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10.05.2020, Jamal Tuschick

Der stumme Kurt

Alles so weit weg von Buenos Aires – Einen Titelhelden in Damiano Femferts Roman „Rivenports Freund“ fasziniert Funktionalität.

Quebrada de Humahuaca

Eingebetteter Medieninhalt

Auch im Schmetterling liegt Kraft / Verletzlichkeit im Stier. (Safiye)  

Das Hospital von S. ist ein Monument zentralistisch geplanter Wohlfahrt. Das projizierte Einzugsgebiet, dem die Einrichtung ihre Stattlichkeit verdankt, wird in der föderalen Realität zur Chimäre. Die (der Entstehung endemischer Arten förderliche) Unwegsamkeit des Geländes, die Rede ist von der argentinischen Quebrada de Humahuaca, einer Schlucht, die sich über hundertfünfzig Kilometer hinzieht, angefangen nahe San Salvador de Jujuy und erst vor Humahuaca endend, isoliert die Hochlandweiler weit und breit. Die Bauern bleiben aufgeschmissen. Sie halten sich an Heiler*innen sowie an ihren Aberglauben und das Gesundheitswissen der Altvorderen. Die Vorzüge der Zivilisation kommen bei ihnen als Plastikmüll an.

Damiano Femfert, „Rivenports Freund“, Roman, Schöffling & Co., 300 Seiten, 22,-

Krankenhausdirektor Rivenport widmet die frühen Morgenstunden, wenn noch keiner was von ihm will, seiner Leidenschaft. Er präpariert eigenhändig erkescherte Schmetterlinge.

Den Arzt fasziniert Funktionalität. Schmetterlinge gibt es seit über zweihundert Millionen Jahren. Ohne Anpassungsschwierigkeiten glitten sie durch die Zeiten. Ihre Fähigkeit, Katastrophen zu überleben, verdient gesonderte Betrachtungen. Sie waren am Start als der Trias in den Jura überging, Pangäa auseinanderbrach und die Kruste krachte.

Eines Morgens stört die Haushälterin. Sie meldet dem passioniert privatisierenden Rivenport einen Patienten, der aus dem Schema des Gewöhnlichen fällt. Er ist blond und mager, wo alle schwarzhaarig und fleischig sind. Er wurde dehydriert, unterernährt und aus vielen Wunden blutend angetroffen.

Das Personal bemerkt abgelaufene Sohlen an den Schuhen des Fremden.

Ohne Begeisterung waltet Rivenport seines Amtes, obwohl auch der nachrangige, aus Liebe in S. hängengebliebene Doktor Oriani die Versorgung übernehmen könnte. Die Polizei rückt an, u.a. in der Gestalt von Escobar.

Der Hauptkommissar gibt den Leidenden als harten Hund. Jeder sieht durch die Fassade, wie zermürbt der vor Jahrzehnten im Wege einer Zwangsversetzung in S. abgestellte Beamte in Wahrheit ist. Seine Ermittlungen sind Schauspiele der Freudlosigkeit.

Rivenport erwägt ohne ernsthafte Anhaltspunkte, wem Escobar einst so auf die Füße zu treten die Blödheit besaß, dass er diese Diaspora als bis zur Pensionierung anhaltende Strafe verdient hat.

Der stumme Kurt

Damiano Femfert stöbert in der Umgebung eines jeden Humboldt berauschenden Plateaus, den indigenen Milieus und der Zuckerplantagenbaronherrlichkeit. Er trägt das alles schön zusammen, während der Eingelieferte sich lange unansprechbar hält. Er könnte ein Gangster auf der Flucht sein oder ein bedenkenloser Andentramp.

Schließlich erfährt Rivenport den Namen seines Premiumpatienten.

Kurt legt ein unergründliches, gleichsam aberwitziges, gleichwohl wortloses Wohlwollen an den Tag. Man kennt das von kleinen Leuchten, aber auch als Masche der kontraintuitiv Versierten. Das Lächeln begreift man genau wie den Atem und die Spucke am besten als Ressource. Wer lächeln kann, hat noch was, dass sich ablegen lässt.

Kurt schöpft auch an der Orgel barock aus dem Vollen. Als Genesener zieht er zunächst in das Kloster um, dessen Nonnen die Kranken versorgen. Seine Nationalität offenbart sich. Kurt ist Deutscher. Er macht Karriere als angestauntes Wesen. Rivenport erachtet ihn als Famulus in der Einflugschneise der Entomologie. Kurt hat aber auch etwas von Eliza Doolittle. Aus der Ferne grüßt Fitzcarraldo.

Der Fremde bleibt ein interessantes Rätsel auch noch als Kurt bei Rivenport einzieht.

Aus der Ankündigung

Doktor Rivenport, der Direktor des örtlichen Krankenhauses, ist über die Einlieferung des neuen Patienten gar nicht erfreut. Er stört sein geruhsames Leben im perfekten Gleichgewicht zwischen den Pflichten als Arzt und seiner Passion: dem Fangen und Präparieren von Schmetterlingen. Am liebsten würde er Kurt gleich wieder loswerden, doch das ist nicht so einfach. Polizei und Lokalpolitik kommen mit ihren Untersuchungen nicht weiter. Die Nonnen, die Kurt zunächst aufgenommen haben, setzen ihn vor die Tür. Rivenport bleibt keine andere Wahl, als seinen ehemaligen Patienten bei sich zu Hause aufzunehmen. Langsam wächst seine Faszination für Kurt, und er beginnt, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Diese führen ihn schließlich zurück in die jüngste Vergangenheit der europäischen Geschichte. Ist Kurt einer der vielen Deutschen, die ins Land gekommen sind? Ist er Opfer oder Täter? Und was würde das für ihre Freundschaft bedeuten?

Damiano Femfert, geboren 1985, in Deutschland und Italien aufgewachsen, hat Theaterstücke, Drehbücher zu Kurzfilmen, Spielfilmen, einem Dokumentarfilm und mehrere Reise-Artikel geschrieben, die u. a. in der Frankfurter Rundschau und Neuen Zürcher Zeitung erschienen sind. Neben seiner Schreibtätigkeit ist er in der Kunstszene als Kurator aktiv und als Dozent in Rom, wo er auch lebt. „Rivenports Freund“ ist sein erster Roman.