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08.05.2020, Jamal Tuschick

Viraler Ausnahmezustand

Es steht eine ganze Zivilisation auf dem Spiel, daran besteht kein Zweifel. Es gibt eine Art viralen Ausnahmezustand - biologisch, computerbasiert, kulturell -, der uns pandemisiert. Regierungen sind nichts weiter als traurige Vollstrecker, und sie anzugreifen scheint eher ein Ablenkungsmanöver als eine politische Reflexion zu sein.

Aus der Berliner Volksbühne

Der Philosoph Giorgio Agamben veröffentlichte am 26. Februar einen Artikel mit dem Titel „L’invenzione di un’epidemia“ (Die Erfindung einer Epidemie) in der italienischen Tageszeitung „Il manifesto“. Er spricht darin von „hektischen, irrationalen und völlig grundlosen Notfallmaßnahmen“ und einer bloß „vermuteten Epidemie“.

Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy reagierte gleich am Tag darauf mit seinem Text „Eccezione virale“ (Viraler Ausnahmezustand) und kritisierte Agambens Position stark. Sein alter Freund merke nicht, dass in einer vernetzten Welt die Ausnahme zur Regel wird und dass die Regierungen eher Getriebene dieses normal gewordenen Notstands seien. Diese anzuklagen ginge am Kern des Problems vorbei.

In Zusammenarbeit mit dem Passagen Verlag haben wir eine deutsche Übersetzung des Textes von Jean-Luc Nancy erstellt, die ihr hier lesen könnt:

Viraler Ausnahmezustand

Giorgio Agamben, ein alter Freund, erklärt, das Coronavirus unterscheide sich kaum von einer normalen Grippe. Er übersieht die Tatsache, dass es für die "normale" Grippe einen Impfstoff gibt, der sich als wirksam erwiesen hat. Dennoch muss dieser jedes Jahr erneut an virale Mutationen angepasst werden. Die "normale" Grippe tötet so immer noch einige Menschen, und das Coronavirus, gegen das es bisher keinen einzigen Impfstoff gibt, ist offensichtlich zu einer viel höheren tödlichen Leistung fähig. Der Unterschied (laut Quellen desselben Typs wie jene von Agamben) beläuft sich in etwa auf 1 zu 30: Er ist nicht unbedeutend, das kann man sagen.

Giorgio versichert uns, dass die Regierungen Vorwände ergreifen, um alle möglichen Ausnahmezustände einzuleiten. Er bemerkt dabei nicht, dass die Ausnahme tatsächlich zur Regel wird in einer Welt, in der technische Zusammenhänge aller Art (Verdrängungen, diverse Transfers, Durchdringung oder Ausbreitung von Substanzen usw.) eine bisher unbekannte Intensität erreichen und mit der Bevölkerung wachsen. In den reichen Ländern bringt dies auch eine höhere Lebenserwartung und erhöhte Anzahl älterer und gefährdeter Menschen mit sich.

Man sollte sich nicht in der Zielscheibe irren: Es steht eine ganze Zivilisation auf dem Spiel, daran besteht kein Zweifel. Es gibt eine Art viralen Ausnahmezustand - biologisch, computerbasiert, kulturell -, der uns pandemisiert. Regierungen sind nichts weiter als traurige Vollstrecker, und sie anzugreifen scheint eher ein Ablenkungsmanöver als eine politische Reflexion zu sein.

Ich habe daran erinnert, dass Giorgio ein alter Freund ist. Ich bedaure es, eine persönliche Erinnerung aufzurufen, aber ich verlasse damit das Register der allgemeinen Reflexion letztlich nicht. Vor fast dreißig Jahren entschieden die Ärzte, dass ich eine Herztransplantation benötige. Giorgio war einer der ganz wenigen, die mir rieten, nicht auf sie zu hören. Wenn ich seiner Einschätzung gefolgt wäre, wäre ich ohne Zweifel sehr bald gestorben. Man kann sich täuschen. Dennoch ist Giorgio ein Geist von solcher Finesse und Freundlichkeit, dass man ihn - ohne die geringste Ironie - als außergewöhnlich bezeichnen könnte.

Nachträgliche Anmerkung: Um mehr Klarheit zu schaffen, möchte ich präzisieren, dass Giorgio 1991 gegen Herztransplantationen war, weil er darin eine Übertreibung der modernen Medizin sah; er stellte den Staat nicht in Frage, aber seine Logik war die gleiche: Er beschuldigte eine andere Erscheinungsform des Gestells (um den heideggerianischen Begriff zu verwenden). Und ich leugne nicht, dass es ein echtes Problem mit dem Gestell gibt. Aber es lässt sich nicht so einfach zerlegen.​

Copyright: Jean-Luc Nancy

Deutsche Fassung: Passagen Verlag 2020

Übersetzung: Hannah Schünemann