MenuMENU

zurück zu Main Labor

17.05.2020, Jamal Tuschick

Politik der Körper

Im Zentrum aller Politik steht der lebende (also sterbliche) Körper – das ist das Wichtigste, was Foucault uns gelehrt hat. Keine Politik, die nicht Politik der Körper wäre. Der Körper aber ist für Foucault kein biologischer Organismus, den es schon gibt, bevor Macht über ihn ausgeübt wird. Es ist vielmehr Aufgabe des politischen Handelns selbst, den Körper erst herzustellen, ihn arbeiten zu lassen, seine Produktions- und Reproduktionsweisen festzulegen und die Diskursmodi vorzuzeichnen, in denen dieser Körper sich selbst fiktionalisiert, um schließlich ich sagen zu können.

Eingebetteter Medieninhalt

Die Verlegung von Homosexualität in die Initiationssphäre von Sparta dient nicht nur der Ausschmückung einer kritisierten Praxis, sondern entspricht auch der Forderung nach Legitimität. Das führt Didier Eribon in seinen „Betrachtungen zur Schwulenfrage“ aus. Er zitiert den deutschen Gräzisten Karl Otfried Müller, der im frühen 19. Jahrhundert Homosexualität dem „militärischen Erbe“ zurechnet. In diesem Kontext entsteht der Camouflage-Begriff „Dorische Rasse“. Müller „rekurriert auf kriegerische Ursprünge“. Er beschwört eine „gesellschaftlich gesunde Päderastie“ im Rahmen „martialischer Beziehungen“.

Virilität ist der Schlüssel.

Mit Müller lässt sich „in militanter Weise“ sprechen über das, „was bislang noch nicht Homosexualität“ heißt. Ein heimlicher Diskurs speist sich aus solchen Geysiren. Oscar Wilde trägt die Fackel weiter, indem er den Helden seines einzigen Romans Dorian nennt.

Didier Eribon, „Betrachtungen zur Schwulenfrage“, aus dem Französischen von Achim Russer und Bernd Schwibs, Suhrkamp, 622 Seiten, 38,-

John Addington Symonds spricht jene an, „für die Griechenland ein verlorenes Vaterland“ ist. Der Autor beschreibt die christliche Prägung als Störung des „inneren Selbst“. Walt Whitman sei in „authentischerer Weise Grieche „als die übrigen Neuzeitler. Whitman erkenne „den Wert jedes menschlichen Triebs“.

So schreibt sich das Gespräch über Homosexualität als zwar kodierte, aber trotzdem über die Zirkel hinaus kommunizierte Angelegenheit fort. Für jeden Akteur ergeben sich negative Konsequenzen.

Außerirdisches Immobilienmanagement

Eingebetteter Medieninhalt

Die Psyche erfasst die Wirklichkeit auch im Traum.

In einem Traum kommt es soweit, dass Paul B. Preciado auf jedem Planeten ein Apartment besitzt. „Eine Expertin für außerirdisches Immobilienmanagement“ rät ihm, die Wohnung auf dem Uranus aufzugeben. Daher der Titel: „Ein Apartment auf dem Uranus - Chroniken eines Übergangs“. Das Buch kam eben und deshalb gehen wir von Eribon direkt zu Preciado über.  

Paul B. Preciado erkrankte im März am Coronavirus. Er reagierte mit einem Text zum politischen Seuchenmanagement. Er befragt den Begriff der Immunität. Am 30. Mai tritt Preciado im HAU auf. 

Preciado erwacht mit den allerflüchtigsten astronomischen Kenntnissen. Er informiert sich bei Wikipedia und erfährt da, dass Uranus der erste mit einem Teleskop entdeckte Planet ist. Acht Jahre vor der Französischen Revolution widmete ihn Wilhelm Herschel dem englischen König, „um (George) über den Verlust der britischen Kolonien in Amerika hinwegzutrösten“.

Der Jurist Karl Heinrich Ulrichs prägte den Begriff „Uranismus“. Er lieferte sich selbst als „Urning“ auf dem Deutschen Juristentag von 1867 aus. Seine Rede führte zu einem Tumult. Die homosexuelle Selbstbehauptung sprengte den Rahmen. Ulrichs forderte eine neue Übereinkunft, in der die Natürlichkeit der Homosexualität festgestellt wird. Man könnte da jetzt weitermachen, aber so kurz vor dem Training will ich nur noch etwas anmerken. Die alten Meister sagten: Geschwindigkeit entscheidet (Time is Distance). Preciado erkrankt vor der Pariser Ausgangssperre. Als er am 19. März wieder auf die Beine kommt, ist die Welt „eine andere“ geworden.

„Als ich mich hingelegt hatte, war die Welt noch nah, gemeinschaftlich, viskos und dreckig gewesen. Als ich aufstand, war sie weit weg, vereinzelt … klinisch sauber.“ Der Rekonvaleszenz liefert der Analyse des Jetzt einen Everest ohne Verzögerung. Darum geht es: Du stehst auf und bist sofort da.

Vom Virus lernen

Im Zentrum aller Politik steht der lebende (also sterbliche) Körper – das ist das Wichtigste, was Foucault uns gelehrt hat. Keine Politik, die nicht Politik der Körper wäre. Der Körper aber ist für Foucault kein biologischer Organismus, den es schon gibt, bevor Macht über ihn ausgeübt wird. Es ist vielmehr Aufgabe des politischen Handelns selbst, den Körper erst herzustellen, ihn arbeiten zu lassen, seine Produktions- und Reproduktionsweisen festzulegen und die Diskursmodi vorzuzeichnen, in denen dieser Körper sich selbst fiktionalisiert, um schließlich ich sagen zu können. 

Morgen mehr.

Invertierter Gesellschaftsflor

Didier Eribon liest „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ soziologisch. Ihm entgeht nicht, dass Marcel Proust die Homosexualität zum heimlichen Dreh- und Angelpunkt seines literarischen Universums erklärt. Das Verdrängte tritt massiv in den Kulissen auf.

Der geschulte Blick erkennt Homosexualität auch da, wo sie nichts von sich weiß. Der invertierte Gesellschaftsflor haftet an jeder Champagnerflasche und zischt mit den Boten durch die Personalsphären großer Häuser.

Didier Eribon, „Theorien der Literatur - Geschlechtersystem und Geschlechtsurteile“, übersetzt von Christian Leitner, Passagen forum, 11,30 Euro

Eribon unterstellt Proust eine Gesellschaftsbetrachtung „durch das Prisma der sexuellen Inversion“. Ich glaube, dass Proust radikaler vorgeht. Er entdeckt in der Heterosexualität das Verkappte und platziert es wie ein Wahrzeichen auf dem Sprachplateau.

In dem Proust’schen Prospekt erscheinen die Signaturen der Fortpflanzungsgemeinschaften als Fassaden. Schwule und Lesben wahrten Jahrhunderte den Schein in heterosexuellen Konstellationen und betrieben im Weiteren Fassadenkletterei.

„Die Homosexuellen waren gute Familienväter und hielten sich eine Geliebte nur, um den Schein zu wahren.“ Baron Charlus über die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Proust antizipiert den Übergang von einer diskriminierenden Schilderung der Homosexualität zu einer universellen. Er ordnet die homosexuelle Praxis einem weiteren Feld zu und kommt via Bisexualität auf den Punkt:

„Sie lieben Frauen und zeigen es, sie lieben Männer und verstecken sich dabei.“

Der Antizipation verweigert Proust die Entschleierung. Charlus lässt er grotesk altern: als Repräsentationspopanz einer Generation von Gestern, die in der Gegenwart nichts mehr zu bestellen hat.

Zwischen Rollen und Identitäten schwanken die Figuren der Recherche durch ein Panoptikum der Inkohärenz. Proust fällt sich selbst ins Wort. Er monumentalisiert Charlus als widersprechende Instanz und demontiert ihn als Person. In den Verschiebungen verschwindet Prousts ursprünglichste Theorie von Homosexualität, nach der eine im Männerkörper Gefangene am Begehren verzweifelt. Sie sehnt sich nach einem heterosexuellen Mann und findet in Beziehungen zu Homosexuellen nur Ersatz.

Didier behauptet von Jean Genet, er habe Proust fortgeschrieben. Bei Genet halten Prousts „Burschen und Matrosen“ das Heft in der Hand. Auf den ersten Blick spielen sie keine Rollen, sondern sind dies oder jenes mit sturer Eindeutigkeit. Didier exponiert die Unterscheidung zwischen „Männer“ und „Tanten“ – „den Mackern und ihren Frauen/Jungen“.

Die Kategorien spiegeln gesellschaftliche Urteile und natürlich auch die Praxisbezogenheit der Anschauung im Geist einer Orthodoxie. Die Paare heiraten nach eigenem Ritus.

„Ich trug weder Schleier, Blumen noch Kranz … aber in der kalten Luft wehten alle erhabenen Hochzeitsgedanken um mich herum.“

Die üblichen Dramen werden zur Aufführung gebracht. Die natürlichen Abläufe untergraben die Klarheit der Gliederung. Vormalige Eleven wechseln ins Lager der Galane und übernehmen im nächsten Durchlauf eine Braut. Macker unterwerfen sich besseren Schlägern. Die Eindeutigkeit zersplittert und erzeugt beim Erzähler die Krise einer versagenden Ordnung. Mit Verachtung lehnt er sich gegen sein Unglück auf.

Genet räumt die Spielarten der Sexualität und des Verbrechens in Gilden- und Zunftfächer ein. Der zur Dominanz Begabte vermag auch als Dieb mehr als „die parfümierten Jungs“. Er verliert seinen Nimbus, wenn ihm die eigene Stärke nicht mehr genügt. Fast alle sind dazu verdammt, diesen Punkt zu erreichen.

Eribon findet bei Genet das Material für eine „Anamnese der verborgenen Konstanten“ (Pierre Bourdieu).