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11.05.2020, Jamal Tuschick

Die Sternchen auf Mamas Bikini

Weiterlesen – Das Literarische Colloquium Berlin zieht zu rbbKultur ins Radio und ins Internet – Heute eine Wohnzimmerlesung mit Marina Frenk

Marina Frenk (c) Emanuela Danielewicz

Eingebetteter Medieninhalt

Die Lesung 

„Die Sternchen auf Mamas Bikini gehören … auf die amerikanische Flagge.“

Die Sterne sind ein Freiheitsversprechen, das unbesprochen bleibt in einer moldawische Schwarzmeerstrandszene, die den Vater der im Augenblick fünfjährigen Erzählerin so glänzend-sinister wie einen Mann des Organisierten Verbrechens erscheinen lässt. Er guckt traurig wie ein Killer. Die Skizze versammelt alles Wesentliche eines traut-familiären Sonntagsvergnügen in der Perspektive des besorgten Kindes. Dann dreht sich das Rad. Plötzlich entbehrt Kira Liebmann ihre Angehörigen.

„Ich ahnte, dass ich verlorengegangen war.“

Ein paar Sätze weiter heißt es frühweise oder altklug: „Ich akzeptierte, dass ich verlorengegangen war und versuchte, mich zu verwandeln.“

Zwischen Ahnung und Akzeptanz steckt eine Menge. Ein Foto legt Jahrzehnte später die Ähnlichkeit der Erinnerungen mit der Realität nah. Kira betrachtet Emanationen eines Ausbreitungsfetischismus: den Deckenteppich, die Reviermarkierungen … all die territorialen Behauptungen unter spätsozialistischen Vorzeichen.

Man weiß, das wird nicht halten. Kira memoriert Ehepaargespräche, die sie im Bauch ihrer Mutter belauschte. Die Elternanwärter konnten sich Kiras Zukunft in Moldawien nicht vorstellen.

Marina Frenk, geboren 1986 in Chișinău (Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik) ist eine deutsche Schauspielerin, Hörspielsprecherin, Musikerin und Autorin russisch-jüdischer Herkunft. (Ungefähr Wikipedia)

„Also schloss ich meinen Blick bei offenen Augen.“

Die Künstlerin liest in einem Friedrichshainer Wohnzimmer aus ihrem am 30. Januar 2020 im Verlag Klaus Wagenbach erschienenen autofiktionalen Debütroman ewig her und gar nicht wahr. Zudem beantwortet Frenk Fragen, die ihr von Anne-Dore Krohn (rbb) gestellt werden. Krohns Fazit nach der Lektüre: Ihr sei mal wieder klargeworden, „wie wenig wir der eigenen Familiengeschichte entweichen können“.

Kira gelangt im Tross der Eltern nach Deutschland. Frenk war sieben, als sie mit ihren Eltern Moldawien verließ. „Irgendwo angekommen ist aber keiner in ihrer … Familie.“ Gemeinsam mit ihrer Heldin fragt sie sich:

„Was macht das mit einem, wenn es das Geburtsland nicht mehr gibt?“

Die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik hörte 1991 auf zu existieren.

„Ich bin ein DDoN*“, verkündet Frenk. *Definitiver Depp ohne Nationalität

Marina Frenk, "ewig her und gar nicht wahr", Wagenbach Verlag, 240 Seiten, 22,-

Aus der Ankündigung

Kann man sich totstellen, um der sicheren Erschießung zu entkommen? Einen Fluch unschädlich machen, indem man die Tür verriegelt? Den Abschied vergessen und Gefühle auf Leinwand bannen? Kira erzählt ihre Familiengeschichte. Eine Geschichte von Aufbrüchen und Verwandlungen, von Krokodilen und Papierdrachen.

Die junge Künstlerin Kira lebt mit Marc und dem gemeinsamen Sohn Karl in Berlin. Sie gibt Malkurse für Kinder, hat lange nicht ausgestellt, lange nichts gemalt – und zweifelt. Ihre Beziehung zu Marc ist sprach- und berührungslos. Ihre leicht verrückte Freundin Nele fragt manches, versteht viel und lacht gern, während Kira glaubt, in die Zukunft zu sehen und die Vergangenheit zu erfinden … (Sie) betrachtet nicht nur das eigene Leben, mitunter zynisch und distanziert, sondern auch das ihrer Vorfahren, die sie teilweise nur von Fotos kennt. Sie reist nach New York, Israel und Moldawien, versucht, die Geschichten zu begreifen und in ihren großformatigen Bildern zu verarbeiten.

Marina Frenk findet eine frische, bilderreiche und sehr körperliche Sprache. Ihr eindrückliches, raffiniert gebautes Debüt ist ein Buch über Familie und Herkunft, über Eltern- und Kindschaft. Es ist ein heutiger Künstlerinnenroman und vor allem auch der Roman einer Liebe.

Leseprobe

(Berlin, Deutschland, Jetzt)

Das kalte Wasser schwappt über den schwarzen Lack, etwas Wasser läuft mir in die Stiefel, ich ziehe einen Handschuh aus und befülle ihn mit der Ostsee, sie tropft aus den Wollfingerspitzen auf meine Hose, meine Knie werden nass. Ich werde jeden Tag wach, ich stehe auf, ich tue etwas, ich fühle, ich denke, ich esse, ich liebe immer noch. Wen? Ich bin wieder einmal verloren gegangen. »Kira, was machst du hier? Es ist kalt«, spricht eine männliche Stimme hart auf mich ein.

»Ich wollte das Meer heute noch sehen.«

»Das kannst du auch aus dem Fenster. Komm, steh auf. Wir wollten doch essen. Ich habe dich gesucht überall, wenn wir uns jetzt beeilen, kriegen wir noch etwas im Hotel …« Marc zieht mich hoch wie eine ausgeblutete Ziege. Ich wünsche mir, dass er mich über die Schulter wirft und davonträgt. »Auf Kamchatka, da schlachten sie ihre Tiere nicht mit dem Messer, sondern durch Ersticken, wusstest du das? Das ist so ein Ritual, damit die Geister nicht angelockt werden«, fällt mir ein.

»Was?«

»Es darf kein Tropfen Blut auf den Schnee fallen. Deshalb wickeln sie dem Tier Seile um den Hals und ersticken es. Das verläuft langsam und quälend. Aber das finden sie immer noch besser, als Geister anzulocken. Die sind gefährlich. Die Geister.«

»Ich denke, du solltest etwas Warmes trinken, Kira. Komm, was … was machst du?« Ich falle in seine Arme und dann auf die Knie und er kniet sich zu mir in den Sand und hält mich an den Schultern fest.

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