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06.05.2020, Jamal Tuschick

Kein böser Endzweck

Im Stream geschmökert. Im Rahmen der Online-Präsenz des Berliner Maxim Gorki Theaters kann man Shermin Langhoffs Rede bei der Kundgebung #LagerEvakuieren hören.

Subtiler Screenshot - Sesede Terziyan bei ihrer Quarantäne-Lesson über Schiller, die Freiheit und das Menschenrecht

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Im Stream geschmökert. Im Rahmen der Online-Präsenz des Berliner Maxim Gorki Theaters kann man Shermin Langhoffs Rede bei der Kundgebung  #LagerEvakuieren am 25. 04. hören. Sie spricht von antiken und modernen Prophezeiungen, ihrer Kindheit in der Gegend von Troja, mit Fernsicht auf Lesbos. Die Maxim Gorki-Theaterchefin fordert die Auflösung der Lager. Sie zitiert Kassandra und Heiner Müller: „Die Ruinen von Europa“

Weil es so schön ist. So steht es geschrieben:

„Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung … im Rücken die Ruinen von Europa. Ich legte mich auf den Boden und hörte die Welt ihre Runden drehn im Gleichschritt der Verwesung.“

Shermin Langhoff redet über rechtsfreie Räume an den europäischen Außengrenzen, in denen das Grundrecht auf Leben ausgesetzt ist. Mit abertausenden Toten wird an dem neuen Limes jede antike Tragödie in den Schatten gestellt.  

„Hier kommt das Gespenst, das mich gemacht, das Beil noch im Schädel. Du kannst deinen Hut aufbehalten, ich weiß, dass du ein Loch zuviel hast. Ich wollte, meine Mutter hätte eines zu wenig gehabt, als du im Fleisch warst: ich wäre mir erspart geblieben. Man sollte die Mütter zunähn, eine Welt ohne Mütter. Wir könnten einander in Ruhe abschlachten.“

Heiner Müller wollte mit Kunst die Wirklichkeit unmöglich machen, während Friedrich Schiller mit Kunst den Menschen verbessern wollte in einer jüngeren Welt. Darüber spricht Sesede Terziyan in ihrem Wohnzimmer. Man sieht Bücher im Regal, Osterkram, den Schreibtisch. Das wirkt superprivat, man fühlt sich richtig eingeladen. Die Schauspielerin analysiert Verknüpfungen von migrantischen Sujets mit Schillers „Ästhetischer Erziehung des Menschen“ in „Verrücktes Blut“. Das Stück läuft seit zehn Jahren. Sesede Terziyan spielt eine Lehrerin, die ihren Schülern mal wieder mit allen Mitteln (wer in Berlin nicht alles mit allen Mitteln vorzugehen die Absicht verkündet: dieser Maximalgestus ist natürlich auch verschleißanfällig) und schließlich sogar bewaffnet Friedrich Schiller nahebringen will.

In der Befriedigung des Spieltriebs gewinnt der Mensch seine innere Freiheit.  

Schiller übte Kritik an der reinen Vernunft der Aufklärung

Harter Ritt zu den Sternen - Allein durch die Schönheit gelangt der Mensch zur Freiheit. Das behauptete Schiller fünf Jahre nach der Französischen Revolution in einem weltpolitischen Augenblick, der zu Hoffnungen wenig Anlass bot. Der Dramatiker sah sich in einer Art Generalopposition. Sogar die republikanischen Huldigungen erschienen ihm als Applaus von der falschen Seite. Schiller verachtete die Guillotinenpolitik der arrivierten Revolutionäre, die gerade ein neues Kapitel in der Geschichte der Despotie schrieben. Er bedachte das Desaster in Briefen, die er ins Blaue hinein verfasste. So entstand der Band „Über die ästhetische Erziehung ...“.

Der Autor verlieh seiner Überzeugung Nachdruck, dass im Menschen Antagonisten ein Ungleichgewicht erzeugen, das sich mit der Kunst in Balance bringen lässt.

„Der Künstler ist zwar Sohn seiner Zeit, aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günstling ist.“

Aus der Ankündigung

Junge Männer mit Hintergrund versetzen die deutsche Gesellschaft im Kampf um die abendländische Zivilisation in Angst und Schrecken. Ihr Hintergrund ist meist ein migrantischer, muslimischer oder bildungsferner, oft mit türkischen oder arabischen Wurzeln. Dann zwingen diese Männer ihre Frauen, Kopftuch zu tragen und statt zu arbeiten oder sich zu bilden, zeugen die Integrationsverweigerer ununterbrochen weitere Kopftuchmädchen. Soweit die gängigen Klischees in der zeitgenössischen »Integrationsdebatte«. Die einzige Hoffnung auf Rettung vor dem Untergang richtet sich nun auf die gute alte deutsche Schule, also: Bildung, Bildung, Bildung!!!

Eine Lehrerin bekommt eines Tages eine einzigartige Chance: Sie versucht ihren disziplinlosen Schülern gerade Friedrich Schillers idealistische Vorstellungen vom Menschen nahe zu bringen, als ihr eine Pistole in die Hände fällt, eine echte! Kurz zögert sie, dann nimmt sie ihre Schüler als Geiseln und zwingt sie mit vorgehaltener Waffe, auf die Schulbühne zu treten und zu spielen. 

Mit dieser Geiselnahme beginnt ein abgründiger Tanz der Genres vom Thriller über die Komödie zum Melodrama und die lustvolle Dekonstruktion aller vermeintlich klaren Identitäten.

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