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19.05.2020, Jamal Tuschick

Erlauschte Sprache

Die Containertage sind „mit dröhnender Leere gefüllt“. Alles Gute liegt obskur in der Vergangenheit begraben. „Die Nationalitäten (der Geflüchteten) mischen sich nicht in der Unterkunft“, die für Madiha Hammada zur ersten Adresse in Deutschland wurde.

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Sie stammt aus einem nordsyrischen Dorf am Euphrat in der Nähe der Provinzhauptstadt Ar-Raqqa, die einen antiken Ursprung und eine römisch-byzantinisch-hellenistische Vergangenheit hat und ihre neueren Geschichten in arabischen, kurdischen und türkischen Versionen erzählt. Madiha kann zwar weder lesen noch schreiben, aber sie spricht Deutsch.

Die Sprache der Anweisungen erlauschte Madiha als Kind im Haus einer expatriierten Deutschen (die Frau eines Bruders ihrer bei ihrer Geburt gestorbenen Mutter). Als Dolmetscherin nimmt sie eine herausgehobene Stellung ein, die mit ihrer verschlossenen Unterwürfigkeit nicht harmoniert.

„Vorlaut“ findet Madiha die „stark geschminkten“ urbanen Syrerinnen, die ihr Haar nicht bedecken und sich ungezwungen mit Männern unterhalten.

Jutta Profijt, „Unter Fremden“, Roman, dtv, 10.95 Euro

Von Einschränkungen dominiert, wäre Madiha die Flucht ohne die uneigennützige Hilfe eines jungen Mannes namens Harun Dardari nicht gelungen. Jedenfalls fühlt sie sich ihm sehr zu Dank verpflichtet. Als Harun abtaucht, setzt Madiha alle Hebel in Bewegung.

So nimmt Madiha Deutschland wahr: Wer keinen Hund ausführt, trägt einen Pappbecher durch die Gegend. Die Muslima sucht in den sakralen Räumen der Christen jene Ruhe und Stille, die sie im Heim entbehrt. In einer Kirche inventarisiert sie Haruns zurückgebliebenen Dokumente. Sie widersprechen seinen Angaben.

Harun hat sich nicht allein Madiha gegenüber als jemand ausgegeben, der seine Identität nicht nachweisen kann. In der Welt der Diplomatie bezeichnet man Migranten, die so aufgeschmissen sind als Sans-Papiers – Leute ohne Ausweise.  

Nach einem Wurfbrandsatz-Angriff auf die Unterkunft begegnet Madiha einem Beamten des Landeskriminalamtes. Für ihn erstellt sie ein Fahndungsbild von Harun. Die Zeichnung beweist großes Talent. Der Kommissar führt eine vor Bescheidenheit fast rückwärts laufende Künstlerin zum Essen aus. Der Reisepass aus dem liegengebliebenen Bestand von Harun ist auf den Namen Amal Arabi ausgestellt. Amal ist ein arabischer Frauenname. Arabi stammt aus Sarghaya (bei Damaskus) und entpuppt sich als islamistischer Gotteskrieger. Auch der entsprechend motivierte Anschlag auf den Straßburger Weihnachtsmarkt verstärkt den Handlungsrahmen eines zeitgeschichtlich anspruchsvoll kolorierten Kriminalromans.

Jutta Profijt wurde gegen Ende des Babybooms in eine weitgehend konfliktfreie Familie hineingeboren. Nach einer kurzen Flucht ins Ausland kehrte sie ins Rheinland zurück und arbeitete im Projektmanagement. Heute schreibt sie sehr erfolgreich Bücher und lebt mit ihrem Mann und diversen Kleintieren auf dem Land.

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