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07.05.2020, Jamal Tuschick

Gedichte gegen Netzgemeinheit - Bosetti triumphiert über Trotz & Rotz mit ätzendem Verständnis. Sie schenkt den Leuten Reimwein ein. 

Hass als Hobby, Humor gegen Häme

Sarah Bosetti wehrt sich gegen Netzhäme mit Lyrik

Eingebetteter Medieninhalt

Beim Rödeln weinen oder Feminismus als Masche

„Wir betreiben viel zu viel emotionalen Aufwand für Menschen, die uns egal sein könnten.“

„Sexismus ist ein reicher Mann, doch die Zeche zahlen die Frauen.“

Sie wünschen der Autorin Hausbesuche von „Vergewaltigern“ und „Axtmördern“. Vollverschleiert soll Sarah Bosetti das Schicksal „illegaler Migrantinnen“ teilen. Die „Invasoren“ mögen im Verhältnis zu ihr vom Allgemeinen des Schlechten zum besonders Schlechten übergehen.

Es gibt noch welche, für die das Elend mit dem Frauenwahlrecht in die Welt kam. Bosetti wehrt sich gegen Hohlkohl, Hohn, Hass und Häme mit lyrischen Hohlspitzen, die Mannstoppwirkung versprechen, falls die Ladung nicht ausreichen sollte. Ihre Gedichte reagieren ironisch auf Invektiven. Sie funktionieren wie Knautschzonen. Sie erscheinen als Spielplätze für Zumutungen. 

Bosetti triumphiert über Trotz & Rotz mit ätzendem Verständnis.

Kompliment eines Sozialphobikers: „Sarah, ich mag keine Menschen, aber du zählst für mich nicht als Mensch.“

Ein unbedarft-selbstgewisser Zeitgenosse unterstellt den Böhmermännern, dass sie „beim Rödeln weinen“. Bosetti folgt der gelegten Spur in eine Niemandsbucht der Armleuchterei. Sie antwortet Elias, der ihr unterstellt, im Feminismus vor allem eine Erwerbsquelle zu sehen:

„Würde Feminismus Kohle bringen/Wäre er rentabel auch für Jungs.“

Sarah Bosetti verwandelt Phantasie in Poesie

Eingebetteter Medieninhalt

Mit klarem Blick für das Wesentliche erkennt Bosetti: Hass entspricht einer Gestalt, die Energie annimmt. Energie ist brauchbar. Auf der Warte dieser Prämisse transformiert die Kabarettistin den Zorn gewordenen Trotz der Unterversorgten. Sie verwandelt Wut in Wein (in den Wein des Reims meinetwegen).

„Eine Handvoll gewiefter Unsymphaten schürt den Hass … in unserer Gesellschaft.“

Es geht um Einschüchterung

Bosetti wehrt sich zumal gegen sexistische Angriffe. Gleich welches Thema sie anschneidet, die übergriffigen Reaktionen zielen auf das biologische Geschlecht. Es ist, als treibe die Aggressoren ein Vergatterungsauftrag; als müssten sie sich ermächtigen in den Arenen der Täter-Opfer-Umkehr und der bizarren Rahmung. Einer ruft sich aus zum Fürsprecher der von „stupiden hirntoten verfressenen pseudointellektuellen faulen Zynikerinnen … kastrierten“ deutschen Männer. Die Nationalität spielt hier eine Rolle, da die diffamierten Frauen den selbstverständlich nicht kastrierten „Invasoren“ die Türen öffnen. So spricht sich eine Angst aus. 

Bosetti setzt den Aufschrei ein wie einen Widerstand, um zu zeigen, dass da nichts ist. Der Gegner liegt am Boden. Man kann sich ihn auch als Reiter eines toten Pferdes vorstellen. Fest hält er den Zügel, der nichts mehr hält. Die Netzinfamie verfängt aber auch da, wo die Vernunft der Feststellung einer Bedrohung widerspricht.

Sarah Bosetti findet Feminismus anstrengend und ist zugleich eine der präsentesten und witzigsten feministischen Stimmen auf Deutschlands Bühnen und im Internet. Sie ist bekannt aus «Die Anstalt» im ZDF, «extra3», «Nuhr im Ersten», der «ARD Ladies Night», den «Mitternachtsspitzen» im WDR und als Kolumnistin bei radioeins (RBB) und WDR2.

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