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10.05.2020, Jamal Tuschick

Schlagartige Reduktionen

Tenochtitlan - In ihrer Blütezeit übertraf Tenochtitlan alle anderen Städte Amerikas an Größe und Pracht. Wie „Dorftölpel“ staunten die Konquistadoren unter der Führung von Hernán Cortés 1519 über Avenuen und Kanäle zwischen den Einschüchterungsmonumenten in der Kapitale des Aztekenreichs.

Kollaps der Kulturen

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Jeder Fünfte endete im Mittelalter als Seuchenleiche.

„Corona und wir“ - In seinem Beitrag „Demografische Katastrophen der Menschheit“ erinnert Matthias Glaubrecht, dass „Hungersnöte, Krankheiten und klimatische Veränderungen“ von jeher die Menschheit begleiten. Dazu kommen Kriege. Der Zoologe und Journalist zieht das Virus in diese Betrachtungsklammer und organisiert so die übergeordnete Perspektive. Populationseinbrüche entbehren nicht der Regelmäßigkeit. Sie gehören zum Programm. Mitunter stufen sie die genetische Vielfalt herab. Engländer sind sich heute ähnlicher als sie es vor den schlagartigen Reduktionen von 1340 und 1660 waren. Die Pest hat bestimmten Gruppen und Familien weniger abgepresst als anderen. Die Resistenten bilden den Stamm aktuell atmender Engländer.

In ihrer Blütezeit übertraf Tenochtitlan alle anderen Städte Amerikas an Größe und Pracht. Wie „Dorftölpel“ staunten die Konquistadoren unter der Führung von Hernán Cortés 1519 über Avenuen und Kanäle zwischen den Einschüchterungsmonumenten in der Kapitale des Aztekenreichs. Paris, damals Europas bedeutendste Metropole, war kleiner und weniger glanzvoll. Die Spanier hätten, so Glaubrecht, Tenochtitlan niemals einnehmen können, wenn nicht im Zuge des ersten Kontakts mit den Weißen eine Pockenepidemie ausgebrochen wäre.

„Corona und wir - Denkanstöße für eine veränderte Welt“, Penguin Verlag, eBook, 14.99 Euro

Glaubrecht spricht von der weltweit „größten demographischen Katastrophe … Die Stadt verlor … ein Drittel ihrer Bevölkerung“ ohne Kampfhandlungen. Neben den Pocken wirkten sich in der Konsequenz fehlender Immunität „Masern, Typhus, Diphtherie und Influenza“ tödlich aus. Viele starben ohne Kontakt mit den Eindringlingen. Die Viren und Bakterien der Weißen kolonisierten mit dem Tempo eines Lauffeuers die neue Welt. „Gespenstige Seuchenzüge entvölkerten ganze Landstriche“ unter Ausschluss einer sichtbaren Begegnung mit dem Feind.

Glaubrecht nennt verspätete Immunantworten auf Virenangriffe „biologische Lektionen aus der Geschichte der Menschheit“.

Die natürliche Anpassung verschleppt sich in den Prozessen von Versuch & Irrtum. Die Konquistadoren erkannten den Effekt.

„Denn überall, wohin die Spanier kamen, war es, als ob ein Feuer … alles auf seiner Bahn zerstöre.“

Glaubrecht diskutiert, wie „die unbeabsichtigte Tragödie“ sich auf das Schuldkonto der Kolonialisten niederschlägt. „Das große Sterben“ führte zum Kollaps der ursprünglichen Kulturen.

„Nicht Waffen und … Weihen“ ebneten der weißen Suprematie den Weg, sondern Krankheiten. Das ist Glaubrechts superplausibles Credo. Die Gegenwart macht anschaulich, was man sonst kaum glauben könnte.

Anne Applebaum - „After this is all over, I never, ever want to hear again about how businessmen would run the government better than politicians.“ Anne Applebaum auf Twitter

Attraktive Chimäre

Eingebetteter Medieninhalt

„Grenzschließungen vermitteln den Eindruck von Entschlossenheit, aber in Wirklichkeit bewirken sie gar nichts.“

Das behauptet Anne Applebaum in ihrem Beitrag „Die Regierenden wittern ihre Chance“. Die auch journalistisch publizierende Historikerin warnt mit Beispielen aus der Geschichte. Regierungen nutzen Pandemien von jeher, so Applebaum, um Freiheitsrechte zu verkleinern und machtherrlich zu expandieren.

„After this is all over, I never, ever want to hear again about how businessmen would run the government better than politicians.“

Anne Applebaum auf Twitter

Sehen wir das zurzeit in der Bundesrepublik? Kommt das Virus Merkel & Söder wie gerufen?

Lassen Sie uns später darüber streiten. Im Augenblick referiere ich Applebaums Position.

„Wenn Menschen Angst haben, beugen sie sich.“

Applebaum kritisiert die italienischen und französischen Ausgangssperren. Sie moniert den Polizeiaufwand und die allgemeine Akzeptanz der Maßnahmen. Sie erwähnt die totalitären Steigerungen in Ungarn.

Die Seuche als Motor der Neuzeit taucht bei Heiner Müller aus den Giftindustrien der Kloake als Kanalisationsproblem auf. In der Keimzeit seiner Isolation denkt er über Daniel Defoe nach. Dessen fiktiver Bericht über einen Londoner Pestausbruch stimmt Müller lyrisch. Es entstehen zwei auseinanderlaufende Fassungen eines Pestgedichts, das so oder so unfertig bleibt. Die Häuser der Toten sind ledig. Ledig werden sie zu Lieferanten von Brennbarem.

Jakob Augstein und Nikolaus Blome fragen:

„Warum lassen die Leute das alles mit sich machen?“

Augstein noch Blome fürchten einvernehmlich die Folgen des Coronakaters für die Freiheit & die Wirtschaft. Blome antizipiert die Regierungsargumentation in naher Zukunft. Man werde zur Abschirmung der amtlichen Amnesie & Amnestie von einem temporären „Kontrollverlust“ sprechen. Augstein widerspricht. Er weiß, dass die Kritiker*innen des Merkel-Managements einen schweren Stand haben werden. Schon jetzt wirkt Skepsis stigmatisierend. Man steht als reservierter Zeitgenosse (zumindest virtuell) auf dem Berliner Rosa Luxemburg Platz am Querfront-Querulanten-Selbstanzeiger-Pranger. Da macht keine(r) eine gute Figur.

Attraktive Chimäre

Die Gesellschaft formiert sich in Prozessen der Anpassung so organisch wie ein Sardinenschwarm. Abweichungen werden als Angriffe gedeutet. Die Argumentation ist so apokalyptisch wie basal. Im Ausnahmezustand begreift sich die Gesellschaft in der familiären Spannung zwischen Altruismus und Aversion. Sie erwartet eine Performance der Eindeutigkeit und Führung. 

Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo beleuchten in ihrem Aufsatz „Glaubt an den Staat“ das geringe Staatsvertrauen der amerikanischen Bürger*innen. Die Abwehr hat eine manieristische Seite, in der sich extremer Individualismus zu beweisen versucht. Banerjee und Duflo stellen nebenbei fest, dass die historisch begründete Staatsferne nur noch Hohlformen hergibt. Die Anarchie hängt am Tropf. Die Ideologie des potenten Selbst ist eine Chimäre, wenn auch eine attraktive.

Aus der Ankündigung

Nichts wird danach mehr sein, wie es war – und wir werden nicht mehr dieselben sein. Die Corona-Pandemie hat uns in kurzer Zeit in eine weltumspannende Krisensituation gebracht. Jeden Einzelnen, aber auch uns alle als Gesellschaft, als Nation, als Weltgemeinschaft. Mit hoher Geschwindigkeit bilden sich momentan neue Formen des Lebens und Arbeitens, aber auch neue Ängste und Sorgen, andere Prioritäten und Werte als zuvor, neue Hoffnungen. Dieser Band versammelt die wichtigsten aktuellen Texte zum Leben während und nach der Krise und bietet spannende Impulse zum Nachdenken über das, was uns allen momentan widerfährt.

Mit Beiträgen von Anne Applebaum, Jakob Augstein, Abhijit V. Banerjee, Nikolaus Blome, Luca d’Andrea, Thea Dorn, Ulrike Draesner, Esther Duflo, Gerd Gigerenzer, Matthias Glaubrecht, Stephen Greenblatt, Dana Grigorcea, Annett Gröschner, Yuval Noah Harari, Matthias Horx, Philipp Hübl, Bas Kast, Martin Korte, François Lelord, Geert Mak, Annette Mingels, Ian Morris, Mareike Ohlberg, Boris Palmer, David Quammen, Richard C. Schneider, Martin Schröder, Frank Sieren, Mark Spitznagel, Peter Spork, Reinhard K. Sprenger, Nassim Nicholas Taleb

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