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07.05.2020, Jamal Tuschick

Milchzahn versus Stoßzahn

Adeline Dieudonné erzählt von einer Zehnjährigen, die Marie Curies mit zwei Nobelpreisen ausgezeichneten Leistungen zu übertreffen die Absicht hat.

„Meine Mutter schaute wie eine Kuh, der man die Heisenbergsche Unschärferelation zu erklären versuchte.“

Bei anderer Gelegenheit erscheint die Mutter ihrer Tochter als „Amöbe“.

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Das erzählende Genie

Erotisch vor glüht das erzählende Genie in der Gegenwart eines Karate-Champions. „Mit (dem) Körper eines wilden Hengstes“ setzt er ein „Wärmekraftwerkt im Bauch“ einer Zwölfjährigen in Gang. Im Gegenzug stinkt der Naturwissenschaftslehrer nach Trägheit. Er gibt sich gerade auf. Die Erzählerin registriert die Schwäche im Stil eines eiskalten Engels. Zu ihrer Zukunft gehört nicht nur ein Nobelpreis; sie ist entschlossen Marie Curie zu übertreffen.

Sie hat keinen Namen.

Es sperrt den Text, wenn die Heldin nicht zwischendurch mal als Helene sachte aufstoßen kann. Altklug kennt X schon das ganze Programm: „Akne, ein paar Bettgeschichten … und schwupps! werden sie alt und sind zu nichts nutze gewesen“.

Adeline Dieudonné, „Das wirkliche Leben“, Roman, aus dem Französischen von Sina de Malafosse, 240 Seiten, 18,-

Ein Mix aus Neonlicht und dem Geruch von rohen Zwiebeln besorgt die Stimmung im Klassenzimmer. Der von seiner besten Schülerin in den Senkel gestellte Lehrer erklärt deren Mutter, was für eine tolle Tochter sie an den Start gebracht hat.

„Meine Mutter schaute wie eine Kuh, der man die Heisenbergsche Unschärferelation zu erklären versuchte.“

Bei anderer Gelegenheit erscheint die Mutter der Tochter als „Amöbe“.

Man verweist die Hochbegabte an den privatisierenden Physikprofessor Yotam Pawlović. Fortan ist ihr Leben, wo es schön ist, „ein einziges großes Gespräch“, mit einem Menschen, der ihr folgen kann.

Sie weiß so viel: Zum Beispiel, dass in ihrem „genetischen Code … Zurückhaltung nicht vorgesehen ist“.

Milchzahn versus Stoßzahn

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In einem Gespräch zwischen den rechtsgelehrten Schriftstellern Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge erwähnt Schirach, dass wir ohne jedes Verdienst Maschinen benutzen, die eine hunderttausend Mal höhere Rechnerleistung erbringen als das NASA-Computersystem „zur Zeit der ersten Mondlandung“.

Was macht diese Ungleichzeitigkeit mit uns? Führt das Nichtbegreifen der Dinge, die unser Verhalten steuern, nicht zwangsläufig in die Regression? Schirach kommt vom Smartphone auf Papst Gregor VII., der von seinen Zeitgenossen als „reißender Wolf“ wahrgenommen wurde. Er zwang einen Kaiser auf die Knie. Jenem Heinrich ward mit fünf ein Weltreich angetragen. Das konnte er genauso wenig begreifen wie wir in der Mehrzahl unsere Wischtelefone. Die sie begreifen/ sind nicht wir.

Adeline Dieudonné erzählt von einer Zehnjährigen, die Marie Curies mit zwei Nobelpreisen ausgezeichneten Leistungen u.a. in einem „Zeitreiseauto“ zu überholen die Absicht hat. Zunächst nimmt sie einen Stoßzahn von der Wand im „Zimmer der Kadaver“, wo die Jagdtrophäen eines pervers-pompösen Lustschießers zum Beweis seelischer Hässlichkeit versammelt sind.

Der namenlose Vater einer namenlosen Erzählerin verbreitet Angst und Schrecken in einem Reihenhaus, das beinah schon im Wald steht. Die Tochter fühlt sich zum Kampf gegen ein Ungeheuer eingeladen. Sie will die Zeit zurückdrehen, um das Milchzahnlächeln ihres Bruders Gilles zurückzuholen.

Folglich geht es um den Verlust einer Gnade, die wohl nur dem Unwissen geschuldet ist; hier jedoch mit der Behauptung größerer Gravitation ausgestattet wird. Der Erzählerin fehlen sämtliche Anker. Sie phantasiert sich die Säulen ihrer Existenz herbei.

Den Leuten in der Nachbarschaft gemeinsam ist „die traurige Einsamkeit vor dem Fernseher“.

Surrealistischer Saum

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Das weit und breit hellste Reihenhaus steht beinah schon im Wald. Es hat sein eigenes Klima als Arsenal waidmännischer Leidenschaften eines Buchhalters. Der Lustschießer bietet seinen Kindern eine vom Horror angehobene Alltäglichkeit. Die Trophäen sammelt er im „Zimmer der Kadaver“. Erschreckend lebensecht erscheint das Hyänenpräparat. Platzierungen steigern die Wirkung. Ein ausgestopfter Löwe schlägt seine Zähne in den Hals einer Gazelle auf einem Podest. Die stillstehende Inszenierung könnte einen vulgärpädagogischen Titel tragen. Der Hausherr predigt: „Die Großen fressen die Kleinen.“

Adeline Dieudonné, „Das wirkliche Leben“, Roman, aus dem Französischen von Sina de Malafosse, 240 Seiten, 18,-

In der Nachbarschaft (einer „Demo“ genannten Siedlung „mit fünfzig grauen“, in den Sechzigerjahren auf einem Weizenfeld im Akkord hochgezogenen Einfamilienfertighäusern) gibt der Durchschnitt den Ton an. Die zehnjährige Erzählerin existiert aber in der Konfrontation mit untypisch hervorstechenden Eigenschaften des bestimmenden Erwachsenen. Der Vater stilisiert sich zum Helden in einem Potpourri aus Schund & Schändlichem. Mit Wilderen machte er gemeinsame Sache, um einen Elefanten vor den Büchsenlauf zu bekommen. Das Herausbrechen der Stoßzähne beschrieb er als Gemetzel.

Im Brachialen ist er so sehr zuhause, dass sich seine Tochter ihre Zeugung sowie die Zeugung ihres jüngeren Bruders Gilles nicht in Verbindung mit einvernehmlichem Sex vorstellen kann.

Die Mutter beschreibt sie als (auf dem Zierrasen hinter dem Haus) Ziegen hütende Amöbe.

Oft flieht sie mit ihrem Bruder in das von Efeu überwucherte Haus der fürsorglichen Monica. Oder die Geschwister bevölkern ausgeschlachtete Autos auf einem Schrottplatz. Oder sie mischen sich in einen Auftrieb, den die Eis-Ambulanz auslöst. Eines Tages explodiert der Sahnespender und reißt dem Händler das Gesicht vom Kopf. Kurz darauf wirft die Leitziege zwei Böcke in die Welt. Man gibt ihnen die Namen Paprika und Kümmel.

Adeline Dieudonné erzeugt Stimmungen zwischen Chabrol und Magritte. Ein surrealistischer Saum begrenzt das grauenhaft Familiäre. Den weiten Erzählerinnenhorizont verdirbt die Altersangabe nicht. Die Autorin hat keine Zehnjährige von nebenan im Sinn, sondern ein magisches Kind, das sich über irdische Schranken mühelos hinwegsetzt.

Es gibt da eine Stelle, in der die Romanhierarchie deutlich wird. Ein Hund kommt ins Haus. Die Erzählerin nennt ihn Curie. Die Mutter will gut sein und lässt eine Marke prägen. Darauf steht dann Curry. Das veranlasst das kluge Kind, den Hund Skłodowska (kurz Dowka) zu nennen. Das war der Mädchenname von Marie Curie.

So geht es weiter. Das Personal übt sich in Beschränktheit, seine Überwinderin informiert sich über Wurmlöcher und plant eine Zeitreise.

Bald mehr.

Aus der Vorschau

… In diesem Sommer erhellt nur das Lachen ihres kleinen Bruders Gilles das Leben des Mädchens. Bis eines Abends vor ihren Augen eine Tragödie passiert. Nichts ist mehr wie zuvor. Mit der Energie und der Intelligenz einer mutigen Kämpferin setzt das Mädchen alles daran, sich und ihren Bruder vor dem väterlichen Einfluss zu retten. Von Sommer zu Sommer spürt sie immer deutlicher, dass sie selbst die Zukunft in sich trägt, wird immer selbstbewusster – ihr Körper aber auch immer weiblicher, sodass sie zusehends ins Visier ihres Vaters gerät.

Adeline Dieudonné @Gwladys Louiset

Adeline Dieudonné, 1982 in Brüssel geboren, wo sie mit ihren beiden Töchtern auch heute wieder lebt, ist von Beruf Schauspielerin. Nach mehreren preisgekrönten Erzählungen und einem erfolgreichen One-Woman-Theaterstück hat ›Das wirkliche Leben‹ die Herzen der französischsprachigen Leser im Sturm erobert: Das grandiose Romandebüt stand monatelang auf der französischen Bestsellerliste, wurde mit 14 (!) Literaturpreisen ausgezeichnet und wird in 20 Sprachen übersetzt.

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