MenuMENU

zurück zu Main Labor

15.05.2020, Jamal Tuschick

Verschwörungserzählungen haben in der Corona-Krise starken Zulauf. Wie können Medien darüber berichten? Und woran erkennt man solche Erzählungen?  

Der Artikel erschien zuerst auf Mediendienst-Integration.  

Die einen behaupten, Bill Gates sei für das Coronavirus verantwortlich, die anderen befürchten eine "Impfpflicht durch die Hintertür" – auf manchen Corona-Demos in Berlin und anderen Großstädten wird sichtbar, wie viele Menschen an Verschwörungserzählungen glauben. Expert*innen führen das auf die Verunsicherung zurück, die mit der Corona-Pandemie einhergeht: "Verschwörungserzählungen bieten vermeintlich klare Antworten und damit Entlastung in der Krise", erklärt Jan Rathje von der Amadeu Antonio Stiftung.

Viele Verschwörungserzählungen wirken auf den ersten Blick harmlos. Aber sie schüren rassistische und antisemitische Stereotype, die – wie beim Täter des Anschlags von Halle – in Gewalt münden können.Quelle Der Tagesspiegel (2019): "Nach den Morden von Halle – 'Tödliche Umsetzung ihrer Verschwörungstheorie'"

Die Amadeu Antonio Stiftung und das Anne Frank Zentrum laden am 15. Mai zu einem "Digitalen Aktionstag gegen Verschwörungsmythen und Antisemitismus" ein. Sprechen werden unter anderem der Journalist Patrick Gensing und der Politikwissenschaftler Matthias Quent.

Woran erkennt man Verschwörungserzählungen?

Laut Rathje erkennt man Verschwörungserzählungen an drei Merkmalen:

  1. Abstrakte gesellschaftliche Prozesse werden auf eine Person projiziert – zum Beispiel auf den US-amerikanischen Investor George Soros oder auf den Microsoft-Gründer Bill Gates.
  2. Die Welt wird in "gut" und "böse" eingeteilt: in eine "gute" Mehrheit und eine "böse" Minderheit, die die Mehrheit angeblich manipuliert. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Mythos der "jüdischen Weltverschwörung".
  3. Verschwörungsideolog*innen unterstellen, dass Menschen keine individuellen Eigenschaften haben, sondern wegen ihrer vermeintlichen Abstammung unveränderlich sind. So etwa im Verschwörungsmythos vom "Großen Austausch": Die Anhänger*innen gehen davon aus, dass es ein homogenes deutsches Volk gebe, und unterstellen, die Regierung oder "geheime Mächte" würden dieses Volk durch andere Gruppen – zum Beispiel Migrant*innen – "austauschen" wollen.

Wie können Medien darüber berichten?

Die richtigen Begriffe verwenden

Expert*innen empfehlen, in der Berichterstattung über Verschwörungserzählungen auf die richtigen Begriffe zu achten. Oft sei etwa von "Falschinformationen" die Rede. Das greife zu kurz, sagt Sozialpsychologin Pia Lamberty von der Universität Mainz. Denn nicht jede Falschinformation sei eine Verschwörungstheorie. Auch "Paranoia" sei irreführend: "Verschwörungserzählungen sind etwas Politisches, keine Persönlichkeitsstörung", so Lamberty.

Verschwörungserzählung nicht wiederholen

Verschwörungserzählungen sollten nicht unnötig wiederholt werden – vor allem nicht in der Überschrift, sagt Melanie Hermann von der Amadeu Antonio Stiftung: "Selbst, wenn die Erzählung später eingeordnet wird – die Leute merken sich eher das, was catchy ist. Dass die Verschwörungserzählung Quatsch ist, vergessen viele schnell wieder."

Gefahren aufzeigen

Faktenchecks über Verschwörungserzählungen sollten laut Fachleuten nicht nur aufdecken, was an den Erzählungen falsch ist – sondern auch, warum sie gefährlich sind. Zudem sollten die Autor*innen transparent machen, wer die Fakten geprüft und welche Quellen sie dafür genutzt haben.

Komplexität aushalten, Unwissen zugeben

Verschwörungserzählungen erhalten oft dann Zuspruch, wenn es – wie in der Corona-Krise – keine einfachen Antworten gibt, sondern teils widersprüchliche Informationen. Journalist*innen sollten diese Widersprüche nicht auslassen, sondern benennen, empfiehlt Melanie Hermann. Dazu gehöre auch, eigenes Unwissen zuzugeben: "Wir wissen gerade nicht, wie die Welt in den nächsten sechs Monaten aussehen wird. Das müssen wir aushalten." Der Virologe Christian Drosten gehe hier mit gutem Beispiel voran: "Er sagt, welche Studien es gibt – aber auch, was er nicht weiß."

Vorsicht mit Satire

Viele Medienberichte über Verschwörungserzählungen greifen auf Satire zurück. Fachleute sehen das mitunter kritisch: Satirische Beiträge könnten Verwirrung stiften, was in Zeiten von Corona kontraproduktiv sei. Zudem vermitteln satirische Beiträge oft das Bild vom "durchgeknallten" Verschwörungstheoretiker, der "zu blöd" sei, um die Welt zu verstehen. Das sei nicht nur abwertend, sondern greife auch zu kurz, sagt Politikwissenschaftler Jan Rathje. Gute Satire könne aber auch positiv wirken: wenn sie die Verschwörungserzählung dekonstruiert, ohne abzuwerten.

Wo können sich Medien informieren?

Zu Verschwörungserzählungen über Corona:

Zu Verschwörungserzählungen allgemein:

  • Bundeszentrale für politische Bildung: "Spezial zum Thema 'Verschwörungstheorien'"
  • Katharina Nocun/Pia Lamberty (2020): "Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmten"
  • John Cook/Stephan Lewandowsky (2020): "The Conspiracy Theory Handbook"
  • Michael Butter (2018): "'Nichts ist wie es scheint' – Über Verschwörungstheorien"
  • Christian Alt, Christian Schiffer (2018): "Angela Merkel ist Hitlers Tochter. Im Land der Verschwörungstheorien"
  • John Cook/Stephan Lewandowsky (2012): "The Debunking Handbook"
  • Amadeu Antonio Stiftung: Projekt "No World Order. Handeln gegen Verschwörungsideologien"
  • Amadeu Antonio Stiftung: Projekt "debunk" – Prävention gegen Antisemitismus und Verschwörungsideologien in Sachsen
  • Mimikama – Verein zur Aufklärung über Internetbetrug und Falschmeldungen