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04.05.2020, Jamal Tuschick

Verkehrte Welt? Verkehrte Gefühle? – Eine Erkundung von Christina Striewski

Vor ziemlich genau 10 Jahren stürzte mich – einer dieser Treppenwitze des Lebens – die Vorbereitung meines Seminars zum Thema „Gefühl und Reflexion“ in eine mittelschwere Depression. Ich erinnere mich an den Moment, als ich Novalis an die Wand warf, weil ich nichts mehr verstand. Den Text nicht, mich nicht, die Welt, meine Verzweiflung. Äußerlich schien alles in Ordnung. Ich hatte eine schicke Wohnung in Berlin und wieder einen prestigeträchtigen Job, nachdem ich bei Suhrkamp rausgefolgen war. Ich hatte mich nicht mal bewerben müssen. An einem Donnerstagmittag im Januar 2009 (ich weiß es wie heute) klingelte das Telefon und Hamacher – der von mir verehrte Prof. Dr. Werner Hamacher! – war dran: er hätte da diese Mitarbeiterstelle, ob ich interessiert sei? Was für eine Frage! Aber noch während ich innerlich hüpfte (äußerlich auch, quer über den Oranienplatz), fing der Kopf schon mit seiner kleinen miesen Litanei an: Unterrichten, o Gott! Literaturwissenschaft! Bist du dem gewachsen? Du hast doch eigentlich kaum was gelesen, und das, was du gelesen hast, hast du eh sofort wieder vergessen, kein Vergleich zu Hamachers unerschöpflichem Wissen, seiner Weisheit, was bildest du dir eigentlich ein … usw. usf. Ich hab nicht auf ihn gehört und die Stelle angetreten. Er hat es mich büßen lassen – nicht Hamacher, mein Kopf! Aber er konnte ja nichts dafür. Der ganze Bullshit, den er ausspuckte, schien irgendwo in mir seine Ursache zu haben.

Heute, 10 Jahre später, ist die Welt aus den Fugen. Meinen Brotjob als Kellnerin (sic) bin ich aufgrund der Corona-Krise los und es ist ungewiss, ob ich damit jemals wieder meinen Lebensunterhalt verdienen werde; selbst wenn die (überlebenden) Restaurants demnächst unter Auflagen wieder aufmachen sollten, bei einem Gast pro Quadratmeter kann man die Hoffnung auf lukratives Trinkgeld knicken. Viele Menschen um mich herum haben Sorge um ihre Zukunft, Angst um ihre Gesundheit; den meisten fällt im Lockdown die Decke auf den Kopf. Und ich? Ich bin glücklich. Man schämt sich ja fast, es zu sagen, aber so ist es, der Welt zum Trotz. Nicht so hahaha-MDMA-ist-das-hier-bunt-glücklich. Einfach normal glücklich. Gelassen, zufrieden, manchmal traurig, weil etwas dazu Anlass gibt, manchmal richtig fett froh, weil etwas dazu Anlass gibt – so ein irrer Himmel wie heute zum Beispiel. Frage: bin ich falsch gewickelt?

Nach den derzeit gültigen gesellschaftlichen Standards wahrscheinlich schon. Ich hab nicht nur nicht jede Minute damit zugebracht, an meiner Karriere und meinen Skills zu feilen – ich hab, mit Verlaub, irgendwann drauf geschissen, weil ich es nicht konnte. Der Stein im Schuh war zu groß. Das Unterrichten habe ich überlebt, mich sogar irgendwann fast dran gewöhnt, und das Forschen im stillen Kämmerlein lag mir eh. Aber das Institut von Hamacher war das Gallische Dorf auf dem akademischen Publish-or-Perish-Globus. Als meine Stelle nach vier Jahren auslief, zog ich auf Land – das ergab sich so. Ich wollte meine Beckett-Diss fertig schreiben und dann weiter schauen. Als die Kohle knapp wurde, suchte ich mir einen Teilzeitjob als Kellnerin. Das ist, um es kurz zu machen, der Status quo auch heute. Nicht das, was Personaler auf LinkedIn suchen, ne? Auch nicht das, womit man heutzutage Small Talk auf Dinnerparties bestreitet. Und was machst Du so? Also nichts Besonderes, aber das ist ne längere Geschichte … Nicht mal in einem Blog oder bei Insta habe ich mein neues Landleben ausgeschlachtet. Ich hab nur – auch das ergab sich so –, nach und nach angefangen mehr drauf zu hören, was mein Herz eigentlich zu alldem sagt. Anfangs konnte ich es kaum hören, weil der Kopf so laut war. Aber ich hab verstanden, dass es was von Sehnsucht morste, von Freiheit und Selbstvertrauen. Von einem Leben, das nicht nur im Oberstübchen stattfindet, sondern auch in der Brust, im Bauch, in den Zehen. Von Kreativität, Freude am Schreiben, am Atmen, am Tun und am Nichtstun, am Dasein. Inzwischen sind wir ein gutes Team, alle zusammen, und das Herz sitzt sogar mit am Schreibtisch, wenn der Kopf und ich über Beckett knobeln. Oft hat es die besten Ideen. Zwischendurch mal atmen zum Beispiel hat sich als weiser Ratschlag entpuppt.

Ich weiß noch, wie es sich anfühlte, vor 10 Jahren, als „Gefühl und Reflexion“ auf dem Lehrplan stand. Leer im Kopf, eng in der Brust, tot im Bauch. Aber es scheint unendlich weit weg. „Bedauernswert, wer von Ergebnissen des Handelns motiviert ist“, heißt es in der Bhagavad Gita, die ich auch erst verstehe, seit das Herz mit an Bord ist. Für kein Geld und keine Karriere der Welt wollte ich die innere Freiheit eintauschen, die sich mir eröffnet hat, als ich aufhörte, nach Zahlen und Zielen zu schielen. Was rauskommt, haben wir ja eh nicht in der Hand – das zeigt die Krise doch aufs Schönste. Gestern noch vorn dabei, heute pleite oder tot. Kann dem tollsten Manager passieren. Dafür war es vielleicht noch nie so einfach zu sagen: scheiß drauf, was zählt denn eigentlich wirklich?! Ich kann nur dazu ermutigen. Man muss ja nicht gleich alles hinschmeißen. Es ist der Schritt zurück, in die Beobachtung, der den Freiraum eröffnet, in dem sich alles neu fügen kann.

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