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16.05.2020, Jamal Tuschick

Seelenbettler

Die Männer, die vorübergehend an ihr hängenbleiben, sind „Seelenbettler“. Die Malerin Karline Regenbein „richtet Abgestürzte auf“, die sich als Wiederhergestellte umgehend in Verbindungen mit anderen Frauen produzieren.

Eingebetteter Medieninhalt

Die Männer, die vorübergehend an ihr hängenbleiben, sind „Seelenbettler“. Die Malerin Karline Regenbein „richtet Abgestürzte auf“, die sich als Wiederhergestellte umgehend in Verbindungen mit anderen Frauen produzieren. Das verdrießt die seriell Verlassene so sehr, dass sich Karline nach jeder Wiederholung ein Weilchen hermetisch abschließt. Die Serie durchbricht Rüdiger Habich, ein Kunstfotograf, der so lange mit Spiegelreflex-Liebhaberkameras arbeitet, bis ihn die Digitalisierung seines Genres final verstimmt. In einer Dominanzgesellschaft manischer Schnappschussdeppen fasst Rüdiger seine Apparate nicht mehr an. Karline heiratet den haarigen Zeitgenossen. Er ist kein angenehmer Ehemann. Seine Frau begegnet ihm mit zurückweichendem Entgegenkommen. Sie fintiert mit den Mitteln der Nachgiebigkeit, ohne Raum zu verlieren. Sie malt ihn auf Geheiß. Er gibt mit überschäumender Kritik an. „Sie (versichert), sie wisse, was sie tue. Er: Kunst ist Können, nicht Wissen.“

Kerstin Hensel, „Regenbeins Farben“, Novelle, Luchterhand, 253 Seiten, 18,-

Kerstin Hensel hat eine Novelle vorgelegt. Was ist das?

„Denn was ist eine Novelle anderes als eine unerhörte Begebenheit.“

So auf den Punkt brachte Goethe die Novelle in einer von Eckermann 1827 festgehaltenen Bemerkung. Die Novelle ist eine Form der Neuzeit ohne antikes Vorbild. Sie verlangt das Ereignis von schicksalhafter Bedeutung als Neuigkeit. Attraktiv erscheint die Vorgabe deutschen Autor*innen nicht. Ich habe nur eine Zahl. 2001 erschienen sieben Titel, die als Novellen ausgewiesen waren.

Dann ist Rüdiger tot, und Karline, die nicht an Gott glaubt, gewinnt eine schöne Aufgabe dazu. Ich finde, von allen müßiggängerischen Beschäftigungen ist die private Grabpflege die feinste. Bald bildet sich ein Bukett illustrer Witwen an einem Nordstrand letzter Beschäftigungen. Sie machen den Neuwitwer Eduard Wettengel zu ihrer Zentralfigur. Eduard, das klingt so britisch in den Edelohren der Gießerinnen, wartet mit einer stattlichen Erscheinung auf. Er verkörpert den rüstigen Galan als Schmierengott der Komplimente.

Die Minischauspiele gehen unter einer Einflugschneise über die Bühne. Karline kennt die Boeings, so wie sie einschweben. Ihr Verhältnis zum Leben erinnert an einen vergessenen Strohhut. Da ist alles Pastell auf Schimmel; ist Nachgang und süße Melancholie an einer stark befahrenen Straße.

Wir sprachen gestern über den blinden Ästhetizismus des Antiquars Paulini*, der in der Regie seines Schöpfers Ingo Schulze vom kundigsten Bibliomanen zum Pegidaisten herabsinkt. Schulze versäumt es nicht, Paulinis Ostschicksal besonders auszuschildern. Auch Karline ist eine vormalige DDR-Bürgerin im Feenrausch der Gesellschaftsferne. Als Dissidentin der Eitelkeit bevorzugt sie „Cordhosen und Parka.“

* Norbert Paulinis „geringe Neigungen, sich von den Erwartungen seiner Zeit beindruckt zu zeigen“, sind unter Bibliophilen legendär. Zudem wartet der Antiquar mit erlesenem Wissen auf. In seinem Fleisch und Blut haust die Bedürfnislosigkeit so malerisch, dass nicht wenige, die sich auf ihre eigene Originalität etwas zugutehalten, in Paulini ein Vorbild erkennen.

Ingo Schulze, „Die rechtschaffenen Mörder“, S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 21,-

Seinem Schöpfer Ingo Schulze gelingt es merkwürdig, den zwischen Kauz und Kenner Schillernden nicht an den Manierismus zu verraten. Paulini bleibt lange ein handfester Bewohner seines Elfenbeinturms. Die Wende stößt ihm als Unglück zu. Er verliert die Orientierung und verdreht sich nach rechts.

*

Gemeinsam mit Karline umkreisen die vormalige Großgattin Lore Müller-Kilian und die kunstprofessorale Kettenraucherin Ziva Schlott den gewesenen Galeristen Eduard. Lore wird seit Jahren siebzig. Ziva ächzt im Zwingkleid zerstörerischer Gewohnheiten. Schließlich überflügelt jedes Laster die Profession. Ein Anästhesist, der säuft, ist vielmehr Alkoholiker als Arzt.

„Die Freuden gehen am Stock, das Leben geht weiter.“

Die Frauen bemühen sich um Eduard, der sich befleißigt.

Man sieht ihn mit Rucksack und auf einem Moped. Keiner Harley, wie eine enttäuscht bemerkt. Mit Manschettenknöpfen erscheint Eduard bereits verkleidet. Ein gewöhnlicher Lümmel steckt in dem kindlich-greisen Galeristen. Zu seiner Verteidigung lässt sich anführen, dass er um das Interesse an seiner Person nicht gebeten hat. Er wurde eingenommen und macht das Beste daraus. Endlich stellt er Karlines Sachen aus. Ziva hält die Rede. Zumindest nimmt sie einen Anlauf. Man unterbricht sie. Sie steht im Mittelpunkt einer aktivistischen Scharade. Die Art, wie man sie aufs Korn nimmt, erinnert Ziva an Ausgrenzungen im Dritten Reich.

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