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18.05.2020, Jamal Tuschick

Glazialer Moment

Kommst du nach Cowshill, dann solltest du wissen, dass der Ortsteil Burtree Ford als eigenständiges Gemeinwesen Anspruch auf Geltung einst erheben konnte. Davon kündet noch einiges, was man heute einfach so Cowshill zuschlägt, so wie der Burtreeford Hof, die Burtreeford Brücke und die Burtreeford Mühle: ein dreistöckiger Kasten, dessen Rad von den Wassern des Killhope - und Sedling Burn bis 1939 über hundert Jahre lang angetrieben wurde.

Cowshill liegt im County Durham und in einer Ecke von England, die auch Jessica Andrews zu einem Schauplatz ihres Debütromans „Und jetzt bin ich hier“ gemacht hat. Andrews stammt aus Sunderland. Die Stadt erscheint als rostende Domäne voller verwesender Gewissheiten. Alles war mal proletenproper. Jetzt geht alles prekär den Bach runter. Andrews beschreibt Ecken und Kanten, die auch Benjamin Myers schildert.

Benjamin Myers, „Offene See“, Roman, aus dem Englischen von Klaus Timmermann, Ulrike Wasel, Dumont, 270 Seiten, 20,-

Während Myers vom Bärlauch ausgeht und den glazialen Moment als erdgeschichtliches Ereignis feiert, sichert Andrews die Industriebrachen und Rust Belt Romantik nach der Dirty Old Town-Melodie. Myers Ich-Erzähler Robert Appleyard lässt Cowshill links oder rechts liegen. Er passiert „gähnende Abgründe“ und folgt einem ruinierten Schienenstrang.

Robert überlebt als Tagelöhner in einer weitgehend geräumten, vom Krieg müden Landschaft. Myers erzählt zwar von einem Adoleszenten, der einen Ausweg sucht, um die breitgetretenen Fährten der Altvorderen als an sich unvermeidlicher Gang in die Grube zu vermeiden ...

Eingebetteter Medieninhalt

You load sixteen tons, what do you get?
Another day older and deeper in debt
Saint Peter don't you call me 'cause I can't go
I owe my soul to the company store

... doch ist die Perspektive retrospektiv.

Der alte Robert memoriert seine Nachkriegsjugend zunächst als Arbeitsnomade und dann als Adept auf dem Anwesen der resoluten Dulcie Piper. Den jungen Mann und die gestandene Frau verbindet die Universaldilettanten-Perspektive. Du siehst etwas vor Profanität Strotzendes und hebst es an in enzyklopädisch-kapriolenden Kombinationen. Dulcie und Robert führen (nicht nur) ihre erste Konversation mit freier Sicht auf die Nordsee. Dulcie nimmt eine Gelegenheit zum Anlass, die nahe Wasserkante mit Erwähnungen von Versteinerungen, Einsiedlerkrebsen und der Geschichte Britanniens zu vergolden. Die Gastgeberin geht noch weiter und erzählt vom Doggerland, über dem sich die Nordsee wälzt. England ist so kontinental wie Frankreich und in der Steinzeit wussten das auch alle.

Wildwiesen, Wein & Wikinger

Dulcie nennt England eine Festung, die das Meer schleift. Sie lebt über einem Klippenstrand wie auf einem Außenposten der Zivilisation. Ihre Verbindungen reichen weit. Zum Beweis stehen lauter rationierte Lebensmittel in der Vorratskammer bereit. Jeden Abend schmälert sie ihren Bestand an Vorkriegsspirituosen.

Dulcie neigt zur Großartigkeit.

„Le grand tour“ nennt sie die Wanderung des sechzehnjährigen Robert Appleyard, der die weitere Umgebung seiner Geburtsstadt erkundet. In der unmittelbaren Nachkriegszeit arbeitet er für Kost und Logis, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Auch Dulcie versichert sich der Kraft des jungen Mannes, den sie mit ihrer unverschämten Art einschüchtert.

Die einsame Exzentrikerin gefällt sich mit den Manieren der Seebären. Sie verzapft Zoten. Ein Lieblingsthema ist der Hitler'sche Solohoden. Zugleich verrät sich der weite Horizont der Einfühlsamen. Kurz gesagt, Robert ist von seiner Gastgeberin hingerissen.

Da, wo er herkommt, „ist das Meer grau von Staub“ und das Volk grassiert an den Gestaden nicht anders als in den Gruben. Stets richtet sich der Blick auf die Kohle. Roberts Initiation vollzieht sich in der Gegend von Scarborough. Die Stadt wurde 966 als Skarðaborg von Wikingern gegründet; doch bald von Angelsachsen überrannt und mit Feuer geschändet. Dulcie erzählt ihre ahistorische Version dem Gast mit großer Geste als Hammerstory. Interessanterweise verfehlt die große Arie ihre Wirkung. Robert backt von Haus aus kleine Brötchen. Ihn justiert das Spiel der Feldmäuse. Er studiert „die Menagerie der sonnenliebenden Arten“.

Dulcie macht Robert eine Leseliste. Ihre Gedankenausflüge in die weite Welt nehmen Robert nicht die Last der familiären Erwartungen. Seine Vorfahren sind Bergleute von jeher. Eine Minenexistenz soll auch Roberts Schicksal besiegeln. Er stemmt sich kaum gegen den Fatalismus der Geschichte (Büchner). Seine Wanderung, von Dulcie als „homerische Reise“ eingepflegt in das Verhältnis, gleicht der Besteigung eines Aussichtsturms. Schließlich entdeckt er ein Manuskript, das so heißt wie der Roman. Als Urheberin weist das Deckblatt Romy Landau aus. Aus dem Netz (der lebenden Fiktionen) gefischt:

„Romy Landau wurde 1912 in Samerberg, Bayern, geboren. Sie studierte Englische Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München in München und der University of London (heute University College London). Ihre erste Gedichtsammlung The Emerald Chandelier (1936) erlangte internationale Anerkennung. Sie verschwand im April 1940 beim Schwimmen in der Nähe von Robin Hoods Bay in North Yorkshire, kurz nachdem sie ihre zweite Sammlung The Offing fertiggestellt hatte, die 1947 posthum veröffentlicht wurde.“