nicht betreten“. Den Erzähler ärgern die Leute auf dem dünnen Eis. Die Sorglosigkeit der Anderen erfüllt ihn mit Unmut. So macht sich das Alter bemerkbar. Es macht Berner zu schaffen. Gern taucht er ab in Erinnerungen an sein versunkenes Land und dessen Filme. Er denkt an die DEFA-Komödie „Florentiner 73“. Darin spielt Carola Braunbock Frau Platz; womit wir wieder in der Schreinerstraße vor Neunundachtzig sind. „Wegen ihrer fülligen Statur spielte Carola Braunbock meist schrullige Nebenfiguren wie Mütter, Bäuerinnen oder Witwen.“ (Wikipedia) – Also das Kittelschürzenrepertoire. Man ahnt die Sehnsucht des Autors nach der zupackend-gutartigen Trümmer-Schürze.  

* Reinickendorf ist so still-beschaulich, „ein ganzer Stadtbezirk im Ruhestand“.

Aus der Vorankündigung

Mai 1975: Der junge Schauspieler Erwin Berner zieht in die Schreinerstraße in Berlin-Friedrichshain. Hier wird er sein Leben verbringen, Erfolge feiern, sein Coming Out erleben, aber auch die Brüche der Wende und Nachwendezeit erfahren. Geht er heute durch die Straßen, tritt er in seine Wohnung, so erinnert ihn alles an das, was war und nicht mehr ist, verschwunden im Strudel einer neuen Zeit. Schreibend wird er zum literarischen Chronisten einer anderen Welt und erobert sich den Boden, der ihm nach der Wende in Berlin unter den Füßen weggezogen wurde, zurück. Es sind Bilder einer Stadt und eines Lebens, die in der Erinnerung Gestalt annehmen und sich wie ein Schattenspiel über die Oberfläche des Hier und Jetzt schieben. Mit seiner Biografie schreibt sich Erwin Berner eindringlich in die Veränderungen einer Stadtlandschaft ein.

Erwin Berner wurde 1953 als ältester Sohn von Eva und Erwin Strittmatter geboren. Er war ein vielbeschäftigter Bühnen- und Fernsehschauspieler, u. a. in „Adel im Untergang“, „Sonjas Rapport“, „Die Verführbaren (Ein ernstes Leben)“, „Ein altes Herz geht auf die Reise“ und „Zur See“. Er lebt in Berlin und schreibt Stücke, Gedichte, Liedtexte und Prosa. Im Aufbau Verlag ist sein Buch "Erinnerungen an Schulzenhof" erschienen. Außerdem gab er (zus. mit Ingrid Kirschey-Feix) Erwin und Eva Strittmatter, "Du bist mein zweites Ich. Der Briefwechsel" heraus.

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