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20.05.2020, Jamal Tuschick

Psychogrammatik

Rachel Cusk hantiert mit Freud, der glaubte, dass jede individuelle Entwicklung die Menschheitsgeschichte durchkaut. Sie assoziiert die Antike mit der Unwiderruflichkeit eines Durchgangs in der Psychogrammatik vor Schuld und Gewissen. Cusk betont Klytämnestras Männlichkeit. Guckt mal, sagt sie, das hat es doch immer schon gegeben: die Eiserne Lady wie sie im Buch steht. 

Der zweite Schnitt

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Zurückgeworfen auf ein seelisches Lagerleben, sucht die Ich-Erzählerin, in der sich die Autorin zu erkennen gibt, Halt in der Erinnerung an „eine Frau von Anmut und Statur, eine Art Elefanten-Ballerina“. So erschien die Geschichtslehrerin Mrs Lewis in katholischer Mittelmäßigkeit. Gedankenprächtig hielt sie im frühen Mittelalter Hof. Sie warf die Frage nach der Bedeutung von Rückschritten auf. Darin steckte die Forderung, keine historische Phase mit dieser Zuschreibung zu denunzieren. All die Jahrhunderte, in denen niemand mehr wusste, wie man eine Fußbodenheizung installiert; in denen das imperiale Vertragsrecht vergessen war; das post-romanische Britannien verschliss den Zivilisationsteppich ohne nennenswerten technischen Fortschritt in Machtkämpfen mit vielen überseeischen Akteuren. Zugleich war es ein „Danach“ der klösterlichen Stille und der graswurzelnden Einfalt: jedenfalls soweit es Mrs Lewis beliebte, die Epoche zu tapezieren. Cusk vergleicht das britannische Mittelalter mit dem zweiten Schnitt im Nachgang der Haupternte.

Rachel Cusk, „Danach - Über Ehe und Trennung“, aus dem Englischen von Eva Bonné, Suhrkamp, 187 Seiten, 22,-

Sie erscheint als der Böse in einer Trennungsgeschichte. Wir müssen uns daran gewöhnen, die geschlechtsanzeigenden Wörter weiter zu fassen. Der Mann in dieser Konstellation fühlt sich verstoßen wie eine abgehalfterte Ehefrau. Zuständig für Hausarbeit & Kinderversorgung, litt er unter der geringen Empathie der Versorgerin. In einer brillanten Szene vergleicht Cusk den Ex mit ihrer Mutter. Sie vergleicht die Unwägbarkeiten ihrer Lage im Trennungskampf mit den Imponderabilien des Krieges. Wird man zum „Mörder“ oder siegt eine Hemmung.

Cusk beansprucht ihre Kinder, zwei beschlagene* Töchter, mit der Idee eines Vorrechts. Sie identifiziert sich mit der paternalistischen Perspektive. Sie setzt auf Herrschaft und Dynamik. In dieser Konstruktion gehört der ein- und anklagende Feminismus zur Domäne des Mannes. Das ist kein Scherz. Einst besann sich Cusk auf ihre „alte, männlich geprägte Identität“ und verpflichtete ihren Mann zur Kinderversorgung. Sie veranlasste einen Anwalt zur Übernahme des Haushalts. In der Retrospektive erscheint seine Einwilligung wie der Auftakt zu einem Opfergang. Jetzt ist er zwar nicht mehr Hausmann, aber immer noch Anwalt.

„Und ich bin nur Schriftstellerin.“

In einer Joyce’esken Gleichsetzung von Schriftstellerei und Weiblichkeit stellt Cusk die alte Ordnung auf einer tiefliegenden Betrachtungsebene her. Die bilaterale Kündigung der partnerschaftlichen Verabredungen offenbart eine strukturelle Unterlegenheit. 

*Sie sind mit der griechischen Mythologie vertraut. Sie reden darüber, als würden sie Erinnerungen austauschen. Weißt du noch, wie Klytämnestra Agamemnon … Cusk hantiert mit Freud, der glaubte, dass jede individuelle Entwicklung die Menschheitsgeschichte durchkaut. Sie assoziiert die Antike mit der Unwiderruflichkeit eines Durchgangs in der Psychogrammatik vor Schuld und Gewissen. Cusk betont Klytämnestras Männlichkeit. Guckt mal, sagt sie, das hat es doch immer schon gegeben: die Eiserne Lady wie sie im Buch steht. 

Cusk nimmt einen Mann in ihrem Haus auf, der sich gerade getrennt hat. Rupert arbeitet für ein Energieversorgungsunternehmen. Er zieht mit einem Bügelbrett ein, das seine Beflissenheit bezeichnet.

Lest Paul B. Preciado. Er gibt dem Leben Transformationschancen, die jedwede Geschlechterbinarität alt aussehen lässt. Er appliziert sich Testosteron, ohne ein Mann werden zu wollen. Er durchquert einen namenlosen Raum zwischen männlich & weiblich, „zwischen lesbischer Maskulinität und der Dragking-Weiblichkeit“. Wechsel des Geschlechts als progressive Praxis und Vorbereitung auf den Planeten-Shift aka All-Exodus im Dreitakt von Ländermigration, Gendermigration, Planetenmigration. 

Psychogrammatik

Cusk weiß sich gehasst von ihrem Ex-Ehemann.

„Seit Monaten quillt der schwarze, giftige Hass aus der tödlichen Wunde unserer Ehe, durchtränkt alles und überzieht die Kinder, wie Teer die flaumigen Köpfe der Küstenvögel überzieht.“

Einem genretypisch das Ensemble erweiternden Untermieter beweist sie im Gegenzug (sinnlos demonstrativ) ihre Verträglichkeit. Sie sieht Rupert wie einen weißen Schatten ständig in einem Saunabademantel über die Treppen schleichen. Cusk versäumt es, seine Beine zu beschreiben. Zweifellos sind sie schlecht durchblutet. Krampfadern beanspruchen ein Recht auf Hässlichkeit. Du nicht mehr, sagen sie. Und falls du dich doch noch einmal im Garten der Lüste verlaufen solltest, dann nur noch als Kasper, elender Freier und Gnadenfickbettler. Seine Ex zieht zurzeit in London durch die Nacht.

„Sie ist eine Frau, deren Leid sich in Extraversion und Hedonismus zeigt.“

Der Satz zeigt, warum es sich lohnt, Cusk zu lesen. Sie ist Jahrgang Siebenundsechzig. Ihr Herz schlägt noch den guten alten Babyboomerbeat.

For Those About to Rock (We Salute You)

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Cusk hat die Höllenhunde auf sich selbst losgelassen. Zum Glück liegt Selbstmitleid ihr fern. Das Gefühl einer soliden Herkunft verbindet die Kanadierin* mit dem Mutterland ihrer Ahnen. Cusk beschreibt ein englisches Dorf wie eine Puppenstubenlandschaft. In den Miniaturen empfindet sie sich als generationelles Glied. Amerika (in einem weiteren Sinn von Kanada) hat ihr einen Kode verschwiegen – die Zugangsberechtigung(en) einer Weißen aus der Anglosphäre.

*„Rachel Cusk wurde 1967 als zweites von vier Kindern in Kanada geboren, verbrachte den Großteil ihrer Kindheit jedoch in Los Angeles. Mit neun Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Großbritannien. Dort studierte sie Englisch am New College der Universität Oxford. Später arbeitete sie bei einer Literaturagentur in London und bereiste Spanien und Mittelamerika. Cusk war mit dem Künstler Siemon Scamell-Katz verheiratet. Sie lebt mit ihren Töchtern in Brighton.“   

Cusk knüpft die Geschichte der Opferung Isaaks (Gott befiehlt Abraham, er soll seinen Sohn Isaak schlachten; Abraham gehorcht; ein Engel verhindert die Bluttat) mit Agamemnons Flauten-Fluch. Der antike Admiral Nelson muss seine Tochter Iphigenie töten, um Wind für eine martialische Segelpartie zu erheischen. Willst du nach Troja, musst du Iphigenie für deinen Hochmut bluten lassen. Auch hier bietet sich ein mythischer Ausweg (durch Täuschung) an. Cusk kann mit der weichen Lösung nicht arbeiten. Sie braucht Gott als milden Walter, während Artemis grimmig bleibt und ihre Rache an der Hybris eines Sterblichen durchzieht.

„In der neuen Welt hat Blut keinen Wert mehr. Die Gerechtigkeit ist jetzt … akademisch.“

Das ändert nichts an Isaaks Verstörung, die jener Zerstörung als Symbol dient, die Cusk anrichtete. Sie hat das Kindeswohl ihrem Egoismus untergeordnet und so das töchterliche Urvertrauen, das Cusk ein Trost war, ausgelöscht. Ich nehme das nur auseinander, um Cusks Selbstentblößung anzuzeigen. Die Schwärze ihrer Empfindungen rührt auch daher, dass der Trennungspreis viel zu hoch war. Stichwort: Konfliktkostenkalkulation. 

Das Glück am Küchentisch

Devon bezeichnet eine englische Grafschaft und eine erdgeschichtliche Epoche. In geologischen Formationen setzen sich in diesem Landstrich Sedimentschichten besonders anschaulich voneinander ab. Manche Stellen rosten dramatisch. Gleichzeitig hat man malerische Kleckse in Endmoränenschründen. Arthur Conan Doyle kolorierte seinen „Hund von Baskerville“ mit Devon-Dartmoor-Farben. Die Cusk’sche Rumpfgemeinschaft quert die Heide. Rachel fährt sich und ihre Töchter zu einem Quartier nahe einer Ferienkoppel. Die Pensionswirtin taucht als schwer an sich selbst tragende, bramarbasiere Hexe auf. Sie behauptet, Romane unter Pseudonym zu schreiben. Anders gesagt, die Erholung fällt für Cusk aus.

Es gibt keine Erlösung, seit die Ehe hin ist. In der posttraumatischen Belastungszeit misslingt oft genug das kleine Glück am Küchentisch. Cusk rumort im Leben ihrer Töchter. Da sucht sie die Normalität, die ihren Kindern genommen wurde.

Und dann gleich wieder die Hexe. „Sie schockiert ihr Umfeld mit dem Wunsch zu leben.“

Wieder ein schöner Satz, sieht man von Umfeld ab. Offenbar erwarten andere, dass sie sich verkriecht und in einer schlecht einsehbaren Ecke „diskret verrottet“. Cusk wähnt die Wirtin im Furor „eines selbstmörderischen Akts der Rebellion“. (Wieso selbstmörderisch?) Sie habe gelernt, „die Empörung und Missbilligung (anderer) zu genießen“.

Cusk fühlt sich gefangen, so nah den Fängen der Vermaledeiten. Das Weitere hält sie für ein räumliches Manöver. Doch gibt es kein Entkommen. Cusk hat ihre Zukunft gesehen. Der Zukunft hat es gefallen, sich Cusk zu zeigen: in der Umkehrung von allem. An die Stelle der Attraktivität mieft der fade Vorgeschmack des Todes. In seinem Vorfeld atmet Cusk die Gegenwart von X, Y und Z ein. Jedes Schriftzeichen bezeichnet eine Möglichkeit. Z bringt seinen Werkzeugkasten mit. Er macht sich ans Werk und malt das Bild eines Heimwerkers im Missionsdienst. Seine Vorzüglichkeit lässt einen Mangel groß erscheinen. Der Mangel besteht in der Abwesenheit eines von der Liebe legitimierten Mannes im Haus.

An der Entwicklungsgeschichte hängt ein in der dritten Person erzähltes Schlussstück. Kurt heißt sein Held.