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05.05.2020, Jamal Tuschick

Hyperaktive Bulldozer im Sonnenschein

Yahya Hassan © Morten Holtum

Eingebetteter Medieninhalt

Angst und Gewalt

In der Schule kein Arabisch, zuhause kein Dänisch: Wie komplex und prekär Verhaue der Migration in Gegensatzpaarungen zu den Festungen der Anderen im Europa des 21. Jahrhunderts immer noch sind, zeigt das Werk des mit vierundzwanzig Jahren verstorbenen Dichters Yahya Hassan (1995-2020). Wort für Wort großgeschriebene Gedichte summieren sich zu einem biografischen Vortrag.

Hassan beschreibt einen grauenhaften Wachtraum. Der Künstler als Kind fürchtet den Weihnachtsmann so sehr wie seinen Vater. Die Angst bildet eine Basis gemeinsam mit der Gewalt.

Torturen

Aus dem Lattenrost gerissenes Strafzeug. Die Kinder eines Geflüchteten erleiden ein häusliches Martyrium. Der Dichter dokumentiert die Sanktionswut des Vaters im Präsens der Verse; vielleicht um die Vergangenheit endlich anzuhalten. Es ist, als prügele der Mann mechanisch wie eine Winkekatze weiter. 

Die Katze des Pfarrers bleibt dem lyrischen Ich auf den Fersen.

„DER KRIEG STECKT NOCH IMMER IN EUCH … DIE UMSTÄNDE ZIEHEN DIR EINS ÜBER.“

In den Nebeln der Zurückweisung findet der Heranwachsende auch die Kritik an den Verhältnissen seiner Kindheit. Der Vater erscheint als furchtbarer Patron mit Vollbart. Der Sohn sieht ihn in seiner „Joggingkluft“. Die Perspektive ergibt sich schon auf einem Vorsprung in den Oszillationen der Cultural Appropriation. Zugleich beschreibt sich so eine Entfremdung von den ursprünglichen Maßstäben auf einem Verwerfungssockel. Die Ursprungsgesellschaft der Eltern erscheint beschädigt nicht nur von Bomben  … Hassan identifiziert sich als Kriegsflüchtling der ersten Generation, obwohl er in Aarhus geboren wurde. Zugleich „ist er der Kleine aus Dänemark“, wenn die palästinensische Familie in der libanesischen Diaspora zusammenkommt.   

So schreibt man nur unter Zwang

Yahya Hassan stand unter Beschuss, seit er die Omertà seines Herkunftsmilieus zu ignorieren sich gezwungen sah. Im Gegenlicht der Drohungen erkennt man die Ohnmacht der Feuilletongesellschaft.

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