MenuMENU

zurück zu Main Labor

22.05.2020, Jamal Tuschick

Eingebetteter Medieninhalt

1915 errichten die Briten auf Zypern in der Gegend von Famagusta ein Kriegsgefangenenlager. Ab August 1946 internieren sie in dem maroden Verhau jüdische Migranten, nachdem sie dazu übergegangen sind, Schiffe aufzubringen. Mit militärischen Mitteln unterbrechen sie die Passagen von Passagieren auf dem Weg nach Palästina. Bald platzt das Lager aus allen Nähten. Deshalb wird in Karaolos ein neuer Schauplatz britischen Versagens eröffnet. Auf die Traumatisierten des Holocaust wirkt die Internierung wie noch ein wahr gewordener Albtraum. In London ist man peinlich berührt.

Auf dem absteigenden Ast fürchtet die Weltmacht nichts mehr als eine schlechte Presse

Das Empire bröckelt, die Zeit der Selbstherrlichkeit endet mit lauter Verlusten. Während Großbritannien die Weltbühne verlässt, sucht Ari ben Kanaan seine Chance. Der Aliyah Bet-Agent weiß die Klemme zu nutzen, in der die unterhöhlte Mandatsmacht steckt. Großbritannien wird mit den gleichen Methoden angegangen, die einst in der Regie von Großbritannien zum Niedergang des Osmanischen Reichs führten.

Aktivist ohne Asterisk

Leon Uris, „Exodus“ – Das Mainlabor analysiert Trivia, die Eingang in die israelische Staatsgründungsmythologie gefunden hat.

Die sagenhafte Geschichte mit dem biblischen Titel beginnt nostalgisch. Der amerikanische Korrespondent Mark Palmer landet 1946 auf Zypern. Auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel erinnert er sich an seine Jugendliebe. Kitty Fremonts hyperamerikanische Perfektion hob wie ein verätzender Spiegel seine Unzulänglichkeit hervor, solange beide im Zustand der juvenilen Gnade das Fest der körperfrischen Unwissenheit feierten.

Mark erinnert sich ganz schön lange. Er kommt gerade von den Nürnberger Prozessen, aber auch aus Palästina. Offenbar gelingt es ihm gleichzeitig überall zu sein, und stets ist auch „ein Mädchen von der UNO (da), eine leidenschaftliche Französin“, mit der man sich in der einzigen American Bar weit und breit zeigt, wo „die Kollegen von der Presse“ abhängen.

Während sich Mark einem somnambulen Zustand zwischen Traum und Schwärmerei überlässt, taucht Ari ben Kanaan kernig aus dem Meer auf und raucht erst mal eine. Der Agent erklärt:

„Die Zentrale hat mich hierhergeschickt, eine Massenflucht aus den Lagern zu organisieren.“

Wie ein Turm so groß und breit steht Ari über Männern, deren Kleinmut sein größtes Problem ist. Dem Sinn nach sagt Ari ben Kanaan zu den Schwankenden: Scheißt auf den Stacheldraht, die Wachen und das Meer. Wir gehen da rein und entweder gehen wir drauf oder wir holen die Leute raus.

Er weiß, dass die Briten auf Zypern am Ende sind. Ihnen kommt gerade der koloniale Hochmut abhanden. Sie delegitimieren sich täglich, indem sie Leute internieren, die aus Lagern kommen. Sie schlafen so schlecht wie Verdammte. Die ihrer Aufsicht Unterstellten tragen aber einen Hoffnungskeim in sich, der sie immun macht gegen alle Widrigkeiten.

Dem Unterhaltungsschriftsteller Uris gelingt es besser als manchem Vertreter der Hochkultur den springenden Punkt anzusteuern. Ari ben Kanaan weiß, dass die Mandatsträger nur noch ihre Hosenträger abschnallen und nach Hause wollen. Vor allem wollen die Briten keine Bilder von Verfolgten des Nationalsozialismus hinter englischem Stacheldraht.

Uris‘ Helden berufen sich auf Bar-Kochba. Sie formulieren einen zeitlosen Plural. So wie wir gegen die Römer gekämpft haben, kämpfen wir nun …

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen