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01.05.2020, Jamal Tuschick

Herkunftsadäquat

Mutmaßungen über einen Möbelpacker - In „Ein Mann seiner Klasse“ erinnert sich Christian Baron an seine Kindheit in Kaiserslautern.

Wiederholt lässt der möbelpackende Vater Dinge aus den Kisten mitgehen, die er für andere und vor allem für amerikanische Besatzungssoldaten durch die Treppenhäuser von Kaiserlautern hievt. Den Nachwuchs sediert er mit der Erklärung, das sei zwar „nicht recht, aber gerecht“. Die Aneignungen verschaffen dem Erzähler Konsolen, „die wir uns in hundert Jahren nicht hätten leisten können“.

Christian Baron, „Ein Mann seiner Klasse“, Roman, Classen, 280 Seiten, 20,-

Daran erinnert ihn ein Zufallsfund im Keller. Christian Baron ist mit neunzehn weg aus Kaiserslautern, seither neun Mal umgezogen und stets zog unbemerkt ein „Nintendo-Kasten“ mit, der zum narrativen Madeleine wird. Das Relikt beschwört Erinnerungen herauf, die mir bekannt vorkommen. Camus würde sagen: Seit die Unterschicht weiß, was Literatur ist, erzählt sie ihre Geschichten. Ich werde nicht müde, sie zu lesen.

Der Erzähler entdinglicht den Kindheitskasten und gibt ihm eine Speicherfunktion. Er lässt ihn aufsteigen zur Konserve. Was er verdrängt hat, steckt im Kasten.

Ein starker Verdrängungsmotor ist die Voraussetzung für jeden Aufstieg. Die geringe Außenwirkung von Aufstiegen aus der Hilfsarbeiterklasse in die defensive Oberunterschicht und offensive untere Mittelschicht, die als Transformationsphänomen ungemein ergiebig bleibt, da sich in ihr die stärksten Ungleichzeitigkeiten und Verdichtungen auswirken, verschleiert die vulkanischen Aktivitäten oft sogar vor den Akteuren. Baron spielt das allerdings nicht herunter, was ihn von seinem Vater trennt.

Das akademische Milieu, das ihn wie einen anderen Steffen Mau oder Didier Eribon aufgenommen hat, liefert den zurückgebliebenen Angehörigen parallelgesellschaftliche Szenen durchaus in der herablassenden Perspektive, die man für ein Panoptikum übrig hat. Diese Resistenz ist wunderbar, ein Fest für alle, die das Glück haben, von unten zu kommen und sich das eigene Leben als Entwicklungsroman erzählen zu können.

Baron bekennt sich öffentlich zum Fernsehen als der herkunftsadäquaten Weltläufigkeit. Privat versteckt er den „Flachbildschirm“ vor Besucher*innen. Wäre er biografisch in der Mittelklasse vorgefahren, würde er das nicht tun. Fernsehen geht genauso wie in der Nase bohren und lachend bei jeder Gelegenheit das N- und Z-wort sagen. Hämische Selbstgewissheit gehört zum Mittelstandsportfolio.  

Dass Baron den Fernseher versteckt, bedeutet leider auch, dass ihn keiner von früher mehr irgendwo mitspielen lässt. An dieser falschen Schamgrenze scheiden sich die Geister. Da endet die Toleranz des an seinen Leisten klebenden Backwarenfilialleiters, bei dem der Fernseher (mit einem hoheitlichen Grundton) auch läuft, wenn Besuch da ist.

Die Barons sind so arm, dass es wehtut und man schnell wegsterben will. Der Vater schafft es mit dreiundvierzig und einem „Multiorganversagen“. Vor eben war er noch stärker als Hulk und eben schon zu schwach zum Atmen. Christian verpasst die letzte Gelegenheit einer kathartischen Begegnung. Die vermiedene Klärung am Sterbebett zwingt ihn zum Nachsitzen. Er schreibt den Aufsatz seines Lebens, auch um erkennen zu dürfen, dass sein Vater keine Wahl hatte.

„Unser Vater war ein Mann seiner Klasse.“

Als Zaungast des Wirtschaftswunders hatte er schon verloren, bevor er auch nur die leiseste Chance bekam, etwas zu begreifen. Ich bin in der Nähe solcher Männer aufgewachsen. Sie hatte ihre Stunde mit achtzehn, mit achtundzwanzig waren alle Spielräume verschwunden. Sie blieben die Haltestellenjugendlichen im Schwungrad der abgesoffenen Korpulenz. In ihren Vierzigern erkannte man sie auch an ihren Sonnenbränden. Das waren Wundmale der Verstocktheit und Merkmale einer Gegnerschaft. Der Klassenkampf erschöpfte sich als Statement der Uneinsichtigkeit. Die Klapper der Boomer-Unterschicht ging so: Die kleinkindliche Wundergläubigkeit verlor sich im Geschrei überforderter Erwachsener. Es folgten Rotztrotz, Resistenz, Renitenz, Resignation.

Prost Papa

Barons Mutter bindet ihre poetische Ader ab, man gönnt sich schließlich auch sonst nichts. Sie löst den Verband wieder und schreibt weiter Gedichte bis zu ihrem Tod.

Das muss man sich vorstellen, mit diesem seelisch abgetauchten, bestenfalls unangenehm vorhandenen Mann und vier Kindern. Der Fürchterliche überlebt seine Frau um acht Jahre. In dieser Zeit gelingt es ihm, Christian von allem zu trennen, was ihn mit einem Vater verbinden könnte. Erst lange nach seinem Tod erlaubt er seinem Sohn, Papa zu sagen. So postum wie man Prost sagt, beim Erheben des Glases im Andenken an einen, der einem nichts mehr sagen kann.

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