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12.05.2020, Jamal Tuschick

Der Ausnahmezustand als Normalität – Wenn die Klischees der Realität nachlaufen - Olivia Wenzel liest aus „1000 Serpentinen Angst“.

Weiterlesen – Das Literarische Colloquium Berlin zieht zu rbbKultur ins Radio und ins Internet – Heute eine Wohnzimmerlesung mit Olivia Wenzel

Im offenen Vollzug einer prekären Existenz

Lesung

„Wenn ich mir Figuren ausdenke, höre ich zuerst Stimmen.“

Coverinformation

Die Ich-Erzählerin … ist - um es mal ganz platt zusammenzufassen - Ossi, Schwarz, Frau und liebt lesbisch.

Franziska Walser spricht mit Olivia Wenzel über „1000 Serpentinen Angst“.

Eine junge Frau irritiert die DDR. Susanne färbt ihr Haar himmlisch blau und liiert sich mit einem Angolaner. Sie wünscht sich fort in adoleszenter Exzessbereitschaft. Sie träumt von einem „gemeinsamen Leben unter einer anderen Sonne“. Am vorläufigen Ende der Geschichte setzt das Regime auf Zerstörung. „Der Afrikaner“ wird ausgewiesen, die soeben Mutter von Zwillingen gewordene Dissidentin verliert im Stasiknast ihre Festigkeit.

Man entlässt sie in eine andere Gefangenschaft mit pulverisierter Psyche. Susanne erfüllt ihren Erziehungsauftrag im Versagen. Sie kommt auch nach Neunundachtzig nicht vom Fleck. Sie schillert in den Pathologien ihres Dramas. Der Sohn stirbt gewaltsam, die Tochter erklärt sie für zu tot. Sich selbst weist sie ein. Aber noch nicht mal der Einschluss ist von Dauer. Sie bleibt verurteilt zur Unfreiheit im offenen Vollzug einer prekären Existenz.

In einer Art SED-Dauerrausch verherrlicht Susannes Mutter sich selbst als ewigen Teenager, bis sie das Heizkissenalter erreicht und die DDR zu ihrer Geschichte gehört. Die Erzählerin will sie in der Handlungsgegenwart davon abhalten, eine rechte Partei zu wählen. Die Ahne kümmert der schwankende Boden unter den Füßen ihrer aus dem Rahmen gefallenen Enkelin nicht. Eisern erfüllte sie in der Vergangenheit ihre Verwandtenrolle gegenüber einer PoC in der heimatlichen Platte so wie überall sonst in der ostdeutschen Provinz, solange das Versagen ihrer Tochter sie zu erhöhtem Einsatz zwang. Was sie für sich behielt, bildete eine Reserve gegenüber den Zumutungen, die sich aus Entscheidungen der Tochter ergaben. Die Enkelin und deren Zwillingsbruder zwangen Oma, aus ihrem Herzen eine Mördergrube zu machen. Sie konnte nicht gemeinsam mit den Nachbar*innen gemütlich rassistisch die Ecken markieren. Ihre Vorbehalte hüllte sich in Trotz wie in einen Mantel. In diesem Trotz steckte ein Protest gegen die Abweichung vom generationellen Normalverlauf, den die Intuition der Erzählerin als Affront registriert(e). Aber was sollte sie (als Kind) machen. Sie brauchte die Funktionstüchtige, angesichts einer Mutter, die ihren Kindern suggerierte, sie seien Schuld an ihrem* Desaster.

Der Romananfang beschreibt eine Aussetzung da, wo andere in eine Gemeinschaft hineinwachsen. Die Erzählerin und ihr Zwillingsbruder verlieren Vater & Mutter nach harten DDR-Maßnahmen. Der ganze Regimedruck & -zwang ist zwar bald nicht mehr maßgeblich, wirkt sich aber immer weiter aus – in immer länger werdenden Traditionslinien. Es ist eben nicht so, wie die Philosophin Susan Neiman in „Von den Deutschen lernen“ behauptet, dass in der DDR mit dem Rassismus im Geist der nationalsozialistischen „Rassenschande“ antifaschistisch aufgeräumt wurde.

Die Hautfarbe der Geschwister treibt den Faschismus aus den Nischen ins Freie. Die Schwarzen Kinder provozieren kleine Mobilmachungen.

Gewalt ist die Grunderfahrung der Erzählerin. Sie wartet darauf, „krankenhausreif“ geprügelt zu werden. Der Bruder versichert sich mit einem Baseballschläger gegen ein feindliches Rudel, das in jedem einzeln auftretenden Nachbarssohn mitläuft.

Olivia Wenzel, 1985 in Weimar geboren, Studium der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis an der Uni Hildesheim, lebt in Berlin. Sie schreibt Theatertexte und Prosa, machte zuletzt Musik als Otis Foulie. Wenzels Stücke wurden u.a. an den Münchner Kammerspielen, am Hamburger Thalia Theater, am Deutschen Theater Berlin und am Ballhaus Naunynstrasse aufgeführt. Neben dem Schreiben arbeitet sie in Workshops mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In der freien Theaterszene kollaboriert sie als Performerin mit Kollektiven wie vorschlag:hammer. »1000 Serpentinen Angst« ist ihr erster Roman.

Olivia Wenzel, „1000 Serpentinen Angst“, Roman, S. Fischer Verlag, 348 Seiten, 21,-

„Ich habe mehr Privilegien als je eine Person in meiner Familie hatte. Trotzdem bin ich am Arsch.“ Diese Selbstwahrnehmung gehört zu einem Strauß „interessanter Gefühle“. Sie oszillieren im Grandiosen, sobald die Erzählerin auf einer New Yorker Dachterrasse zwei Gläser Rotwein getrunken hat.

In New York kapert sie die Totalität von zu viel Licht und zu hohen Häusern. Eine Panikattacke zieht sie in einem schwachen Moment aus dem Verkehr. An einem anderen Tag elektrisiert sie eine gewaltige Ladung Schwarzer Exzellenz in der französischen Botschaft. Die Akteure sind „hochgebildet, eloquent, lässig“.

Der Erzählerin fehlt das deutsche Gegenstück zu den Power-Point-Präsentationen Schwarzer Suprematie, aber „irgendwas fehlt (schließlich) immer“.

Die Schlafstörungen sind stärker als der Alkohol. Dann ist die Erzählerin wieder in Berlin und erinnert abgeflossene Drangsale. In einer Szene schildert sie einen Schlüsselmoment in der Geisterbahn ihrer Kindheit. Schwester und Bruder haben sich ausgesperrt, die selbst der Fürsorge bedürftige Mutter ist unerreichbar und in Krisensituation auch gar nicht zu gebrauchen. Die Geschwister erbetteln Münzen für einen öffentlichen Fernsprecher und verständigen die Großeltern. Der Fahrzeugführer im Oma- & Opa-Team kommt im Honda an, sammelt die verunglückte Familie „kommentarlos“ ein und fährt sie zu Wiener Würstchen und Kakao an einen Plattenbauküchentisch. Das ist schon das Beste, was die Kinder kriegen können.

Nachtrag

Wenn ein See deiner Kindheit sich in eine „national befreite Zone“ verwandelt, dann weißt du, der rechte Terror hat eine Punktlandung hingelegt. Plötzlich machen sich Hakenkreuzzuggespanne auf einem Amboss deiner ostdeutschen Prägung breit. Ein Initiationsschauplatz voller Erinnerungsspröde wird überrollt. Im Gegensatz zu fast allen kannst du nicht einfach die politische Farbe wechseln und Nazi werden. Denn du bist Schwarz. Du bist der Feind.

„Bäh, da war ja ein … im Wasser.“

Die milden Protestnoten des Verzichts, mit denen andere das Feld am Ufer räumen, sind ein schwacher Trost und in deinem Fall nicht statthaft. Du brauchst eine postheroische Lösung. Also setzt du dich mit deinem eben noch schwer gegen dich eingenommenen Freund zu einem bedrängten Vater. Nein, das tust du nicht. Du verzichtest auf den Akt der Solidarität zugunsten der Sicherheit deines auf Abbruch des Aufenthalts vor Ort insistierenden Freundes.

„Den Kindern werden die nichts tun. Uns schon. Wir fahren jetzt.“

Die Faschos sollen sich nicht provoziert fühlen. Die auf dem Rückzug verständigte Polizei findet den See nicht.