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19.05.2020, Jamal Tuschick

Demenz und Corona: Konzernen wird geholfen, für pflegende Angehörige gibt es kaum etwas - Ein Beitrag von Hanna Lichtenberger und Teresa Millner-Kurzbauer

Viele an Demenz erkrankte Menschen leben zu Hause, wo die Unterstützung durch Heimhilfe, Gedächtnistrainings, Tageszentrum oder Besuche von Freunden seit der Corona-Krise ausfallen. Das trifft sie selbst und ihre Angehörigen mit voller Wucht. BewohnerInnen von Pflege- oder Seniorenheimen dürfen wiederum keinen Besuch mehr empfangen. Angehörige und Betroffene brauchen dringend Unterstützung.

© Fonds Soziales Wien

Anna lebt mit ihrer 83-jährigen Mutter zu Hause und betreut sie alleine. Die Demenzerkrankung ist weit fortgeschritten und Anna kann ihre Mutter keine Sekunde alleine lassen. Die Heimhilfestunden hat sie aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus reduziert. Die Belastung für Anna wird von Tag zu Tag größer: Kein Tageszentrum für die Mutter, keine sozialen Kontakte mit FreundInnen, keine Hilfe durch professionelle Dienste, kein entspannter Spaziergang mehr. Anna fragt sich, wie viele andere Menschen: „Wie lange kann ich diese Situation noch aushalten?“

Aktuellen Schätzungen zufolge leben in Österreich 115.000 bis 130.000 Menschen mit Demenz. In der Corona-Krise gehören diese Menschen zu den Risiko-Gruppen – auf Grund ihres Alters, aber auch, weil man vielen von ihnen Sicherheitsabstände oder Hygienebestimmungen nur schwer vermitteln kann. Beispielsweise können Betroffene vergessen, ihre Mund-Nasenmaske im Supermarkt aufzusetzen. Dadurch kann es zu Konflikten mit dem Umfeld kommen, da viele Menschen immer noch zu wenig über die Erkrankung wissen. 

Auswirkungen der Corona-Krise im Alltag für Betroffene

Ein routinemäßiger Tagesablauf hat für an Demenz erkrankte Menschen eine wesentliche Bedeutung. Diese für die erkrankte Person beruhigende Routine sorgt für ein gewisses Maß an Stabilität. Verhaltensauffälligkeiten können so reduziert werden. Gerade für Menschen mit Demenz verändert die Corona-Krise den gewohnten Tagesrhythmus, der für das Sicherheitsgefühl der Betroffenen besonders wichtig ist.

So leiden an Demenz erkrankte Menschen oft unter einem gestörten Tag-Nacht-Rhythmus oder einer Nachtunruhe, dem durch einen festen Tagesablauf begegnet werden kann. Außerdem können durch die Routine vorhandene Fähigkeiten mobilisiert und erhalten werden. Eine wichtige Säule für Menschen mit Demenz sind stabile soziale Kontakte zu Bezugs- oder Vertrauenspersonen, auch diese können im Moment nicht stattfinden – etwa dann, wenn die Betroffenen in Pflegeheimen leben oder Familienmitglieder nicht im selben Haushalt wohnen.

Die allgemeine Stimmung und Verunsicherung ist für Menschen mit Demenz genauso spürbar, auch wenn sie die Gefahr oft nicht mehr bewusst erfassen können. Das führt zu Unruhe und Angst und könnte je nach Krankheitsverlauf auch misstrauisches, abwehrendes oder aggressives Verhalten gegenüber den Angehörigen hervorrufen. Musik-, Ergo- oder Physiotherapie, sowie andere Gedächtnistrainings- und Bewegungsangebote, die den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen können, fehlen zur Zeit zumeist als positiver Ausgleich.

Auswirkungen für pflegende Angehörige

Aber nicht nur für Betroffene, auch für pflegende Angehörige ist die Situation herausfordernd. Schon vor der Corona-Krise haben fast 60 Prozent der pflegenden Angehörigen von an Demenz erkrankten Menschen angegeben „so gut wie rund um die Uhr“ für die betreute Person da zu sein. Neben der Pflege- und Betreuungstätigkeit blieb vielen Angehörigen kaum Zeit für eigene Interessen. Der Großteil des Tagesablaufs muss für die Betreuung aufgewendet werden. Die restliche Zeit wird mit Haushaltstätigkeiten und – wenn überhaupt – mit Schlaf verbracht. Man hat das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen. Diese Tatsache wurde schon vor der Corona-Krise als sehr belastend empfunden.

Der Beitrag erschien zuerst auf Kontrast.at    

Das sozialdemokratische Magazin Kontrast.at begleitet mit seinen Beiträgen die aktuelle Politik. Wir betrachten Gesellschaft, Staat und Wirtschaft von einem progressiven, emanzipatorischen Standpunkt aus. Kontrast wirft den Blick der sozialen Gerechtigkeit auf die Welt.