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21.05.2020, Jamal Tuschick

documentasplitter 11

Klaus Baum erinnert sich

Es war der Tag, an dem Hans Eichel kam. In Begleitung von Hilmar Kopper. Beide hatten ihre Frauen dabei an jenem Tag im August 1992. Jan Hoet sollte die erste Führung übernehmen, aber er hatte keine Lust und wollte sie auf mich abschieben. Eichel passte das aber gar nicht, und er zischte Jan durch seine zusammengebissenen Zähne an, auf der Stelle seinen Pflichten nachzukommen. Wir einigten uns dann darauf, dass Jan die Vormittagsführung und ich die Nachmittagsführung übernahm. Treffpunkt war die Garderobe vorn im Eingangsbereich der documenta-Halle. Als Uhrzeit gab man mir halb drei vor.

Ich war dann pünktlich am angegebenen Ort - und wartete und wartete. Ging auf und ab, wurde nervös und ungeduldig, überlegte mir, ob ich nicht einfach gehen sollte, fürchtete aber für mich unangenehme Konsequenzen, denn wer lässt schon einen Ministerpräsidenten des Landes Hessen und einen Vorstandsvorsitzen der Deutschen Bank stehen. So harrte ich aus. Die Führungspersönlichkeiten kamen dann schließlich doch noch mit etwa siebzig Minuten Verspätung und hielten es nicht einmal für nötig, sich zu entschuldigen. Ich schluckte meinen Frust herunter, wanderte mit der auserlesenen kleinen Gruppe durch die documenta-Halle und anschließend zur Neuen Galerie. Das einzige, was ich inhaltlich erinnere, sofern es die Kunst betrifft, ist, dass Hilmar Kopper eine kritische Bemerkung über den Quader von Gerhard Merz machte, über den Quader, der in der Eingangshalle der Neuen Galerie stand und Massivität von Travertingestein vortäuschte. Ihn erinnere das ans 3. Reich, womit Kopper etwas erspürte, das für Gerhard Merz charakteristisch ist, nämlich der Hang zur Ausgrenzung.

Dass es nicht die Aufgabe der Kunst sei, das Leiden an der Existenz zu artikulieren, gehört zum Programm von Merz, der sich bewußt unter anderem auf Mondrian beruft. Fragt man ihn nach seinem Kunstverständnis, spult er mit dem Charme eines Anrufbeantworters Ad Reinhardts Satz ab: „Kunst ist Kunst, und alles andere ist alles andere.“ So ergeben sich zwei voneinander getrennte Sphären: hier das Leben, dort die Kunst. Für Merz haben Psychoanalyse und Ökologie nichts in der Kunst zu suchen. Ihre einzige Aufgabe besteht für ihn darin, „das absolute Ideal und die absolute Reinheit des Denkens (zu) repräsentier(en) (…). Dadurch“, so folgert er, hätte die Kunst „überhaupt nichts mehr mit dem Leben zu tun, sondern (sie liefere) den Beweis, daß ein Mensch imstande ist, ideale Figurationen zu denken, ohne dass er etwas davon hat“.