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08.05.2020, Jamal Tuschick

Im Gorki-Stream geschmökert

Heiko Maas im Gorki-Livestream

Eingebetteter Medieninhalt

„Unsere Vorstellungen von Universalität basieren auf westlichen Verabredungen und Machtverhältnissen.“ Siba N. Grovogui

Ich sehe „Mephistoland“ im Gorki Stream. Das Stück entstand 2016. Damals sei „Populismus noch exotisch gewesen“, erinnert sich Regisseur András Dömötör in einem Komplementär-Video. „Wir wollten kein Stück über Ungarn schreiben, wir wollten über ein dystopisches Europa reden.“

Die Schriftstellerin Judith Schalansky bezeichnete „Mephistoland“ als „Horrorwunderkammer von Figuren nationalistischer Kulturideologie“.

Dömötör referiert Koordinaten. England war noch in „der EU. Trump erschien so wie ein schlechter Witz“. Die politische Gegenwart erscheint Dömötör „schlimmer als das Virus“.

Er äußert sich vor einer Budapester Kulisse. Auch das ist schon vertraut: Künstler*innen außerhalb ihrer Arbeitszusammenhänge in der Fadenscheinigkeit des Privaten, auf Balkonen, in Korridoren, Arbeits- und Wohnzimmern. Mich streift eine Bemerkung zur Gegenwart von Feridun Zaimoglu wie eine Empfindung. In einem Interview erwähnte er eine Dichterin, die sich aus Angst vor Corona umgebracht habe. Zaimoglu behauptete, nur zweimal im Jahr seinen Fernseher anzuschalten. Ihn informiere das flüchtige Wort vor einer Auslage oder direkt auf der Gasse. Er bezeichnetet sich als „Aufschnapper“ und „Onkel Horst des Alltags“.

So was wäre ich auch beinah geworden, ein Binsen-Kurt, stolz auf seinen Bagatellismus. In „Mephistoland“ gibt es auch einen Kurt, der alle Zeit die Hände schüchtern hinter dem Kopf verschränkt. Andere Spieler*innen wollen, dass er sich zu erkennen gibt als was Mieses. Sie zerren an ihm und unterjubeln ihm ein politisches Bewusstsein, obwohl sie wissen, dass es dazu nicht reicht. Kurt soll sich einfach als Prügelknabe politisch in den falschen Farben anmalen lassen. Ich denke, schon wieder heißt die ärmste Sau weit und breit Kurt. Doch dann bemerke ich, dass alle rund gemacht werden. Ein Ministerpräsident lässt sich prügeln: zur Steigerung des Vergnügens, seine Schändlichkeit kund zu tun. Er ermutigt eine Domina wider Willen, die sich selbst zu einem spitzen Fazit den Mut zuspricht. Der Gewaltige feuert sie auf der Stelle, noch mit glühendem Arsch.

Der Herrscher kennt keine Scham. Seine obsessiv aufgeladene Niedertracht hebt ihn nur weiter an. Wer will es wagen, ihn zu kompromittieren. Offenbar bezieht sich Dömötör auch auf Klaus Manns Mephisto-Roman, in dem Gustaf Gründgens als Hendrik Höfgen dem gewissenlosen Karrieristen sein Genie leiht. 

Der Ministerpräsident setzt einen neuen Intendanten ein. Er trimmt das Personal auf Linie. Da ist die Zündung. Das Totalitäre rollt schwerfällig wie ein Felsbrocken in die Lücke zwischen Kunst und Freiheit. Was sich nicht fassen und nicht kujonieren lässt, wandert in den Wahn aus. Es stolpert durch die Gegend und landet wie freimütig geführt in einer Kleiderkammer. Da wird dann auch der Wahn uniformiert.

Wie #COVID19 unsere Gesellschaften beeinflussen könnte - Vorgestern streamte das Maxim Gorki Theater seine erste #digitale Diskussion live. Heiko Maas spielte in einer Vorrede die akademische Kritik an seinen Positionen herunter. Der Furcht, das Virus könne einer „Renaissance der Nationalstaaten“ (Ivan Krastev) Vorschub leisten und ein Abgleiten in den Autoritarismus begünstigen, wollte er keinen Raum geben. Doch gab er zu bedenken: „Solidarität setzt ein Mindestmaß an eigener Handlungsfähigkeit voraus.“

Allmählich verstehe ich die Berliner Erbitterung beim Kampf um die Köpfe. Ich ahne zum ersten Mal so etwas wie eine Arbeitsteilung zwischen Politik und Kultur. Das Maxim Gorki Theater ist nicht nur ein Labor, in der Zukunftsformate durchgespielt werden, sondern auch eine außerparlamentarische Dependance, in der über Abdichtungen nachgedacht wird. In den Berliner Korrespondenzen (einer Reihe des Gorki Forums und der Allianz Kulturstiftung in Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität zu Berlin und gefördert durch das Auswärtiges Amt) thematisierten Susan Neiman und Ivan Krastev vorgestern exakt diesen Punkt. Sie stellten fest, dass die große Depression, die in Deutschland den Faschismus begünstigte, in Amerika Roosevelts New Deal in Gang gesetzt hat. Der konservative Reflex in Krisen entspricht nicht der einzigen unwillkürlichen Reaktion. Der bulgarische Soziologe Krastev traf den Nagelkopf, als er sagte: das Virus bedenke linke Utopien und rechte Träume zu gleichen Teilen. Einerseits sei der Flugverkehr europaweit um 97% geschrumpft, andererseits wären alle europäischen Binnengrenzen geschlossen worden (Deglobalisierungseffekt/Unterbrechung der Lieferketten; gleichzeitig sehen wir in unseren Quarantänen die Welt als etwas Gemeinsames).

Es geht um diese Gleichzeitigkeit, und um die „moralische Verpflichtung“ (Susan Neiman), auf das beste Ende hinzuarbeiten.

Kinder übernehmen die Aufsichtspflicht, indem sie ihre Eltern dazu anhalten, zuhause zu bleiben und auch da noch auf sich aufzupassen. Das beobachtete die Philosophin Susan Neiman als eine Umkehr der Normalverläufe in der Corona-Krise. Neimanns Postulat:

„Wir müssen uns im Eigeninteresse umeinander sorgen.“

Neiman beschreibt die Paradoxie der Krise: Wir erkennen, wie vernetzt/abhängig wir sind, obwohl wir in unseren Wohnungen isoliert sind.

Aus der Vorschau

Man verliert leicht die Zuversicht, schaut man auf das politische und kulturelle Europa der Gegenwart. „Mephistoland“ ist ein Horrorszenario, ist eine Vision und doch schon Realität. Denn hier proklamieren Theaterintendanten eine »gesunde, nationalistische« Kultur; hier herrschen wieder Homophobie und Antisemitismus und gigantische Heiligenstatuen werden als Glaubensbekenntnisse einer neuen Zeit errichtet. Hier grassiert die Schizophrenie, Regisseure verlieren den Verstand, Schauspieler wechseln ihr Wesen, das Land und Theaterbesucher sperren sich hungerstreikend in Käfige…

Eine Theatertruppe im Ausnahmezustand, weil sie weiß: Die Zeit des Spiels für das Spiel ist bald vorbei. Der gefürchtete Ministerpräsident beruft einen Freund zum Intendanten ihres Hauses, der die Aufgabe des Theaters darin sieht, den seelischen wie geistigen Aufschwung des gesamten Volkes zu befördern und zu beflügeln. Der Wind dreht sich, von nun ist kein Schutz mehr vor dem Hereinbruch der Politik in die Kunst möglich.