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19.05.2020, Jamal Tuschick

Nervenkitzel der Vergangenheit

Ralph Fawett ist kaum halbwüchsig und ahnt doch schon „die lieblose Einsamkeit, die auf ihn (im Alter) wartet, wie ein mürrischer Hund.“ Der weise Knabe spielt eine Hauptrolle in Jean Stafford 1947 erstmals erschienenen Roman „Die Berglöwin“.

„Eine kleine Stille kam zwischen uns, so präzise wie ein an der Wand hängendes Bild. A small silence came between us, as precise as a picture hanging on the wall.“ Jean Stafford

Eingebetteter Medieninhalt

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Colorado ein Staat der Geisterstädte

In dieser Ländlichkeit hebt sich alles scharf und kantig konturiert von einem harten Himmel ab. Es gibt kein verwaschenes Blau im Landschaftsbild. Selbst die verschlissenen Arbeitshosen an den Leinen der Waschtage erscheinen nicht verwaschen. Unscharf sind allein die Trennungen zwischen Erinnerungen und Erzählungen. Die Geschwister Molly und Ralph Fawcett kennen die Ursprünge ihrer stärksten Eindrücke selten. Die Monotonie des Erlebens wiederholt sich in der Monotonie der Geschichten. „Wenn es nichts Neues zu bereden (gibt, kehrt man) zu den Nervenkitzeln der Vergangenheit“ zurück.

Jean Stafford, „Die Berglöwin“, Roman, aus dem Amerikanischen von Adelheid und Jürgen Dormagen, Dörlemann, 350 Seiten, 25,-

Die Natur wird auch von jenen als „verwegene Schönheit“ wahrgenommen, die sich mit und in ihr abplagen müssen. Die Verwegene lässt Bäume Früchte tragen, die so hart wie Golfbälle sind, und sie bringt Menschen mit dem Repertoire tauber Nüsse hervor.

Jean Stafford bringt die bulligsten Beschäftigungen mit Unschuld in Einklang, das ist vielleicht das unzeitigste Motiv. Da ist zum Beispiel Claude. Er verkörpert animalische Kraft und bäurische Stabilität. Dazu schreibt die Autorin:

„Sein Gesicht (ist) so unschuldig … (Claude scheint) nicht zu wissen, was ihm zugestoßen war“.

Ein Beerdigungsgottesdienst rahmt die Beobachtung. Die zwanghaft rotierende Masse Mann wirkt im Stillstand deplatziert. Im Weiteren erscheint ein Sohn in den grellsten Farben auf der Beerdigung seines Vaters, der es bei aller Liebe zur Autonomie vorgezogen hat, in den Armen seiner Tochter und so auch in ihren Haus in Riverside, Colorado, weit weg von seiner Ranch im texanischen Panhandle zu sterben.

Lauter Widersprüche kulminieren in der chabrolesken Szene mit dem Kolorit des separatistischen Südens, wo man Yankees als die Fremden identifiziert und ihnen gern die brüchige Gravität eines Abraham Lincoln nachsagt, nur um die üble Nachrede nicht absterben zu lassen.

Das Territorium des spät dazugekommenen Bundesstaates Colorado war lange eine spanische Domäne. Bis in die 1860er Jahre trugen da die Weiler überwiegend spanische Namen. Die angloamerikanische Präsenz kam erst mit einem Gold- und dann mit einem Silberrausch. Dem kam nichts hinterher. Im frühen 20. Jahrhundert klapperten in Colorado die Saloon-Schwingtüren in Geisterstädten.

Der Clinch unter Geschwistern geht über freundschaftliche Rivalität hinaus

Am Romananfang laborieren Schwester und Bruder an einer Drüsenstörung, die sie ohne Nasenbluten nicht gründlich lachen lässt. Trotzdem reißen Molly und Ralph einen Witz nach dem anderen. Sie bestellen Waffenkataloge und Kaminreinigungsanleitungen, weil sie mehr fürs Praktische sind. Ihre Schwestern Leah und Rachel absolvieren schon das Damenprogramm mit der Cashmere-Bouquet-Seife.

Molly möchte ein Junge sein, und Ralph stört die Nachahmerei.

*

Dann kommt Opa zu Besuch. Jean Stafford schildert einen von einem anachronistischen Freiheitsdrang beseelten Rinderzüchter in schlechten Hosen und feiner Weste, mit dieser ausgedachten Grandezza der von Gott Selbstermächtigten.

Der wie ein Uramerikaner aussehende Ahne beunruhigt und fasziniert den Schwarm der Enkel*innen.