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30.04.2020, Jamal Tuschick

Virus Voices

Mai Thi Nguyen-Kim sagt: Im Nebel fährt man am besten auf Sicht. Wer will widersprechen?

Eingebetteter Medieninhalt

„Ich bin nicht bereit, gerettet zu werden.“ Frank Castorf in der Berliner Zeitung

„Liebe Epidemiologen, es sind frustrierende Tage. Doch schon bald werden sich alle wünschen, man hätte euch im April besser zugehört.“

„R war kurz vor dem Lockdown unter 1, denn Deutschland war in Schockstarre. Schockstarre funktioniert nur kurz, Regeln länger. Zahlen jetzt runter oder Eiertanz für alle bis nächstes Jahr.“ Mai Thi Nguyen-Kim auf Twitter

„Unser Gehirn läuft auf Zucker.“

Deshalb lieben wir Gummibärchen.

Schon in ihrer Kindheit „schmökerte“ Nguyen-Kim Inhaltsstoffe. Den Stoffwechsel feiert sie als „überwältigendes Fest der chemischen Reaktionen“. Spezialisiert hat sie sich auf Polymere. Als Chemikerin betrachtet sie Chaos „gern thermodynamisch“. Ich komme nicht mit. Ich möchte Nguyen-Kim einfach nur noch einen Augenblick bejubeln und ein Loblied auf sie singen. Jedes Badezimmer ist ein Chemielabor, sagt Nguyen-Kim. Jeder Mensch wird darin zur Laborratte, sobald er die Phase „zwischen Halbschlaf und Nahkampf“ absolviert hat.

Mai Thi Nguyen-Kim, „Komisch, alles chemisch“, mit Illustrationen von Claire Lenkova, Droemer Knaur, 16.99 Euro

Mai Thi Nguyen-Kim erzählt in ihrem unterhaltsamen Sachkundebuch „Komisch, alles chemisch“, dass sie sich jedes Wochenende in einen „Social Jetlag“ versetzt, obwohl ihr circadianer Rhythmus mit der Idee vom Wochenende, „als einem modernen gesellschaftlichen Konstrukt“, nichts anfangen kann. Unsere Körper richten sich nach der Sonnenuhr. So ticken wir innerlich, in Abhängigkeit von unserem Melatonin-Spiegel. Trotzdem sind, so die Autorin, Tag und Nacht in unseren Genen kodiert.

 

Social Jetlag & sapiosexueller Brainf*ck

Christine ruft an. Was sie zu melden hat, verspricht ein Drama vor dem Frühstück. Jonas, ein süßscharfer Physiker, sofern man auf Hirn steht, benutzt „Zahnpasta ohne Fluoride“.

Can you dig it?

Quelle surprise et quelle malheur.

Nach einer rauschenden Ballnacht unter Sapiosexuellen entert man ein fremdes Bad mit der latenten Furcht vor unschönen Offenbarungen. Gemeinsam denken wir an gebrauchte Q-Tips, gebräunte Wannenränder, den Schmodder im Sieb und an die Schlieren auf dem Spiegel über dem Waschbecken unter einem tropfenden Hahn.

Die Zahnpasta ohne Fluoride turnt Christine so ab, dass sie Jonas zu den Gestorbenen im Reich ihrer Aufmerksamkeit erklärt.

Mai lenkt ein. Aber Christine ist untröstlich:

„Er sagt, Fluoride verkalken die Zirbeldrüse. Und dann wusste er noch nicht mal genau, wo die Zirbeldrüse ist.“

Christine benennt noch den Ersatzstoff: Hydroxylapatit.

Im Weiteren rät die Autorin dem Leser, in seinem Periodensystem nachzuschauen. Er lernt:

„Fluoride sind eine Form des Elements Fluor.“

Fakten. Fakten. Fakten.

Und Fluor ist gefährlich. Mai Thi Nguyen-Kim erklärt, wie und warum gefährlich. Sie macht das gut. Die pädagogische Mission dynamisiert den Text, der sich zum Vortrag eignet. Das Passionierte spricht sich aus.

Nguyen-Kim entspricht einer zeitgenössischen Ausgabe der volksbildenden Wissenschaftlerin. Wer aber glaubt, die promovierte Chemikerin begäbe sich wegen des launischen Schnittlauchs in der Umgebung harter Fakten auf ein populistisches Niveau, hat sich geschnitten. Bei Nguyen-Kim kann jeder noch mal still für sich nachsitzen oder im Pool des eigenen Unwissens planschen.

Aus der Ankündigung

Chemie ist alles – was wir tun, was uns umgibt, was wir fühlen, alles hat mit Chemie zu tun. Glauben Sie nicht? Die junge Wissenschaftlerin und Journalistin Mai Thi Nguyen-Kim tritt in diesem spannenden Pop-Science-Buch den munteren Beweis an und zerlegt Alltagsphänomene in ihre chemischen Elemente. Witzig und originell erklärt sie, welche chemischen Reaktionen in und um uns herum insgeheim ablaufen, und macht vor allem eins: Lust auf Chemie.

Der Tag beginnt mit der Chemie des Aufwachens, mit Melatonin- und Cortisol-Spiegel. Wir erfahren, wann der richtige Zeitpunkt für den ersten Kaffee ist, warum Fluoride in der Zahnpasta enthalten sein sollten und warum das Chaos, das uns im Arbeitszimmer auf dem Schreibtisch erwartet, vom Universum gewollt ist. Wir lernen Neues über die Zusammensetzung von Gorillaglas und die Funktionsweise von Handyakkus, wie sie länger halten und warum sie manchmal explodieren. Wir verstehen plötzlich, warum nur Aluminiumsalze gegen Schweißflecken helfen, wieso Schweiß überhaupt stinkt und was man dagegen wirklich tun kann. Beim Einkauf im Supermarkt klärt Mai Thi, ob sich mit Sauerstoff angereichertes „Sport-Mineralwasser“ wirklich lohnt. Am Abend verrät sie das Geheimnis eines perfekten Schokotörtchens – und natürlich geht es zu fortgeschrittener Stunde auch darum, was auf molekularer Ebene eigentlich los ist, wenn die Chemie zwischen zwei Menschen stimmt.

Mai Thi Nguyen-Kim (c) Viet_Nguyen-Kim-2

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim ist Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin. Während ihrer Doktorarbeit, die sie an der Harvard University schrieb, gründete sie den YouTube-Kanal "The Secret Life Of Scientists" und startete damit ihre Mission, Wissenschaft wie eine „Seuche“ im Land zu verbreiten. Dieses Ziel verfolgt sie inzwischen auf allen Kanälen: Als Ranga Yogeshwars Nachfolgerin moderiert sie im WDR die Wissenssendung "Quarks". Für "funk", das Online-Angebot von ARD und ZDF, produziert sie den YouTube-Kanal "maiLab", der mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem Grimme Online Award 2018. Im selben Jahr erhielt sie als erste YouTuberin den Georg-von-Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus für ihr Talent, mit ihrer Wissensvermittlung den Nerv der Zeit zu treffen. 2019 folgte der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis.