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28.04.2020, Jamal Tuschick

Zaungast in der Hellhörigkeitsfalle

Ruth Werner alias Sonja war Kundschafterin der Roten Armee. Sie wirkte im Kreis der Roten Kapelle. Sie warnte Stalin vor einem Überfall der Wehrmacht, ohne erhört zu werden. In einem Fahrradkindersitz transferierte sie anglo-amerikanische Atomgeheimnisse. Sie leitete in England komprimierte Erkenntnisse, die zum Bau einer sowjetischen Atombombe führten, nach Moskau. Erwin Berner spielt in einem Film mit, der (nach einer Vorlage der Agentin) Werners abenteuerliches Leben schildert - Sonjas Rapport. Ruth Werner rühmte seine Darstellung.  

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Da sitzen sie nun in der ehemaligen Sero-Altstoffannahmestelle und sehen den Einklang mit der Gegenwart bei den anderen. In dem vormaligen Recyclinghof an der Samariterstraße in Erwin Berners Herzland interpretieren die Macher*innen des „Anastasia“ das gastronomische Genre.

Johanna und Erwin trinken Tee in der Gesellschaft von Protagonist*innen der digitalen Bohème. Mit dem Savoir-vivre der Jetztzeitvirtuosen können sie wenig anfangen. Sie sind Zaungäste in ihrem eigenen Kiez.

Aus der Werbung des „Anastasia“

Blini, Pelmeni und großzügiges Frühstück in gemütlichem Ambiente mit 20er Jahre Dekor und Raucherraum.

Berner unternimmt „Erinnerungsläufe“, sofern er die Kraft aufbringt, sich mit den Veränderungen in seiner häuslichen Umgebung zu konfrontieren.

„Mein Blick trifft die roten Kissen auf der Ofenbank. Die Bank – eigentlich eine Holztruhe – stammt aus Frau Damaschkes Möbelgeschäft. Die drei schaumstoffgefüllten … Kissen stammen aus dem Kunstgewerbegeschäft an der Frankfurter Allee. Mutter kaufte ebenfalls solch eine Holztruhe …“

In der Hellhörigkeitshölle

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Geräusche aus der Nebenwohnung klassifiziert Erwin Berner als „die Litanei des Lebens“. Nach Jahren in der Hellhörigkeitshölle hilft kein dickes Fell mehr und auch nicht der Umzug vom Vorraum ins Hinterzimmer. Vielmehr setzt sich ein Überdruss, dem man wegen seiner Unabänderlichkeitssequenzen gar nicht auf den Grund gehen möchte, gegen die gute Laune durch. Am vorläufigen Ende einer unschönen Entwicklung fotografiert Berner kackende Hunde von der Blockwarte seines Balkons. Da hat er sich längst in einen Kauz verwandelt. Er ist aufgeschlossen zu den  schrulligen Marottenkönigen, die seine Nachbarschaft im Berliner Samariterviertel aka Nordkiez in hellen Scharen bevölkerten, bevor der imperialistische Schutzwall fiel und der Kapitalismus seinen Lauf nahm.

Erwin Berner, „Zu einer anderen Zeit, in einem anderen Land“, Aufbau, 253 Seiten, 18,-

Die Nachwendeaußenseiter*innen sind krasser, desolater und mitunter auch gewalttätiger als ihre Vorgänger*innen aus der DDR-Ursuppe, so wie ein Engländer, der mit dem Motorrad durch den Hausflur fährt und nicht nur seinen Kampfhund misshandelt. Das Panoptikum abgetakelter, aber friedvoller Zeitgenoss*innen verdunstet förmlich in den neuen Verhältnissen nach Neunundachtzig. An die Stelle von Feinzeichnungen, Humoresken, Pittoresken, kleinen Rührstücken und dergleichen tritt die Gegneranalyse und Feindbildmalerei.

Manchmal hilft nur Weißwein.

Erwin Berner bilanziert:

„Auch das war ich! Zu einer anderen Zeit, in einem anderen Land.“

Berner hüllt den Friedrichshain in einen Erinnerungsflor. Der erste Sommer in Berlin, die Spielräume einer großen Stadt, das Wechselspiel zwischen Konzentration und Entspannung. Berner verschafft sich sexuelle Belohnungen, nachdem eine neue Rolle gehend durchdacht wurde.

Er spielt den Engländer Len in Sonjas Rapport. Ex-Agentin Ruth Werner rühmt seine Darstellung. 

Carola Braunbock spielt Frau Platz

Gern taucht der Erzähler ab in Erinnerungen an ein versunkenes Land. Er denkt an die DEFA-Komödie „Florentiner 73“. Darin spielt Carola Braunbock Frau Platz; womit wir wieder in der Schreinerstraße vor Neunundachtzig sind. „Wegen ihrer fülligen Statur spielte Carola Braunbock meist schrullige Nebenfiguren wie Mütter, Bäuerinnen oder Witwen.“ (Wikipedia) – Also das Kittelschürzenrepertoire. Man ahnt die Sehnsucht des Autors nach der zupackend-gutartigen Trümmer-Schürze.  

Die Sorglosigkeit der Anderen

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Oma Schade ist eine Umsiedlerin, an der Heiner Müller sein Vergnügen gehabt hätte wie an jeder originellen Person. Beinah taub und doch gesellig, zieht sie sich junge Männer zu, die als Untermieter in einer Zweizimmerwohnung gut aufgehoben sind. Nach dem Tod der Wirtin breitet sich Erwin Berner im Witwenhabitat aus. Ihm zugesprochen ward allerhand und so auch eine pittoreske Küchengerätschaft. Besonders im Herzen liegt Berner ein Topf, in dem Oma Schade gern akkurat geschnittene Kohlrabischeiben dünstete. Doch das Equipment (das Wort käme Berner nicht über die Lippen) haben sich Nachbarinnen unter den Nagel gerissen, bevor sich der neue Hauptmieter in seinen Rechten etablieren kann.

Die trüben und die heiteren Szenen spielen im Berliner Samariterviertel. Berner gibt die Adresse an: Schreinerstraße 25.

Er erinnert die DDR als einen schönen Ort voller aufrechter und fragwürdiger Existenzen. Das Skurrile ist immer dabei, und die Zweifel an der Redlichkeit halten sich in Grenzen.

Die Hausgemeinschaften sind kleinbürgerliche Universen.

In der DDR fehlt die statusmäßige Segregation. „Man wohnt zusammen und man wohnt gleich“, erzählt Steffen Mau in seiner Eribonade „Lütten Klein“. Der Soziologe beschreibt den Wohnraum als „ein Schlüsselgut, über das der Staat Verhalten prämiert“. Die Bewirtschaftung unterliegt keiner ökonomischen Regulierung. Das ist eine politische Angelegenheit. Das heißt, es werden politische Preise aufgerufen.

Die sozial diversen Hausgemeinschaften wirken sich, so Mau, „als erweiterte Sozialisationsagenturen“ aus. Es gibt Blockwärter*innen, Hausbücher, „in die sich … Gäste eintragen mussten“ und jede Menge unangemeldeten Besuch.

Per Telefon können sich die wenigstens verabreden. Auch das ist ein Thema für Berner im Spektrum der Spontanitätsverluste. Er fürchtet eine Verwestlichung, weil er inzwischen Verabredungen Überraschungen vorzieht.

*

Darauf besinnt er sich bei Spaziergängen mit Johanna ... Der Reinickendorfer* Schäfersee ist zugefroren. Die Polizei warnt seit Tagen. Man soll „die Berliner Gewässer nicht betreten“. Den Erzähler ärgern die Leute auf dem dünnen Eis. Die Sorglosigkeit der Anderen erfüllt ihn mit Unmut. So macht sich das Alter bemerkbar. Es macht Berner zu schaffen. Gern taucht er ab in Erinnerungen an sein versunkenes Land und dessen Filme. Er denkt an die DEFA-Komödie „Florentiner 73“. Darin spielt Carola Braunbock Frau Platz; womit wir wieder in der Schreinerstraße vor Neunundachtzig sind. „Wegen ihrer fülligen Statur spielte Carola Braunbock meist schrullige Nebenfiguren wie Mütter, Bäuerinnen oder Witwen.“ (Wikipedia) – Also das Kittelschürzenrepertoire. Man ahnt die Sehnsucht des Autors nach der zupackend-gutartigen Trümmer-Schürze.  

* Reinickendorf ist so still-beschaulich, „ein ganzer Stadtbezirk im Ruhestand“.

Aus der Vorankündigung

Mai 1975: Der junge Schauspieler Erwin Berner zieht in die Schreinerstraße in Berlin-Friedrichshain. Hier wird er sein Leben verbringen, Erfolge feiern, sein Coming Out erleben, aber auch die Brüche der Wende und Nachwendezeit erfahren. Geht er heute durch die Straßen, tritt er in seine Wohnung, so erinnert ihn alles an das, was war und nicht mehr ist, verschwunden im Strudel einer neuen Zeit. Schreibend wird er zum literarischen Chronisten einer anderen Welt und erobert sich den Boden, der ihm nach der Wende in Berlin unter den Füßen weggezogen wurde, zurück. Es sind Bilder einer Stadt und eines Lebens, die in der Erinnerung Gestalt annehmen und sich wie ein Schattenspiel über die Oberfläche des Hier und Jetzt schieben. Mit seiner Biografie schreibt sich Erwin Berner eindringlich in die Veränderungen einer Stadtlandschaft ein.

Erwin Berner wurde 1953 als ältester Sohn von Eva und Erwin Strittmatter geboren. Er war ein vielbeschäftigter Bühnen- und Fernsehschauspieler, u. a. in „Adel im Untergang“, „Sonjas Rapport“, „Die Verführbaren (Ein ernstes Leben)“, „Ein altes Herz geht auf die Reise“ und „Zur See“. Er lebt in Berlin und schreibt Stücke, Gedichte, Liedtexte und Prosa. Im Aufbau Verlag ist sein Buch "Erinnerungen an Schulzenhof" erschienen. Außerdem gab er (zus. mit Ingrid Kirschey-Feix) Erwin und Eva Strittmatter, "Du bist mein zweites Ich. Der Briefwechsel" heraus.