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20.05.2020, Jamal Tuschick

Lieber Herr Tuschick,

eigentlich sollte Christopher Kloeble ja am kommenden Samstag bei den Solothurner Literaturtagen aus seinem neuen Roman "Das Museum der Welt" lesen. Das ist coronabedingt in der geplanten Form leider nichts geworden.

Dafür ist online nun sein "Beitrag für Solothurn" zu lesen und zu hören: https://literatur-online.ch/logbuch/beitrag-fur-solothurn/

Und Luzia Stettler unterhält sich im SRF in „52 beste Bücher“ mit ihm über die Vermischung von Fakten und Fiktion und über den Clash von Kulturen: https://www.srf.ch/sendungen/52-beste-buecher/das-museum-der-welt-von-christopher-kloeble

Ich dachte mir, das könnte Sie interessieren.

Herzliche Grüße, 

Thomas Zirnbauer

dtv Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/Literatur

Der Autor in seinen eigenen Worten

«Indem Literatur so ins öffentliche Gespräch eingreift und sich, umgekehrt, diesem aussetzt, wird der gesellschaftliche Zusammenhang ins Bewusstsein gerückt, in welchem Literatur steht und für den sie wirkt.» 

Vor kurzem ist mein neuer Roman Das Museum der Welt erschienen. Jahrelang habe ich mich auf diesen Moment gefreut. Nun ist er da und so ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt habe. Viele Buchläden, in deren Schaufenstern er liegt, mussten lange Zeit schliessen. Das ist sicherlich ungünstig für den Verkauf. Aber ich empfinde es als weitaus bedrückender, dass nun die gesamte Lesereise ausfällt. Weil ich auf den Austausch mit Lesern verzichten muss. Dieser hat mir immer die grösste Freude bereitet. Ich schätze das Format der Lesung, das im deutschsprachigen Raum besonders weit verbreitet und tief verankert ist. Autoren aus anderen Teilen der Welt staunen jedes Mal, wenn ich ihnen erzähle, dass hier selbst kleinste Gemeinden Autoren einladen und noch dazu Honorar für den Auftritt zahlen.

Lesungen erlauben mir einen Dialog über Literatur und Ideen und Geschichten, den ich sonst meist mit mir selbst führe – und das führt nicht immer sehr weit.
Das Geschriebene durch die Augen der Lesenden zu erleben, lässt mich mein Schreiben nachhaltig hinterfragen. Und das ist wohl die wichtigste Voraussetzung dafür, dass ich besser im Schreiben werde. Je mehr Dialoge ich führe, desto mehr lerne ich über mein Schreiben (und manchmal auch über mich).

Besonders viele solcher Dialoge habe ich in Indien geführt. Dort lebe ich einen Teil des Jahres, da meine Frau aus Delhi kommt. Das Fernsehmagazin NDTV (New Delhi Television) hat einmal behauptet, in Südasien gebe es mehr Literaturfestivals als Buchläden. Auch wenn das nicht ganz stimmen mag, in den vergangenen Jahren wurde ein Festival nach dem nächsten gegründet. Auf einem der jüngsten, in Hyderabad, habe ich einmal auf einer Theaterbühne ein angeregtes Gespräch über das Schriftstellerdasein und deutsche Literatur mit Urs Widmer geführt – und war von seiner neugierigen, nahbaren Art so angetan, dass ich ihn mir sogleich zum Vorbild nahm.

Eine Vielzahl an weiteren lehrreichen Gesprächen durfte ich auch auf einem der grössten Literaturfestivals von ganz Asien führen. Jenes findet einmal pro Jahr in Jaipur statt. Annähernd 100’000 Besucher in fünf Tagen. Freier Eintritt. Selbst die tristeste Lesung ist gut besucht. Gäste wie Oprah Winfrey oder Jonathan Franzen locken die Massen in den Diggi-Palast. Abends geht es zu den Partys der grossen Verlage. Penguin Random House feiert im Rambagh Palast, einer Niederlassung der Luxushotelkette Taj. Diener reichen Whisky und Chicken Tikka. Die Königsfamilie von Bhutan mischt sich unter die Literaten. In Jaipur kommt man sich vor, als hätte man das Set eines Bollywoodstreifens betreten. Und auch wenn all der Glanz etwas anderes nahelegt, kommen auf diesem Festival nicht nur elitäre Literaturmacher zusammen. Sondern auch jene, die einfach Bücher lesen wollen. Und sogar jene, die mit Literatur nicht so viel am Hut haben. Die kaum ein Buch besitzen. Die Gespräche mit letzteren sind vielleicht die wichtigsten im Leben eines Autors.

Bei einem Literaturfestival in Goa wurde meine Frau, die ebenfalls Schriftstellerin ist, während ihrer Lesung von einem Mann im Publikum gefragt, ob sie denn deshalb schreiben würde, weil sie als Frau so ihre ‹emotionale Last› besser loswird. Da ging ein Raunen durch den Saal. Die allgemeine Haltung war klar: Was hatte jemand, der so etwas denkt und dann sogar auch noch wagt es auszusprechen, auf einem Literaturfestival verloren?!
Meine Frau reagierte besonnen – viel besonnener als ich auf eine solche Frage reagiert hätte – und sie schimpfte später auch nicht über diesen Mann, der von vielen wie ein Fremdkörper in der Literaturblase wahrgenommen wurde. Sie sagte mir, wie sehr sie es schätze, dass man auf einem Literaturfestival solche Dialoge führt. Wo, wenn nicht dort?

Ich glaube, sie hat recht. Literaturevents sind manchmal exklusive Veranstaltungen, ausschliesslich für Menschen mit dem nötigen Vorwissen und Kleingeld. Aber wenn es einem Literaturort gelingt, auch jene zu erreichen, die kein volles Bücherregel zuhause stehen haben, dann kann der Austausch umso befruchtender sein. Für beide Seiten. Und vielleicht verschiebt sich dadurch dann tatsächlich etwas in der Gesellschaft.

Ich für meinen Teil kann jedenfalls bestätigen, dass ich einige der besten Dialoge auf oder zumindest dank Literaturfestivals geführt habe – unter anderem mit Taxifahrern, Rikschafahrern und einem israelischen Sicherheitsbeamten mit literarischen Ambitionen.
Darum fehlen mir die Lesungen derzeit so sehr. Ich weiss, dass mir viele Augen-öffnende Gespräche entgehen. Umso mehr weiss ich es zu schätzen, dass Solothurn sich in diesen schwierigen Zeiten auf die Herausforderung ein-
gelassen hat und online stattfindet. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle bedanken.

Erlauben Sie mir zum Schluss etwas Pathos: Lesen und Schreiben mögen das Herz der Literatur sein. Aber Vorlesen und Sprechen, miteinander, bringen es erst richtig zum Schlagen.

Dekoloniale Narration

Unter der Herrschaft des weißen Blicks ermächtigt sich Bartholomäus. Er schlägt sich selbst zum Rivalen auf dem Feld der wertenden Perspektive. Das ist zentral im "Museum der Welt". Ein Underdog geht mit großen Hunden pinkeln und kriegt auch das Bein hoch.

Hamamelis virginiana - Virginische Zaubernuss

Im 16. Jahrhundert entbrennt ein neuer Wettstreit. Europäische Seefahrer nehmen überseeische Gebiete stellvertretend in Besitz. Sie errichten Kreuze, schneiden Königsnamen in Bäume und lassen wie Mondfahrer Flaggen zurück. Die Spanier und die ihnen zunächst überlegenen Portugiesen behalten lange die Nase vorn. Um die Konkurrenz in geregelte Bahnen zu lenken, hat sich Papst Alexander VI. (Rodrigo Borgia) dazu herabgelassen, im Vertrag von Tordesillas 1494 die Welt von Pol zu Pol aufzuteilen.

Schließlich schaltet sich die regierende Tochter des Blutsäufers Heinrich VIII ein. Elisabeth I. (1533 – 1603) braucht eine eigene Route zu den Gewürzinseln. Sie ruft ihre besten Kaufleute, den Grafen von Cumberland sowie zweihundert Ritter zusammen und befiehlt die Gründung der Ostindischen Handelscompagnie. Compagnie bedeutet Brotgenossenschaft. Von zwölf englischen Kauffahrten vor 1600 verlaufen acht unglücklich. Dennoch ergibt sich für die Firma ein Gewinn von durchschnittlich zweihundert Prozent. Zum kauf- und seemännischen Gelingen rechnet man illegale Erwerbungen. Raub und Diebstahl zu Lande und auf See bestehen gleichmäßig neben geschäftsförmigen Abwicklungen und werden ordentlich vermerkt.

Hoheitlich wirkende Unternehmer schlagen Münzen, heben Truppen aus und rüsten Faktoreien. Die Privatisierung greift um sich und mit ihr die bürgerliche Emanzipation. Elisabeths Kapitäne sind amtlich bestallte Piraten, aus ihnen spricht bürgerlicher Aufstiegswille.  

Den Bestimmern der English East India Compagnie untersteht in Übersee die Gerichtsbarkeit und das Militär. Sie haben das Recht, Krieg zu führen und Frieden zu schließen. Die im Court of Proprietors (of East India Compagnie) zusammengeschlossenen Direktoren setzen Könige ein. Anspielend auf die jungfräuliche (ledig/kinderlos gebliebene) Elisabeth, nennt man die Handelsgesellschaft Hamamelis virginiana - Virginische Zaubernuss.

Ästhetik der Neugier

Mitte des 19. Jahrhunderts schalten sich Hermann, Robert und Adolph Schlagintweit in das World Wide Web der East India Compagnie ein. Ihr Vorbild ist Alexander von Humboldt. Sie orientieren sich an den Enzyklopädisten. Sie sind Philosophen und Kartografen und folglich prädestiniert für die Erfüllung eines Forschungsauftrags auf dem indischen Subkontinent, den die East India Company erteilt. Der preußische König gewährt finanzielle Unterstützung.

In Indien und den angrenzenden Ländern sammeln die Brüder vierzigtausend Objekte. Sie nehmen Lebenden und Toten Masken ab. Sie scheitern bei Erstbesteigungen und stellen trotzdem einen Höhenrekord auf. Vor allem jedoch füllen sie Tausende von Seiten. Die Notizen geraten komplett zur Auswertung nach Preußen, während einer ihrer Urheber die Heimat nicht wiedersieht. Adolph scheitert final an seinem Ehrgeiz. 

Unterstützt werden die Reisenden, so erzählt es Christopher Kloeble von einem polyglotten Waisenknaben aus Bombay (Mumbai). Bartholomäus tritt als Ich-Erzähler auf.

Christopher Kloeble, „Das Museum der Welt“, Roman, dtv, 527 Seiten, 24,-

Aus der Vorschau

Auf Empfehlung Alexander von Humboldts brachen die Gebrüder Schlagintweit am 20. September 1854 von England aus zu einer Forschungsreise nach Indien und Zentralasien auf. Im Auftrag der East India Company sollten sie sich der Erforschung des Erdmagnetismus widmen. In der Folge bereisten sie teils zusammen, teils allein den indischen Subkontinent und den Himalaya. Sie gelangten u. a. bis nach Darjiling, Bhutan, Leh, in den Karakorum, nach Nepal und ins Tarimbecken. Adolph und Robert machten einen Abstecher ins damals noch verbotene Tibet, sahen sich dann aber zur Umkehr gezwungen. Auf dem Rückweg erreichten sie bei einer versuchten Besteigung des Kamet mit 6.785 m einen Höhenrekord für die damalige Zeit.

Bartholomäus betrachtet die Deutschen mit jener kaltblütigen Egozentrik, die zu seiner Zeit den (wie in Rausch & Fieber Kulturkreise bestimmenden und) massenhaft ethnologische Feststellungen treffenden Europäern zu eigen ist.  

Bartholomäus kann auch verätzende Überheblichkeit. Man muss immer wieder darauf zurückkommen, um die Selbstverständlichkeit nicht aus den Augen zu verlieren, mit der koloniale Kategorien lange nach dem Ende des Kolonialzeitalters unsere Weltbegriffe präg(t)en. In der emanzipierten Perspektive erscheint Alexander von Humboldts Neuerfindung Amerikas als Angelegenheit im kolonialen Kontext. Humboldt bemerkt auf den venezolanischen Hochplateaus keine Denkmäler gesellschaftlicher Epochen. Der observierte Raum erfährt eine ignorante Gleichsetzung mit der Natur. Allein die Natur liefert Schauspiele. Der von Humboldt erforschte „Erdwinkel“ liegt fern allen geschichtsmächtigen Kräften.

Die Eingriffe der Eingesessenen verändern kaum ihre Umgebung. Die ethnische Diversität in den Städten bietet Gelegenheit, den Leser zu erheitern. „Die Ureinwohner tauchen nur im Kollektiv auf. Sie vegetieren im Zustand der Verworfenheit dahin.“ Ein Titel zeigt das Programm an: Pittoreske Ansichten.

Diese Neudeutung des Aufklärers Humboldt, der sich Christopher Kloeble als raumgreifender Quartiermacher des Dekolonialismus anschließt, stellt fest, dass Humboldts geografisch präzisen Schilderungen zu einer Zeit in Deutschland innovativ kursierten, als Spanien und Portugal die Kontrolle über Lateinamerika bereits verloren hatten und instabile Staaten an die Stelle der alten Ordnung getreten waren, deren offenbare Schwäche Begehrlichkeiten bei den imperialen Mächten der Alten Welt hervor riefen.

Zu denken ist an Hegel, der den Afrikanern keinen Subjektstatus zubilligte. Hegel nahm sie aus der Geschichte und unterstellte sie weißen Deutern und Gestaltern zur beliebigen Verfügung.

„Kein geschichtlicher Weltteil … keine Bewegung und Entwicklung“.

Unter der Herrschaft des weißen Blicks ermächtigt sich Bartholomäus. Er schlägt sich selbst zum Rivalen auf dem Feld der wertenden Perspektive. Das ist zentral im Museum der Welt. Ein Underdog geht mit großen Hunden pinkeln und kriegt auch das Bein hoch.

Christopher Kloeble wuchs in Oberbayern auf und studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er erhielt zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, unter anderem den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung für das beste Romandebüt 2008, ›Unter Einzelgängern‹, und für das Drehbuch zu ›Inklusion‹ den ABU-Prize für das beste TV-Drama. Er war Gastprofessor in Cambridge (GB) sowie an diversen Universitäten in den USA, zuletzt am Dartmouth College. 2012 veröffentlichte er viel beachtet den Roman ›Meistens alles sehr schnell‹, der u.a. auch in Israel und den USA erschien. Derzeit arbeitet er an der Verfilmung. Kloeble lebt in Berlin und Delhi.