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17.05.2020, Jamal Tuschick

In Spannung mit dem Jetzt

Weiterlesen – Das Literarische Colloquium Berlin zieht zu rbbKultur ins Radio und ins Internet – Heute eine Wohnzimmerlesung mit Peter Schneider

Eingebetteter Medieninhalt

Die Corona-Krise „als Chance den Finanzkapitalismus neu zu denken“, werden wir wieder nicht nutzen, weiß Peter Schneider.

Die klügsten Köpfe seiner Generation sah er vor einem halben Jahrhundert von der Latenz in die Manifestation des Unmöglichen abrutschen. In mehr oder weniger militanten Splitterkulten und Ideenexzessen von der Roten Armee Fraktion bis zu Mao-Segregationen bewies sich die Unhaltbarkeit antiautoritärer Verkehrsformen im Schub der Radikalisierungen. Sie, die nichts konnten außer denken, unterwarfen sich einem „Regime der Denkverbote“ im Plural seiner Erscheinungen. Daran erinnert Peter Schneider in seinem neuen Buch „Denken mit dem eigenen Kopf“. Die Essaysammlung ist als Revision angelegt. Der achtzigjährige Autor genießt seine Irrtümer auf dem Hochplateau später Erkenntnisse.

„Man muss sich für die eigenen Irrtümer interessieren.“

Ältere Texte bringt Schneider „in Spannung mit dem Jetzt“. Er kritisiert Handke für seine Uneinsichtigkeit. Ein Versäumnis sei es gewesen, die Nobelpreisehrung nicht mit einer Entschuldigung Richtung Bosnien verbunden zu haben.

Schneider spricht sich „gegen das (aktuell grassierende) Gruppendenken“ aus. Man müsse das Risiko eines Ausschlusses eingehen, um dem Risiko gemeinschaftlich begangener Denkfehler zu entgehen.

Eigensüchtige Geschichtsauffassung - „Die Westdeutschen lebten prächtig mit der Teilung.“ Ihre Bereitschaft mit der Teilung für die Kriegsschuld zu büßen, entsprach „einer höchst eigensüchtigen Geschichtsauffassung“. Schneider erkannte das allerdings auch erst Neunundachtzig.

Wie viele Intellektuelle war er gegen die Wiedervereinigung. Die deutsche Teilung hielt er für eine unmittelbare Folge des Hitlerkrieges. Für eine Strafe. Wer die Teilung in Frage stellte, entlarvte sich als Revanchist. In einem Essay aus dem Jahr 1991 konstatierte er, was seit Jahrzehnten auf der Hand lag: dass die Teilung Deutschlands ein Produkt des Kalten Kriegs war.

Im Gespräch mit Nadine Kreuzahler fährt Schneider Meilensteine seiner Epoche ab. Er resümiert als Akteur der westdeutschen Nachkriegsgeschichte. Er wäre gern Dramatiker geworden, doch scheiterte er mit seinen Stücken. Büchners Lenz war eine Weile alles, was sich an Prosa gegen das Postulat der politischen Relevanz von Literatur verteidigen ließ.

„Den Lenz ließ ich mir nicht nehmen.“

Der „Lenz“ bot dem mit Berufsverbot belegten Schneider einen Ausweg. Er gehört zu den in die Literatur entwichenen Lehrern. Ich überlege gerade, wer gleich nach Schneider auf die Bühne kam. Ich glaube, es war Michael Wildenhain – der Häuserkampf als Raf-Ersatz.