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09.05.2020, Jamal Tuschick

Identitätseskapismus

Herkunftshader bestimmt Benjamin Quaderers Helden Johann zum Hochstapler.

„Lieber jemand sein, wenn auch nicht wirklich, als ein Nichts zu sein und das wirklich.“ Patricia Highsmith, „Der talentierte Mr. Ripley“

Eingebetteter Medieninhalt

Der alte Alfred Kaiser, Liechtensteiner von Geburt und ein Spanier im Herzen, verliert sich in der Weltläufigkeit. Sein Sohn Johann kommt kaum hinterher, Schauplätze des väterlichen Verweilens auf Karten zu lokalisieren. Ein Brief erreicht ihn, den „der Vati“ am Hof des Dalai Lama verfasste. Der Inhalt erscheint Johann so abenteuerlich wie der Absender.

Benjamin Quaderer erzählt davon in einer Rückblende, die seinen Helden, den Hochstapler, Datendieb und Identitätsjongleur Johann Kaiser alias Marius Fritz alias Journalist Banzer, bereits im Vollbild seiner Verworfenheit zeigen.

Benjamin Quaderer, „Für immer die Alpen“, Roman, Luchterhand, 586 Seiten, 22,-

Herkunftshader bestimmt Quaderers Helden Johann zum Hochstapler. Gewiss möchte er lieber „jemand sein, wenn auch nicht wirklich, als ein Nichts zu sein und das wirklich.“ (Patricia Highsmith, „Der talentierte Mr. Ripley“)

Johann beginnt die Negation seiner Herkunft in fatal-grandiosem Aktionismus. Er setzt einen Maßstab, dem er fortan genügen muss, obwohl ihn keiner drängt. Freunde bewirtet er im Ritz. Er bestellt Komparsen. Regieanweisungen gehorchend, spielen sie die Leibwächter eines Überbehüteten.

Johann beleidigt die Rolle, die er spielen könnte, ohne sich zu verheben. Er will den Platz nicht einnehmen, den ihm die große Platzanweiserin angewiesen hat. Er kehrt den Felix Krull hervor und verschweigt auch nicht den Monarchisten im Familienkreis des reichen Rolfs. Rolf durchschaut den „Freund“ in der Logik stigmatisierender Kategorisierungen. Wie hält der Kerl die Gabel? Etc. Jetzt müsste Johann eine Gegenkultur aufbieten und als Underdog den Kettentanz aufführen, das heißt, mit Lebensstil und Existenzweise auftrumpfen. Stattdessen nimmt erst einmal ein Schambad.

In der Gegenwart von 1986 ff. ist Johann Angestellter von Swissair. Freitags kommt er mit dem Koffer ins Büro, um zum Feierabend ab- und aufzurauschen, zuerst in der Bye Bye Bar von Terminal 1 auf dem Zürcher Flughafen, wo der Barkeeper den Drink passend zur Destination mixt.

Seine Geburt erlebt er als ungemütliche Angelegenheit. Zur Welt kommt Johann zwei Jahre nach seinen ihm feindlich gesonnenen Zwillingsschwestern Luise und Lotte als Sohn von Alfred, dem Liechtensteiner, der nach einem Erweckungserlebnis gleichzeitig seinen Traumberuf (Fotograf) und seine Traumfrau (Soledad) 1962 in Spanien fand.

Jahrzehnte später sieht es noch ungemütlicher für Johann Kaiser alias Marius Fritz aus. Trister als die Aussicht, die ein Geburtskanal gewährt, ist ein Blick in die Mündung eines Gasdruckladers, durchgeladen von einem Hans-Adam-Schergen. Als Flüchtling reist Johann im Camper durch Europa und markiert für Wegrand- und Rastplatzgestalten den umgänglichen IT-Agenten.

Reden wir von den Jahren dazwischen:

Als Jugendlicher quert Johann auf einem angemaßten Moped die Alpen. Seine abgängige Mutter entdeckt er schwer verschnupft in einem spanischen Kloster. Johann jobbt sich einen Wolf u.a. in der Bar Cèndric, wo Schriftsteller über *Infrarealismus sprechen. Siehe

Quaderers altfränkischer Ton lässt mich an einen bedächtigen, schlammigem Rotwein den Vorzug gebenden Genießer denken; an einen verholzten Geschmacksapachen, der den Schlamm voller Hingabe im Glas schwenkt und keinen Hieb nehmen kann, ohne ein Wort von Bourdieu oder Bocuse zu bedenken.

„Lieber jemand sein, wenn auch nicht wirklich, als ein Nichts zu sein und das wirklich.“ Patricia Highsmith, „Der talentierte Mr. Ripley“

Gewässerter Stechapfel

Not macht erfinderisch. „Ein Freund liebt allezeit, und als ein Bruder wird er in der Not erfunden“, heißt es nach Luther in der Bibel. In Anbetracht der Schwierigkeiten, in denen Johann steckt, stellt sich die Frage, wer will sein brüderlicher Hüter sein? Ich schließe mich in meiner geprüften Eigenschaft als Rezensent der Romanerregungen rund um einen Identitätsfälscher und Berufslügner (auch bekannt als Hochstapler und Datendieb) aus. Sobald Johann einmal wieder den Schlauch zur Hand nimmt und „den Efeu, Rhododendron, Stechapfel und die Zitronenmelisse“ in seinem Garten „bewässert“, löst sich meine Reserve, so dass ich nicht länger wie mit angezogener Handbremse lese. Hinter Johann liegt die Suche „nach (sich) in der Vergangenheit“. In der Gegenwart von 1986 ff. ist er Angestellter von Swissair. Freitags kommt er mit dem Koffer ins Büro, um zum Feierabend ab- und aufzurauschen, zuerst in der Bye Bye Bar von Terminal 1 auf dem Zürcher Flughafen, wo der Barkeeper den Drink passend zur Destination mixt.

„Leicht übermütig“ vom Alkohol steigt Johann dann ins Flugzeug. Stets versetzt ihn nach dem Start die privilegierte Fensterplatzansicht der Alpen, diesem Stück Afrika in der Schweiz, in Erstaunen. Der Erzähler zählt auf, wer schon alles neben ihm gesessen hat. Er macht imperiale Bemerkungen und Beobachtungen. Von Malmö zu den Karolingern ist es ein Katzensprung in Johanns Kessel Buntem.

Vierzehn einbruchssicher in der Cloud verwahrte „schwarze Bücher“ bieten sich Johann „als Grundlage für diesen Text“ an. Er ist auch Schriftsteller und historisch beschlagen. Seine Delinquenz ist kaum zu glauben, wenn er durch die Geschichte botanisiert und noch einmal erzählt wie Captain Cook Robinson Crusoe aus der Hand der Wilden befreite, bevor sich Cook an das „Auffinden der Terra Australis“ machte. Das führt mich zu den wiederholten Entdeckungen.