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21.05.2020, Jamal Tuschick

The Vineyard Weekend*

Mord verjährt nicht. Wurde Jacy Calloway 1971 auf Martha’s Vineyard umgebracht?  

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Ihren Freundinnen und Eltern verkauften sie ein Ferienhauswochenende rund um den Memorial-Day 1971 als Kumpelklausur. In Wahrheit waren sie aber nicht bloß drei Neunzehnjährige, die mal wieder zum Frühstück Bier trinken wollten. Die selbsternannten Musketiere Teddy, Mickey und Lincoln feierten in der Gesellschaft ihrer Königin Jacy Calloway. Die allgemein Angebetete verschwand bald unter mysteriösen Umständen.

Who done it?

Jeder könnte es gewesen sein. Auch der Insel-Kotzbrocken Mason Troyer. Alle waren scharf auf Jacy. - Und sogar Mason, der die Rolle des ungehobelten Außenseiters in einem kompliziert aufgebauten Beziehungsviereck spielte, musste sich vielleicht doch nicht als gänzlich chancenlos erachten. In seiner Version wurde er von Jacy animiert.

Die Wahrheit ist eine unaufgedeckte Lüge, heißt es in Sam Packinpahs Schwanengesang "The Osterman Weekend". Freunde treffen sich gewohnheitsmäßig in einer Idylle. Sie planschen in dem Pool, das bald einem Blutbad Raum bietet.

Mich erinnert die Spielanordnung in Richard Russos Roman „Jenseits der Erwartungen“ entfernt an *The Osterman Weekend. 

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2015 trifft der sechsundsechzigjährige Mickey Giradi, der seine Leidenschaft für Musik mit Ingenieurswissen abgesichert hat, in Chilmark* auf Martha’s Vineyard, einer Insel vor Massachusetts, zwei Jugendfreunde, die am 1. Dezember 1969 gemeinsam mit ihm in der Gefahr waren, bei einem staatlich organisierten Glücksspiel das Vietnamticket zu ziehen.

Mehr zu der Einberufungslotterie.

*Chilmark is a town located on Martha's Vineyard in Dukes County … (It) had the highest median home sale price of any town or city in Massachusetts. Wikipedia

Mickey begegnet nach langer Zeit einmal wieder Teddy Novak, der als Lehrer scheiterte und nun Kleinverleger in Syracuse ist, und Lincoln Moser. Der Immobilienmakler tritt als Gastgeber auf. Er empfängt die Freunde in seinem Ferienhaus, das an allen Ecken und Enden nachgibt. In der Nachbarschaft schlaffen vermögende Sonnenanbeter*innen auf hochtrabende Weise ab. Sie stellen angesoffene Lässigkeit zur Schau.

Richard Russo, „Jenseits der Erwartungen“, Roman, aus dem Englischen von Monika Köpfer, Dumont, 430 Seiten, 22,-

Lincoln erwägt den Verkauf des Hauses. Er fürchtet aber einen Abriss, sobald er die Sache aus der Hand gibt. Das Thema ragt wie ein Totempfahl aus seiner Familiengeschichte. Die Mutter wuchs behütet auf. Daraus ergaben sich Erwartungen, die nach dem frühen Tod der Eltern enttäuscht wurden. Das Erbe war ein Tropfen auf dem heißen Stein des vertrauten Wohlstands. Am Ende blieb das Ferienhaus übrig. Die Mutter übertrug es dem Sohn in einem Widerstandsakt gegen einen herrischen Gatten.

Lincoln setzt Verkauf mit Verrat gleich. Ich sehe etwas anderes. Das Haus figuriert als Denkmal einer ungenutzten Freiheit. Die Mutter hatte der Sicherheit den Vorzug gegeben und einen Mann zu Lincolns Vater gemacht, der zwar lächerlich war, ihr aber die Schmach eines durchgreifenden Statusverlustes ersparte. Lincoln wurde auf dieses Gleis gesetzt. Deshalb verbindet er das Haus mit einer Familienutopie. Er registriert den Unterschied zwischen seinen unverschämt-großspurigen Nachbarn, die auf dem teuersten Grund des Bundesstaates aus dem Vollen ihrer Privilegien schöpfen, und sich, dem Spießersohn, der sich einst umsichtig verlobte (und so vernünftig verlobt) auf Jacy scharf war.

In der Gegenwart von 1971 spielt Jacy mit den Musketieren. Sie ist auch verlobt, und zwar genauso wie Lincoln mit der Sicherheit persönlich. Ihr Künftiger, ein angehender Jurist und praktizierender Katholik, trägt das Haar kurz. Sie erregt Teddy im Meer. Wasserkälte und Erregungshitze paaren sich in der Schilderung. Ich habe vergessen, wie das ist. Aber ich glaube, Kälte dominiert jede Empfindung. 

Illuminierter Furunkel – Rückblende auf die Kindheit

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Ein Mangel an physischer Attraktivität gleicht dem gesenkten Daumen Gottes. Teddys Vater beeindruckt den Sohn mit der Fähigkeit, eine feindliche Fremdwahrnehmung im Rahmen der nachbarschaftlichen Exzellenzdebatte mit „herrlicher Schärfe“ zu überbieten. Die fatale Bereitschaft zur Zustimmung begleitet ein Achselzucken, das von großartiger Unabhängigkeit (innerer Freiheit) künden soll, aber doch nur eine Neigung zur Vermeidung von Konflikten veröffentlicht. Das Programm will der alte Novak weitergeben. Teddy verweigert die Gefolgschaft, obwohl auch ihm der Biss fehlt.

Ich erzähle das noch mal anders. Teddy wächst mit der Einsicht auf, von Nieten als Niete gezeugt worden zu sein. Andere meiden ihn so wie er sie. Zum Trost heißt es, er sei besonders intelligent. Zum Glück glaubt das Teddy nicht. Er liest viel. Also behauptet die Familienlegende, er lese gern. In Wahrheit fehlt der Fernseher im Haushalt. Soweit, so schlecht.

Dann kommt die Pubertät. Teddy platzt aus der Kinderpelle und präsentiert sich von einem Tag auf den anderen als Recke mit mächtigen Schultern. Er avanciert zum Topscorer der Basketballschulmannschaft. Bald kriegen seine Rivalen spitz, dass Teddy nicht attackiert. Die Aussicht auf einen Ellenbogenstoß hält ihn auf Abstand. Der Vermeider bricht durch die prächtige Schale. Die „lächerliche Gestalt“ seines Vaters verschafft sich Geltung im Sohn.

Novak Senior rät zur Aufgabe. Hau in den Sack. Überlass den blöden Sportskanonen die Bewunderung der schönen Cheerleaderinnen und popele dich weiter durch die Literatur. Noch träumt Teddy dagegen an. Er sieht sich als Akteur eines kontaktarmen Spiels voller Täuschungen & Drehungen.

Die Wahrheit ist, der Trainer will im Verein mit allen anderen die nächste Riege Brecher aus dem Durchschnitt filtern. Er fördert Spieler, die ein arrangiertes Verhältnis zur Konfrontation haben. Typen wie Nelson, der als Teddys Erzieher fungiert und dessen pädagogischer Eros sadistisch aufgeladen ist. Ich weiß nicht, wie oft ich diese Geschichte schon gelesen haben. Egal, wie man sie ausführt, die Teddys lassen sich kaum je retten.

Gucken wir uns Mickey Giradi an. Die irisch-italienischen Eltern sind „stramme Patrioten nicht nur am 4. Juli“. Der Vater zog die Laufbahn des gewerkschaftlich sattelfesten Rohrlegers einem Studium vor. Mickey genießt als männlicher Solist unter sieben Schwestern enorme Privilegien. Er reißt sich kein Bein aus. Mr. Easy nennt ihn die Mutter.

Mickey spielt Gitarre in einer Band. Dem rustikalen Vater entlockt er die Erlaubnis, am „humanistisch ausgerichteten“ Minerva College „an der Küste von Connecticut … Gitarre als Hauptfach“ belegen zu dürfen.

Lospech - Zurück auf Los

Vierundvierzig Jahre nach Jacys Verschwinden auf der teuren Insel rollt Lincoln den kalten Fall noch einmal auf. Er besucht einen pensionierten Polizisten und löst so eine interessante Reaktion aus. Die Ereignisse von Damals melden sich halluzinatorisch zurück. Der selbstermächtigte Privatermittler betritt die Arena eines bösen Fiebertraums. Seit Jahrzehnten begleiten ihn unerklärliche Erinnerungslücken. Teddy blickt in eine Vergangenheit voller Erektionsstörungen, die er auch vor Jacy nicht geheim halten konnte. Mickey will nur Bier, Bratwurst und Blues. Er ist in seiner Adoleszenz steckengeblieben.

Alle sind schlecht gealtert. Keiner macht eine gute Figur.

Jeder könnte es gewesen sein, auch der Insel-Kotzbrocken Mason Troyer. Alle waren scharf auf Jacy Calloway. Sogar Mason, der die Rolle des ungehobelten Außenseiters in einem kompliziert aufgebauten Beziehungsviereck spielte, musste sich vielleicht doch nicht als gänzlich chancenlos erachten. In seiner Version wurde er von Jacy animiert.

In einer schmerzlichen Zwiesprache erreichen Teddy und Lincoln unversehens den Grund für den Überglanz der letzten relevanten Jugendkonstellation. Er bleibt trotzdem versunken wie etwas, das sich technisch nicht heben lässt. Der Grund ist (immer noch) Jacys Zugänglichkeit. Sowohl Teddy als auch Lincoln bedurften des Zuspruchs und der Ermutigung. Von einer Schönheit ermutigt worden zu sein: das gewinnt in der Retrospektive seine schicksalhafte Bedeutung zurück. 

Im Präsens der Virulenzzeit

Jacy erlaubt es den Verlierern, über ihre Verhältnisse lässig zu sein. Ihr Verlobter bringt es nach Jacys Verschwinden in einer Konfrontation auf den Punkt: Wie konntet ihr es wagen, euch in Jacy zu verlieben.

Investigatives Intrigieren

Jetzt wird es spannend. Nur Mickey steht im Mai Einundsiebzig unmittelbar vor der Einberufung, die er seinem Lospech verdankt. Nach der großen Erzählung seiner Familie hat jede Generation ihren Krieg. Mickeys Vater bestimmt die Marschrichtung, indem er allen Einwänden den Wind aus den Segeln bläst: Die Gründe und das Ziel sind immer verkehrt. Die Vorgesetzten sind immer Idioten. Die Regierung handelt immer gegen die Interessen der einfachen Leute. Trotzdem „duckt man sich nicht weg“. Gestempelt von diesem gusseisernen Imperativ sieht Mickey dem Wehrdienst in Vietnam bis zu dem ominösen Wochenende fatalistisch entgegen. Doch kaum ist Jacy verschwunden, entpuppt er sich als Verweigerer und löst das Ticket nach Kanada. (Auch diese Variante unterläuft ein Gegentext, in dem Mickey von langer Hand plant, sich mit Jacy abzusetzen.)

Der Sinneswandel wird im Nachgang zum Mysterium für Teddy und Lincoln. Misstrauen tritt ein und macht sich breit im Haus der Freundschaft. Es weckt die Erfassungsorgane von Andeutungen und Doppeldeutigem aus dem Tiefschlaf der Gleichgültigkeit. Man ist alarmiert.

Es lässt sich kaum mehr zusammenfassen, ohne zu viel preiszugeben. Ein Gesellschaftsstück wird zum Krimi.  

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