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17.05.2020, Jamal Tuschick

Am Schreibtisch meiner Frau

Im Lockdown las Ingo Schulze am Schreibtisch seiner Frau aus seinem aktuellen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“

Eingebetteter Medieninhalt

Norbert Paulinis „geringe Neigungen, sich von den Erwartungen seiner Zeit beindruckt zu zeigen“, sind unter Bibliophilen legendär. Zudem wartet der Antiquar mit erlesenem Wissen auf. In seinem Fleisch und Blut haust die Bedürfnislosigkeit so malerisch, dass nicht wenige, die sich auf ihre eigene Originalität etwas zugutehalten, in Paulini ein Vorbild erkennen.

Ingo Schulze, „Die rechtschaffenen Mörder“, S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 21,-

Seinem Schöpfer Ingo Schulze gelingt es merkwürdig, den zwischen Kauz und Kenner Schillernden nicht an den Manierismus zu verraten. Paulini bleibt lange ein handfester Bewohner seines Elfenbeinturms. Die Wende stößt ihm als Unglück zu. Er verliert die Orientierung und verdreht sich nach rechts.

Das ist, kurz gesagt, die Hauptgeschichte. Im Vortrag des Autors, er liest am Schreibtisch seiner Frau; ihn filmt seine Tochter Franziska, zeichnen sich zwei Hauptlinien ab. Schulze hebt an mit dem „unvergleichlichen Ruf“ seines Helden und der Demut der wie zur Klausur einkehrenden Kundschaft. Man pilgert zu Paulini nach Blasewitz, einem Dresdner Stadtteil.  

Ein Mann und seine Bücher

„Es gibt hier noch Bücher, auf denen habe ich als Kind geschlafen.“

Norbert Paulini auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft als die Nummer eins unter den DDR-Antiquaren.

Eine Begabung zur Eigenart zeigt sich früh. Norbert „Jesus“ Paulini, auch Prinz Vogelfrei*, Sohn eines alleinerziehenden, Straßenbahnen führenden Dresdner Drehers, gibt klangvollen Wörtern eigenmächtige Bedeutungen.

*Nur Schritt für Schritt - das ist kein Leben!
Stets Bein vor Bein macht müd und schwer!
Ich lass mich von den Winden heben,
Ich liebe es, mit Flügeln schweben
Und hinter jedem Vogel her.
 (Friedrich Nietzsche)

Manche Kinder fegen jedem Ball entgegen. Norbert fühlt sich von Silbenflummis magisch angezogen. Er schläft auf einem Bücherturm: dem Erbe seiner früh verstorbenen Mutter. Ab und zu konsultiert Norbert die Erinnerungen seines Vaters an ein Familienleben, das nicht stattgefunden hat. Früh steht sein Berufswunsch fest. Norbert will Leser werden. Er wird Regel- und Messtechniker, bevor er ohne innere Vorbehalte seinen Wehrdienst absolviert – hauptsächlich als Regimentsbibliothekar.

Paulini steigert sich zum Buchhändler. Schließlich figuriert er als elbflorentinische Instanz unter DDR-Antiquaren. Er gewinnt die Aura eines Logenschließers, in dem sich wiederum der Kirchendiener alter Schule konserviert.

Der schnurrige Charakter schreit förmlich nach dem Glück im Winkel und variiert selbstverständlich den deutschen Michel hinter dem Ofen. Zwei, drei die Grenzen zum Fabelhaften überschreitende Spezialfertigkeiten kommen dazu und fertig ist die Laube.

Was sofort auffällt: Paulini erlebt die DDR als kommode Gesellschaft. Ihn zieht es in Nischen und da lässt man ihn sein. Sogar bei der NVA entspricht man den Neigungen eines Verschrobenen. Obendrein gibt es eine erotische Grundversorgung für den Gehemmten.

So wie Paulini dient, machen Verdienstvollere Urlaub. Am vorläufigen Ende vom Lied „synchronisiert“ Paulini „die Literaturen“ in einer Buchhandlung mit angeschlossenem Antiquariat.

Nun erlebt ihn der Leser in seinem Zielhafen, sein Schöpfer malt Idyllen. So ein Leben braucht eine Sackgasse, in der es nisten kann.

Paulini liefert der institutionalisierten Entschleunigung das passende Profil. Er existiert in einem Refugium, dessen Haftschale ein maroder Staat ist.

Dann ist der Schleichtanz zu Ende, Paulini hat Familie und verliert sie weitgehend wieder. Er glaubt Ansprüche zu haben. Er irrt sich. Mit vierzig beweist Paulini seine Anpassungsfähigkeit an einer Netto-Kasse. Er verbiegt sich so gut er kann. Als seine Verhältnisse schon desolat bis zu Zwielichtigkeit sind, gibt er sich zwei Kriminalbeamten gegenüber als Gegner der gesamtdeutschen Verhältnisse zu erkennen. Er schmettert die Pegida-Arie.

Plötzlich verliert der Roman sein Furnier, die fränkische Täfelung, und man begreift, was Paulini jetzt antreibt. Das ist so einer, der sich zu DDR-Zeiten bereits daran gestört hat, wenn jemand Ticket statt Eintrittskarte sagte.

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