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15.05.2020, Jamal Tuschick

Soziale Bindegewebsschwäche

Vielleicht kommt Inas Nachsicht daher, dass sie die soziale Bindegewebsschwäche ihrer Mutter an sich feststellt, nicht ohne ein leises Prickeln. Wie Brause auf der Zunge schmeckt die Gewissheit der Vergeblichkeit aller Bemühungen.

„You look like a rube. A well scrubbed, hustling rube with a little taste. Good nutrition's given you some length of bone, but you're not more than one generation from poor white trash, are you, Agent Starling? And that accent you've tried so desperately to shed: pure West Virginia.“

Eingebetteter Medieninhalt

In den zynischen Zeiten herrschte der Theatersexismus so unverhohlen, dass ihn gewiss nicht Wenige für einen Naturzustand hielten. Regisseure herrschten. Im Weiteren sagte man: Es gibt keine freien Schauspieler*innen, nur solche ohne Engagement. Ihr letztes festes Beschäftigungsverhältnis erleidet Margarethe Mayer an einer Provinzbühne. Eine grandiose Vergangenheit blieb ihr erspart. Nach einem Anfang als strahlender Niemand verwandelt sich Margarethe rasch in eine Verstrahlte. Sie versagt dezent in allen Rollen und so auch als alleinerziehende Mutter. Katharina (Ina) wird zur Zeugin eines furchtbar banalen Abstiegs. Ina beobachtet das Treiben der sich die Klinke in die Hand drückenden Liebhaber, bis die Mutter das Stadium der Alleintrinkerin erreicht hat.

Janna Steenfatt, „Die Überflüssigkeit der Dinge“, Roman, Hoffmann und Campe, 224 Seiten, 22,-

Das erzählt Ina ohne Eifer und ohne Zorn. Längst greift sie die Einsicht in die eigene Schwäche an. Der Apfel fällt nicht weit. Mir fällt bei der Kombination von matten Erzeuger*innen und indolenten Nachfolger*innen stets Hannibal Lecters unschlagbar treffende Analyse der ihm als Köder vor den Käfig gesetzten FBI-Agentin Clarice Starling ein. Starling, die große Stücke auf sich hält und sich von ihrer Herkunft besudelt sieht, kann Lecter nicht einen Augenblick täuschen. Er erkennt das aus der Schale gepellte Landei:

„You look like a rube. A well scrubbed, hustling rube with a little taste. Good nutrition's given you some length of bone, but you're not more than one generation from poor white trash, are you, Agent Starling? And that accent you've tried so desperately to shed: pure West Virginia.“

Vielleicht kommt Inas Nachsicht daher, dass sie die soziale Bindegewebsschwäche ihrer Mutter an sich feststellt, nicht ohne ein leises Prickeln. Wie Brause auf der Zunge schmeckt die Gewissheit der Vergeblichkeit aller Bemühungen. Ina streckt sich schon nach der Decke, wenn sie gleichmäßig atmet. Gegen das Auf und Ab versichert sie sich mit der Zuverlässigkeit ihres Mitbewohners Falk, der Ina einen angenehmen Alltag garantiert. Mit ihm gemeinsam erlebt sie die Bestattung ihrer Mutter. Darüber habe ich gestern nachgedacht. Heute beschäftigt mich die Frage, warum der Roman sich mir nicht so erschließt, dass ich seine Hauptteile auf einer Arbeitsfläche abhandeln kann.

Janna Steenfatt erzählt zwei Geschichten. Eine habe ich eben und gestern skizziert. An die andere kommt ich schwer ran, weil sie von der Merkwürdigkeit bestimmt wird, dass Ina sich in einer Theaterkantine als Aushilfe anstellen lässt, um ihrem Vater Wolf Eschenbach in den Blick zu geraten. Der Regisseur wurden in den zynischen Zeiten geprägt. Das Theater ist sein Jagdgebiet. Er hält sich ledig und behauptet, kinderlos zu sein. Interessanterweise reagieren vereinzelt Schauspielerinnen immer noch so wie damals. Wolf ist der Typ für eine Weinsteinigung. Aber ihm passiert nichts. Ina, die den Hass der Mutter zumindest erinnert und auch sonst keinen Grund hat, ihren leiblichen Vater auch nur passabel zu finden, sucht seine fürsorgliche Nähe; so als hätte er ihr nicht genug bewiesen, wie wenig ihm an ihr liegt. Steenfatt macht es spannend. Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen. Mein Fazit: Die Ina-Mutter-Falk-Konstellation löst sich schlüssig auf. Die Ina-Wolf-Konstellation überlässt mich der Ratlosigkeit.

Bratfisch & Kaffee

Fleisch und Blut ist schön und gut. Janna Steenfatt hat sich aber eine männliche Fee ausgedacht. Falk fotografiert Leichen in der Gerichtsmedizin. Die Autorin gibt der Vermutung Raum, Falk sanktioniere so einen vergangenen Kunstwillen, dessen Schwarzweißmanifestationen ihm manchmal übel aufstoßen. Er rahmt Inas Haltlosigkeit und garantiert Verhältnisse, die es erlauben, schöne Sommerabende „nahtlos in Gin Tonic übergehen“ zu lassen.

Ina geht mit ihm aus. Oder sie sucht ihn auf ihren gemeinsamen Plätzen, so allein wie er da auf sie wartet. Man erlebt Ina und Falk als Paar. Sie streiten immerhin so. Falk bleibt gelassen bis zum Erbrechen, Ina gerät in Rage und wirft Dinge in seine Richtung. Während an Ina Existenzängsten nagen, gibt Falk den Stoiker an der Wasserkante.

*

Das Vorspiel von Margarethe Mayers kostengünstiger Seebestattung geht als läppische Angelegenheit über eine Elbuferbühne. Es „riecht nach Bratfisch und frisch gebrühtem Kaffee“. Der „brackige Gestank des Hafenwassers“ dominiert die Vormittagsmischung. Die hinterbliebene Erzählerin verzählt sich beim Zählen von Hotelstockwerken. Später verlangt Katharina „Ina“ Mayer einen Schnaps in der Bordbar und lässt sich mit Sprudel abspeisen. Nun widmet sie sich dem Vater, der immerhin noch lebt, auch wenn Ina sonst nicht viel über ihn weiß. 

Wolf ist ein Theatertier. In der Spielzeit 86/87 hat er am Schauspielhaus Hamburg „Das Käthchen von Heilbronn“ inszeniert. Inas Mutter spielte die Titelrolle. Der Regisseur hatte Margarethe aus dem Strauß der Elevinnen gepflügt; mit räuberischen Absichten zweifellos. Sein Interesse verflog. Doch hielt er sich in Margarethes Aura als Inas abwesender/unerreichbarer Vater.

Die Mutter nahm mit dem Alkohol vorlieb. Ina sah sie trinken. Sie schenkte ihr nach und schenkt sich das musische Programm. Das Klavier, „auf dem ich nicht spielen gelernt hatte“, gehört dann zu den Nachlassdingen von Wert.

Angenehmer Angriff – Eine Rückblende

Bei der Besichtigung einer WG-Kammer auf St. Pauli überkommt die Erzählerin „das dringende Bedürfnis, auf der Stelle ein neues Leben anzufangen“. Schauplatz des angenehmen Angriffs auf das Überkommene ist eine dezent aufgeräumte Wohnung; nichts Besonderes für sich genommen und doch „nicht leicht zu haben“ für den Preis und in der Stadt.

Ina registriert viele Bücher und wenig Möbel. Die Arrangements wirken leicht unvollständig, als seien in letzter Zeit Dinge aus dem Ensemble gepflückt worden.

Die Genauigkeit der Beobachtungen nimmt den Leser ein bis zur Benommenheit. Der Besitzer zeigt sich als vollendeter Gastgeber. Er bleibt in dieser Rolle. Das weiß Ina noch nicht, als sie Falk dabei zusieht, wie er Milch mit einem Schneebesen aufmischt.

„Der Kaffee ist stark und gut.“

In der Ferne schimmert die Elbe durch das Küchenfenster. Falk ist Fotograf. Ina versäumt es, nachzufragen und mehr in Erfahrung zu bringen. Sie erscheint wie eingefangen von einer Poesie aus ungezwungenem Gleichmut und Diskretion.

Diskretion erfüllt eine Leitsternfunktion in der sich anbahnenden Gemeinschaft. Noch spielt man mit dem Anfang in schönen Figuren.

Behutsame Verteidigung

Falk lässt für Ina das Licht brennen, wenn sie lange ausbleibt. Behutsam verteidigt er seine Ordnung gegen ihren bedingt vorsätzlichen Schlendrian. Er installiert sich in einer Funktion, die sie in Frage stellt. Dagegen stürmt sie leise an. Er reagiert „freundlich resigniert“ und errichtet unbeirrt „Mahnmale (seiner) Ordnung“. Er legt „eine symmetrische Spur“ quer durch die Wohnung.

Er experimentiert am Herd und freut sich wie eine Mutter über das Lob ihres Appetits.

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