MenuMENU

zurück zu Main Labor

30.04.2020, Jamal Tuschick

Spielfilmrealismus

Kreatives Onanieren

Ein Schriftsteller erteilt Auskunft. Am Anfang seiner Produktion stehen uferlose Selbstbefriedigungsphantasien voller Spielfilmrealismus. Der Künstler als Pubertierender ist bis zum letzten Detail auf Plausibilität angewiesen. Die Story muss stimmen, sonst lässt sich ein Orgasmus noch nicht mal herbeiquälen. Bei einem Kellergemeinschaftserlebnis mit vier Freunden offenbart sich das Alleinstellungsmerkmal des Erzählers, der sich in der Person seines Urhebers erschöpft.

Erzähler und Autor sind identisch.

Alle geben in wenigen Worten eine ihrer Easy-Cum-Varianten zum Besten. Ich frage mich gerade, wie ehrlich sie sind. Jedenfalls fassen sie sich kurz … „bei ihnen (läuft) es so pragmatisch ab wie im Passbildautomaten“; während Nevo in alle Ecken leuchten muss. Ich mache da mal weiter. Wie fällt das Haar, wenn sie sich so vorbeugt, dass der Busen einen sensationellen Anblick bietet, ohne dass der Hintern aus dem Bild rutscht. Man braucht alles vom Scheitel bis zur Sohle. Und das beschreibt allein das Nötigste.

Eshkol Nevo, „Die Wahrheit ist“, Roman, aus dem Hebräischen von Markus Lemke, dtv, 430 Seiten, 22,-

Die Freunde rudern vom Petite mort zum Big Sleep (Raymond Chandler) noch lange nicht in prosaischer Behaglichkeit. Im Halbschlaf erkennt einer schon den Schriftsteller im langsamen Onanisten. Er rät aber zu Kurzgeschichten.

Nevo verlegt sich zunächst auf Protestgedichte, die resonanzlos bleiben. Im Weiteren schillert er in den Tautologien eines Gehemmten, der weder tanzen noch singen kann, und deshalb dazu verdonnert ist, sich auf einem Außenseiterposten zu überhöhen. Die Angeschmachtete erkennt den Verlierer am Pathos seiner Melancholie.

Tali hat Talent. Sie spielt die Querflöte bei einer Abschlussaufführung. Es ist aber Dikla, die sich erbarmt und Nevo all das verschafft, was uns Freude macht. Ich rede von den Kindern und der Hypothek.

Schreiben, um gerettet zu werden

Ach so, Nevo veröffentlicht seine Sorgen und Nöte in der Rolle des Befragten. Die Autofiktion gestaltet sich als Interview nach der Devise: Welche Fragen wollten Sie immer schon gern einmal beantworten. Ich glaube, viele Schriftsteller*innen geben sich ständig selbst Interviews. Sie brillieren in beiden Rollen. Das ist eine Möglichkeit, ordnend auf die innere Quatschbude einzuwirken.

Nevo beschreibt seinen Alltag.

Gleich mehr.

Aus der Ankündigung

Es ist Zeit für die Wahrheit! Ein Schriftsteller, er heißt Eshkol Nevo, beantwortet eine Reihe von Leserfragen. Eine Aufgabe, die er sonst mit Routine erledigt. Aber das Leben dieses Mannes ist aus den Fugen geraten: Seine Ehe droht in die Brüche zu gehen, seine Tochter distanziert sich von ihm, eine politisch fragwürdige Auftragsarbeit beschädigt seinen Ruf, sein bester Freund liegt im Sterben. Zum ersten Mal blickt er ehrlich und schonungslos auf sein Leben. Es ist Zeit für die erhellende, traurige, nackte Wahrheit – über Liebe, Familie, Freundschaft. Über sich selbst.

Eshkol Nevo © Bogenberger Autorenfotos

Eshkol Nevo, geboren 1971 in Jerusalem, gehört heute zu den wichtigsten Schriftstellern seines Landes. Sein erster Roman ›Vier Häuser und eine Sehnsucht‹ stand 2005 auf der Shortlist des bedeutendsten Literaturpreises in Israel, dem Sapir Preis, 2008 wurde er in Frankreich mit dem Raymond Wallier Preis des Salon du Livre ausgezeichnet, 2009 war er auf der Longlist des Independent Prize. ›Wir haben noch das ganze Leben‹, sein zweiter Roman (Golden Book Prize, Israel 2007, Adei Wizo Preis, Italien 2011), war nicht nur in Israel, sondern auch in Deutschland ein Bestseller. Sein Roman ›Neuland‹ verkaufte sich in Israel über 130.000 Mal und gewann 2012 als »Book of the Year« den Steimatzky Preis. 2018 erschien, wiederum mit großer Aufmerksamkeit, sein Roman ›Über uns‹ in Deutschland. Eshkol Nevo lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Ra’anana / Israel.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen