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28.04.2020, Jamal Tuschick

Ein Beitrag von Kaśka Bryla

Smarte Panikgesellschaft

Chronik eines Ausnahmezustands - Residenz-Autor*innen bloggen - Tag für Tag neu. #alleswirdgut

Mein Smartphone vibriert. Eine Freundin, die gerade noch auf der Sea Watch 3 im Hafen liegt, schreibt aufgeregt: Die Alan Kurdi hat heute um die 150 Menschen aus Seenot gerettet!

„De facto gäbe es ohne NGOs wie Sea-Watch keine richtige Seenotrettung im Mittelmeer. Wir übernehmen, was die Staaten unterlassen, weil es an ihrem Wirtschaftssystem rüttelt.“ Carola Rackete

© C. Krahl

11. April

Ich höre abwechselnd die Nachrichten aus Deutschland, Polen und Österreich. Oftmals nach dem Zufallsprinzip zappe ich durch verschiedene Radiosender und lande Sonntag Morgen auf einem polnischen Radiosender, als gerade ein Priester interviewt wird. Wahrscheinlich wäre mir das auf fünf anderen polnischen Sendern auch passiert. Der Priester ermutigt die Menschen in diesen Zeiten, innere Einkehr zu halten, sich zu sammeln und sich neu zu überdenken (also die Krise als Chance wahrnehmen), und während ich ihm zuhöre, frage ich mich, ob er selbst dieses Fenster auch nutzt. Ob vielleicht die katholische Kirche ihre Hetze gegen Lesben, Schwule, Trans- und Intersexpersonen Personen sowie Feministinnen während der Pandemie auch überdenkt und geläutert aus dieser Krise hervorgeht. Danach berichtet der Priester von einer Spendenkampagne für ein Krankenhaus. Es soll genug Geld zusammenkommen, um ein Beatmungsgerät zu kaufen. Eines! Mir wird ganz anders und ich wische den Sender vom Bildschirm meines Smartphones.
In Deutschland warten die noch leeren Intensivbetten auf den Ansturm. Aber es wird mit großer Sorge über die diesjährige Spargelernte gesprochen. Wo doch jetzt die (unterbezahlten) polnischen Saisonarbeiter*innen abgezogen sind...
Wenn ich keine Nachrichten höre, arbeite ich, im Moment an der Recherche zu einem Essay für die kommende Ausgabe der Literaturzeitschrift PS-Politisch Schreiben. Er reflektiert die Entwicklung von Kooperation innerhalb des Literaturbetriebs anhand des altbewährten Gefangenendilemmas.
Beim Gefangenendilemma handelt es sich um ein Zwei-Personen-Nicht-Nullsummenspiel. Es bestehen beiderseits sowohl gemeinsame als auch konfligierende Interessen. Das Ergebnis der Entscheidung der einen Partei ist von der Entscheidung der anderen Partei abhängig. Das Verhalten der Akteur*innen beeinflusst sich wechselseitig. Die Entscheidungen werden simultan, aber unabhängig voneinander getroffen, und die eine kennt die Entscheidung der anderen Akteur*in nicht. Jede Akteur*in versucht, mit der Strategie, die ihrem rationalen Verhalten entspricht, unter den gegebenen Beschränkungen ihren eigenen Nutzen zu maximieren. Im klassischen Gefangendilemma ist es für beide Akteur*innen die dominante Strategie zu defektieren, also die Zusammenarbeit miteinander abzulehnen. Das bedeutet, dass Defektion für jede einzelne vorteilhafter ist als Kooperation, egal was die andere tut. Wenn allerdings wirklich beide defektieren, erzielen sie damit den minimalsten Gewinn.
Für die klassische Illustration des Gefangenendilemmas wird der Fall zweier Straftäter, die eines gemeinsamen Verbrechens beschuldigt werden, herangezogen. Sie werden getrennt voneinander verhört und wissen nicht, was der jeweils andere aussagt. Gestehen beide, erhalten beide eine hohe Strafe, aber nicht die Höchststrafe. Gesteht jedoch nur einer, geht dieser als Kronzeuge straffrei aus, während der andere als überführter, aber nicht geständiger Täter die Höchststrafe bekommt. Wenn keiner gesteht, sie also miteinander kooperieren, oder anders ausgedrückt, sich aufeinander verlassen, machen sie in der Summe den größten Gewinn, also bekommen zusammen die niedrigste Anzahl von Jahren im Gefängnis. Dieses Dilemma versuche ich, auf „das Prosa Debüt“ im Literaturbetrieb anzuwenden.
Dazwischen werde ich abgelenkt. Ich höre, wie jemand aus meinem Kollektiv meint, er finde es krass, wie Polen die Grenzen dicht gemacht hat. Man könne nicht einmal mehr durchreisen.
Ich entgegne, dass es bei dem Gesundheitssystem, das Polen habe, die logische Konsequenz sei. Gäbe es ein überregionales europäisches Gesundheitssystem, ließen sich die Grenzziehungen während einer Pandemie anders verhandeln. Noch etwas unbeholfen rücke ich meinen Mundschutz zurecht.
Mein Smartphone vibriert. Eine Freundin, die gerade noch auf der Sea Watch 3 im Hafen liegt, schreibt aufgeregt: Die Alan Kurdi hat heute um die 150 Menschen aus Seenot gerettet!
Wie cool!, antworte ich und kann nicht anders als gleichzeitig an das Camp in Moria auf Lesbos zu denken, in dem seit 2015 Geflüchtete darauf warten, auf die Mitgliedstaaten der EU verteilt zu werden, und mich gleichzeitig zu fragen, was in Folge aus den 150 geretteten Menschen der Alan Kurdi werden wird. Wo sie leben werden. Im jetzigen Stadium der europäischen Kooperation oder Defektion.

Der Text erschien zuerst hier

Kaśka Bryla - In Wien geboren, zwischen Wien und Warschau aufgewachsen. Studium der Volkswirtschaft in Wien, Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie 2015 die Literaturzeitschrift und das Autor_innennetzwerk PS-Politisch Schreiben mitbegründete. Sie war Redakteurin des Monatsmagazins an.schläge, erhielt 2013 das STARTStipendium, 2018 den Exil Preis für Prosa. Seit 2016 gibt sie Kurse zu Kreativem Schreiben in Gefängnissen und für Menschen mit Migrationshintergrund. 2019 inszenierte sie in Leipzig die Reihe Szenogramme. „Roter Affe“ (2020) ist erster Roman. www.kaskabryla.com