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20.05.2020, Jamal Tuschick

Heimlich keltern

Molly und Ralph kommen aus der Pissnelkensphäre von Das-tut-man-nicht direkt in den Himmel über Texas oder wenigstens über Colorado. Da werden keine Shetlandponys geritten. Kenyons Cowboys betrinken sich samstags wie in jedem Western. Sie jagen zu jeder Jahreszeit, bloß nicht während der Saison, weil es dann wegen der städtischen Sonntagsschützen zu riskant ist, sich im Feld zu bewegen.

Hörner sind Warnzeichen für Artgenossen. Sie laden dazu ein, gewisse Distanzerwartungen nicht zu enttäuschen. 

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Molly und Ralph kommen aus der Pissnelkensphäre von Das-tut-man-nicht direkt in den Himmel über Texas oder wenigstens über Colorado. Da werden keine Shetlandponys geritten. Kenyons Cowboys betrinken sich samstags wie in jedem Western. Sie jagen zu jeder Jahreszeit, bloß nicht während der Saison, weil es dann wegen der städtischen Sonntagsschützen zu riskant ist, sich im Feld zu bewegen.

Jean Stafford, „Die Berglöwin“, Roman, aus dem Amerikanischen von Adelheid und Jürgen Dormagen, Dörlemann, 350 Seiten, 25,-

Molly emanzipiert sich als Dichterin in Opposition zu ihrem spitznasigen und hochnäsigen Bruder, der sich seiner Schwester in einer Weise überlegen fühlt, die einem ungedeckten Scheck gleicht.

Die Romanpanoramen wechseln einige Mal, bevor deutlich wird, dass Molly die Hauptperson ist. Auf der Ranch ihres Onkels (aus einem Besuch wird ein langer Aufenthalt) gewinnt sie die Freiheit, die ihren Charakter aufblühen lässt. Es fehlt der Nippes von Zuhause, die Körbchen, Schälchen und Deckchen, die stellvertretend auf einen lediglich behaupteten Bildungsstand und eine unerreichte Klasse hinweisen. In Claudes Welt spielt der Schein keine Rolle. Stattdessen spricht der Dung eine deutliche Sprache. Jeder Sonnenuntergang singt sein Prärielied.

Mollys Sinne knospen.

Winter- und Pferdeäpfel tragen zu den Gerüchen im Herrenhaus bei. Die frische Luft lässt sich kaum je vertreiben. Auch andere Emanationen des Draußen haben ständige Vertretungen oder zumindest lauschige Nester zwischen Natursteinmauern.

Molly über sich selbst:

„Ich bin ein Snob gewesen, noch bevor ich auch nur daran denken konnte, einer zu werden.“

*

In seinem Milieu spielt der heimlich kelternde, einen derben, wie Schnaps wirkenden Rotwein herstellenden Claude K. die gleiche Rolle wie Präsident H. Hoover für Amerika. In seinem Schatten genießen Molly und Ralph Privilegien.

„Diese frühen Junitage in den Bergen … waren noch kühl und so brannte ein Feuer im Kamin.“

Das ist der Ton, den Jean Stafford anschlägt. Er klingt nach Idylle, aber so ist das nicht. Die Autorin idealisiert nicht. Sie nummeriert lauter Verlust. Ralph verliert seine unbefangene Zeugenfreude am Kalben und Fohlen, dem dramatischen Geburtsgewitter auf einem großen Hof, während ihn seine erotischen Neigungen irritieren. Flöten geht das großartige Selbstbewusstsein, das Ralph als Enkel und Neffe gewaltiger Männer in die Pubertät geführt hat.

Etwas ist zerbrochen, seit ihm die Sterblichkeit des Menschen bewusst wurde.

Es kommt der Tag, da beginnt Ralph seinem Onkel auszuweichen und die familiären Lockrufe zu überhören. Er verweigert die besondere Vertraulichkeit beim Fischen vor Tagesanbruch. Ralph gibt nicht mehr den Ersatzstammhalter und Juniorchef, wenn Tagelöhner angeworben werden. Er beweist seine Geschicklichkeit nicht mehr beim Ausbessern der Zähne.

„An Schlachttagen (zieht) er gleich nach dem Frühstück los in die Stadt.“

Da schließt er sich schulschwänzenden Tagedieben wie in der Vorwegnahme eines Verzichts auf das Erbe.

„Ralphs Abtrünnigkeit verwundert Onkel Claude.“

Nervenkitzel der Vergangenheit

Ralph Fawett ist kaum halbwüchsig und ahnt doch schon „die lieblose Einsamkeit, die auf ihn (im Alter) wartet, wie ein mürrischer Hund.“ Der weise Knabe spielt eine Hauptrolle in Jean Stafford 1947 erstmals erschienenen Roman „Die Berglöwin“.

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„Eine kleine Stille kam zwischen uns, so präzise wie ein an der Wand hängendes Bild. A small silence came between us, as precise as a picture hanging on the wall.“ Jean Stafford

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Colorado ein Staat der Geisterstädte

In dieser Ländlichkeit hebt sich alles scharf und kantig konturiert von einem harten Himmel ab. Es gibt kein verwaschenes Blau im Landschaftsbild. Selbst die verschlissenen Arbeitshosen an den Leinen der Waschtage erscheinen nicht verwaschen. Unscharf sind allein die Trennungen zwischen Erinnerungen und Erzählungen. Die Geschwister Molly und Ralph Fawcett kennen die Ursprünge ihrer stärksten Eindrücke selten. Die Monotonie des Erlebens wiederholt sich in der Monotonie der Geschichten. „Wenn es nichts Neues zu bereden (gibt, kehrt man) zu den Nervenkitzeln der Vergangenheit“ zurück.

Die Natur wird auch von jenen als „verwegene Schönheit“ wahrgenommen, die sich mit und in ihr abplagen müssen. Die Verwegene lässt Bäume Früchte tragen, die so hart wie Golfbälle sind, und sie bringt Menschen mit dem Repertoire tauber Nüsse hervor.

Jean Stafford bringt die bulligsten Beschäftigungen mit Unschuld in Einklang, das ist vielleicht das unzeitigste Motiv. Da ist zum Beispiel Claude Kenyon. Er verkörpert animalische Kraft und bäurische Stabilität. Dazu schreibt die Autorin:

„Sein Gesicht (ist) so unschuldig … (Claude scheint) nicht zu wissen, was ihm zugestoßen war“.

Ein Beerdigungsgottesdienst rahmt die Beobachtung. Die zwanghaft rotierende Masse Mann wirkt im Stillstand deplatziert. Im Weiteren erscheint ein Sohn in den grellsten Farben auf der Beerdigung seines Vaters, der es bei aller Liebe zur Autonomie vorgezogen hat, in den Armen seiner Tochter und so auch in ihren Haus in Riverside, Colorado, weit weg von seiner Ranch im texanischen Panhandle zu sterben.

Lauter Widersprüche kulminieren in der chabrolesken Szene mit dem Kolorit des separatistischen Südens, wo man Yankees als die Fremden identifiziert und ihnen gern die brüchige Gravität eines Abraham Lincoln nachsagt, nur um die üble Nachrede nicht absterben zu lassen.

Das Territorium des spät dazugekommenen Bundesstaates Colorado war lange eine spanische Domäne. Bis in die 1860er Jahre trugen da die Weiler überwiegend spanische Namen. Die angloamerikanische Präsenz kam erst mit einem Gold- und dann mit einem Silberrausch. Dem kam nichts hinterher. Im frühen 20. Jahrhundert klapperten in Colorado die Saloon-Schwingtüren in Geisterstädten.

Der Clinch unter Geschwistern geht über freundschaftliche Rivalität hinaus

Am Romananfang laborieren Schwester und Bruder an einer Drüsenstörung, die sie ohne Nasenbluten nicht gründlich lachen lässt. Trotzdem reißen Molly und Ralph einen Witz nach dem anderen. Sie bestellen Waffenkataloge und Kaminreinigungsanleitungen, weil sie mehr fürs Praktische sind. Ihre Schwestern Leah und Rachel absolvieren schon das Damenprogramm mit der Cashmere-Bouquet-Seife.

Molly möchte ein Junge sein, und Ralph stört die Nachahmerei.

*

Dann kommt Opa zu Besuch. Jean Stafford schildert einen von einem anachronistischen Freiheitsdrang beseelten Rinderzüchter in schlechten Hosen und feiner Weste, mit dieser ausgedachten Grandezza der von Gott Selbstermächtigten.

Der wie ein Uramerikaner aussehende Ahne beunruhigt und fasziniert den Schwarm der Enkel*innen.

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