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08.05.2020, Jamal Tuschick

The Handshake of Irresponsibility

Ja, er hat Charme. Sein gewinnendes Wesen kontrastiert die Holzschnittartigkeit der Dutzendtypen in dem kleinstädtischen Milieu, das die Kulisse zu Antje Joels Auseinandersetzung mit einem gewalttätigen Mann liefert. P. erscheint vor Ort deplatziert. Der Bezirksligastürmerstar aus Liverpool wirkt trotz seines miesen Jobs in einer Putzkolonne zu groß für das Kaff weit weg von allem in einer deutschen Provinz zwischen Ostwestfalen, Südniedersachsen und Nordhessen. P. gräbt die Schülerin A. in einer Diskothek an. Er zeigt sich spendabel und spielt sich als Beschützer auf. Zugleich testet er A.s Grenzen. Sie „duckt sich unter seinen Neckereien“. Die gesellschaftlichen Forderungen konfrontieren A. mit einer Doublebind-Erfahrung. Einerseits darf sie nicht verfügbar sein, andererseits muss sie dem Vorwurf der „Spaßbremse“ vorauseilend begegnen. P. spielt auf dem Klavier. Er untergräbt A. und „trägt sie ab“.

So beginnt eine langjährige Missbrauchsgeschichte, die Antje Joel in ihrem Buch „Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt“ verarbeitet hat. Sie wurde zum Gegenstand einer Diskussion im Mainlabor. Sie kulminierte in der Erkenntnis:

By blaming the victim society is driving the getaway car for the perpetrator.

Ohne den Milieurahmen, in dem P. so potent erscheint wie A. verworfen, käme der Täter nicht weit. Darauf weist Joel wiederholt hin: dass viele am Missbrauch mitwirken. Sie lähmen das Opfer mit ihren Zuschreibungen. Sie bereiten es für die Schlachtbank vor.  

Dieser Beitrag beendet die großräumige Besprechung des Titels mit dem erklärten Willen zum Widerstand im Namen von #MeToo. 

Sein Repertoire weist ein paar neckische Lücken auf. Der britische Weltmann P. nähert sich der minderjährigen Schülerin A. auf kleinstädtischen Schauplätzen. Er schmeichelt ihr und fordert sie heraus. P. spricht über Bücher, die A. (noch) nicht gelesen hat, und über Filme, die sie nicht kennen kann. Er gießt vor ihren Augen die Pflanze seiner Überlegenheit.

Die Bearbeitete fragt sich, wie kann es sein, dass so ein Supermann sich für sie interessiert. Sie kriecht ihm auf den Leim und wird seine Geliebte. A. zieht zu P. und übernimmt zahlreiche hausfrauliche Aufgaben. Ihr Kindergeld fließt in die Haushaltskasse.  

Tagelang unterhielt ich mich mit Antje Joel über ihr Buch „Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt“, Rowohlt, 334 Seiten, 12,- 

Wir sprachen über die paternalistische Akzeptanz von häuslicher Gewalt. An einer Stelle finde ich die Formulierung „eine milde Form der Zuhälterei“ passend, da P. das Kindergeld seinem System eingliederte. Joel widerspricht: „Das Kindergeld kassierte natürlich nicht der Schläger. Es war, wie im Buch beschrieben

Es diente dazu, zu meinem Anteil an Miete und Lebensunterhalt beizutragen. Ich meine, das ist ein Unterschied. Ich händigte es ihm auch nicht aus, sondern bezahlte davon meinen Mietanteil und Nahrungsmittel. 

Ich antworte an anderer Stelle:

Ich habe als Jugendlicher mitbekommen, wie L. überfallartig von einem Lehrer entjungfert wurde. Das hat den Lehrer nicht stigmatisiert. Das wusste man.

Jahre hielt ein loser Kontakt zwischen L. und mir. Sie heiratete einen wesentlich älteren Mann, bekam mit ihm ein Kind, ließ sich scheiden. Die aufgelöste Ehe war lange kein Thema unseres Gesprächs. Irgendwann wurde ich auf den neusten Stand gebracht. Das war dann schon retrospektiv. Der Geschiedene hatte wieder eine viel jüngere Frau geheiratet. Er hat Kinder aus beiden Verbindungen. Alle feiern gemeinsam Feste. Ich fragte N.: Warum trägst du ihm nichts nach? Er war älter und hatte die Macht. Er hat sich genommen, was er wollte ... N. antwortete dem Sinn nach: Jemand etwas vorzuwerfen, bedeutet, sich als schwach zu erleben. Das will ich nicht.“

Joel antwortet:

Dieses Sich-als-schwach-Erleben indem man den anderen beschuldigt, kenne ich natürlich. Auch dieses Gefühl wird von unserer Gesellschaft in den Opfern nach Kräften gefördert. Wer großzügig vergibt, gilt als stark und autark. Was für ein Bullshit. Ein Elite-Magazin hat mich vor Jahrzehnten mal nach Kalifornien geschickt, für eine Reportage über eine Frau, die dem Mörder ihrer Tochter nicht nur vergeben, sondern ihn gleich zu ihrem besten Freund ernannt hatte. Das fanden alle unglaublich rührend. Ich kam dann zurück mit einer Geschichte, in der die Frau wahnsinnig geworden war an ihrem Schmerz, den sie in seiner vollen Wucht nie hatte zulassen dürfen. Weil die anderen ihn nicht ertrugen. Das resultierte in Briefen an den jetzt zum Gefängniskünstler avancierten Mörder, in denen sie schrieb: „Du hast aus deinem Leben so viel gemacht – ich dagegen bin nur eine ganz gewöhnliche übergewichtige Frau in den mittleren Jahren.“ Diese Geschichte wollten die Redakteure nicht haben. Sie waren empört. Sie fühlten sich um ihr Feel-Good betrogen. Sie forderten: „Schreiben Sie die Geschichte neu – aber nehmen Sie das Verrückte raus!“ Ich weigerte mich, ihnen eine Welt nach ihrem Willen zurechtzuschreiben. Unsere Zusammenarbeit war damit beendet.

Ich schreibe:

Es gab den Fall, dass Eltern eine ihrer Töchter Männern ins Bett gelegt haben. Nennen wir sie Mücke. Sie hatte so einen verniedlichenden Spitznamen, den wir alle gern aufsagten, weil sich dabei jeder etwas größer fühlte. Ein Lehrer verliebte sich in Mücke. In seinem Wahn kam er übers Dach. Das wurde toleriert. Wir wussten es alle. Dann gab es die Situation, dass ein Prominenter Interesse an Mücke zeigte. Das Interesse wurde gefördert. Ich weiß gar nicht mehr, was in den Köpfen der Leute vorging. Das war alles Missbrauch und Gewalt. Mückes Vater hat über das Feuerwerk im Barock promoviert, das war der diskrete Charme der Hippie- Bourgeoisie.    

Joel:

Meine Eltern wollten klar die Verantwortung für mich nicht übernehmen, als ich zu P. zog. Sie gaben sie an mich ab. Und damit auch die Schuld. Sie handelten damit auf privater Ebene wie unsere Gesellschaft und Politik auf großer Bühne. Auch hier wird den Frauen die Verantwortung für die an ihnen verübte Gewalt übertragen und mit ihr die Schuld: “Wie geraten die Frauen da hinein!” – “Was tun sie, um den Mann zu provozieren!” Und, natürlich, der Klassiker: “Warum gehen die Frauen nicht!”

Ich:

Ich muss Ihnen sagen, dass ich Ihre Faszination für P. aus der Perspektive einer Adoleszentin gut verstehen kann. Ich kenne den Typus, den Charme, das Ehrenmann-Getue, die Begabung zur Kumpanei. Ich habe mit solchen Männern viel Zeit verbracht. Auch ich fühlte mich von ihnen angezogen. Mir wird ganz anders, wenn ich im Gegenlicht einer neuen Zeit begreife, was für Schweine damals die Meister des Lichts waren: die Szenefürsten mit den hübschen Freundinnen.  

Joel:

Gut beobachtet! Diesen Typus Mann. Ich wollte P. so beschreiben, dass der Leser mich versteht. Und sich, hoffentlich, in mir wiedererkennt. Ich wollte Szenen haben, die einen zum Lachen bringen. Die eben so erscheinen, als kämen sie „aus dem Poesiealbum“. Oder besser noch aus einem coolen Roadmovie. Aber im nächsten Moment zerschlage ich sie schon. So wie P. mich zerschlagen hat.

Mir wurde gerade der frisch ins Deutsche übersetzte, teils autobiografische Roman eine britische Inderin angepriesen. Sie beschreibe darin ihr „Martyrium mit großer Poesie“. Da wird mir schlecht.

Graumelierte Habitate

Ich:

Die Lehrer-Täter (in Verhältnissen zu minderjährigen Schülerinnen) der obszönen Siebzigerjahre sind vollkommen unangefochten alt geworden in ihren graumelierten Habitaten. Die sind mir Jahrzehnte in den Kneipen begegnet, wenn ich zu Besuch war. Wir haben uns unterhalten. Ich wusste, dass sie sich vergangen hatten, aber es gab dafür kein Format. So wie man sich von diesem und jenem distanziert hielt, mit einer leicht beleidigenden Note, so verhielt man sich diesen Tätern gegenüber eben nicht distanziert. Die Missbrauchsgeschichten wurden eingemeindet. Sie waren dann Teil der großen Geschichte meiner Generation in einer nicht besonders großen Stadt. Deshalb interessiert mich ihr Buch. Ich frage mich, wie es zu diesen Gehirnwäschen kommen konnte. Man traf sich auf dem Markt. Machte Smalltalk. Fühlte sich als Elite. Gab auch dem anderen diese Bedeutung. Natürlich hatte der Lehrer X eine deutlich jüngere Frau. Endlich war auch er verheiratet. Mit diesem Haha- und Höhö-mäßigen Subtext: Gut Ding will Weile haben. Wie ich mir die Hörner abgestoßen habe, weiß eh jeder.   

Das war Folklore, Teil der städtischen Kultur. Da hing die Politik dran. Das ganze Weißt-du-noch. 

Das finde ich viel irrer als offensichtliche, das heißt sanktionierte Delinquenz. 

Joel:

Ja, geht mir genauso. Daran würde ich gerne mal wahnsinnig werden.