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23.05.2020, Jamal Tuschick

Frenetisches Selbst

Acht Jahre recherchierte Lisa Taddeo das Sexleben und die -phantasien von Frauen und Männern. Manchmal zog sie in die Stadt, in der eine Informantin lebte. Sie machte Yoga mit den Befragten. In Medora, Nord Dakota, öffnete sich ihr Maggie May Wilken. In Newport begeisterte sich die Edelswingerin Sloane Ford in einer YouPorn-aromatisierten Preisgabe ihrer Intimität.

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Eines Tages bemerkt eine Arztgattin zum ersten Mal, dass sie im Leben eines Fremden eine sexuelle Rolle spielt. Jeden Tag heftet sich ein Mann an ihre Fersen, um in ihrem Rücken zunehmend weniger diskret zu masturbieren. Offensichtlich involviert er sie in das Geschehen. Er erheischt wortlose Zustimmung, verkürzt die Abstände und erwirkt eine umfängliche Zeugenschaft. Es ergibt sich eine Routine. Dem seriellen Übergriff, der andauernden Grenzverletzung folgen Interventionen, die ein wachsendes Einvernehmen suggerieren. Das Szenario gewinnt Kollaborationscharakter. Das Opfer distanziert sich von der Kontinuität mit seelischen Ausweichmanövern. Es rechnet nicht mit Verständnis von außen. Die Ignoranz der Umwelt übernimmt es als Selbstbehauptung.

Lisa Taddeo, „Three Women - Drei Frauen“, aus dem Amerikanischen von Maria Hummitzsch, Piper, 416 Seiten, 22,-

Lisa Taddeo schildert so eine Erfahrung ihrer Mutter in den 1960er Jahren. Die Täter- und Opferkonturen verschwimmen in Beschreibungen, die keine legalen Anker in der Gegenwart haben. Das Erzwungene firmiert als Episode aus dem Mittelalter der Nachkriegszeit.

Taddeo gelingt es nicht, ihre Mutter als unter Druck gesetztes Subjekt zu dechiffrieren. Die Autorin wiederholt Stilfiguren des Befremdens und der geleugneten Krise in der Konsequenz eines verbotenen Begehrens. Noch nicht einmal das retrospektiv Naheliegende stellt sie fest: dass die Opferscham die Täterunverschämtheit in den Schatten stellte, und diese Relation im Futteral der Gepflogenheiten keine Mühe hatte, sich zu behaupten.

Interessanterweise verweigert die Mutter die Preisgabe der Scham. Sie rechnet den Verbrecher zu den Männern ihres Lebens, angefangen bei dem Grausamen, über den Reichen, bis zu ihrem Gatten, dessen körperliches Verlangen nach seiner Ehefrau lange groß bleibt.

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Den „Flow der Welt“ genießt Sloane Ford bei einem „schwarzen Sägebarsch mit Spargelbohnen“ in einem Spitzenrestaurant. Ihr Tischherr ist für die Liebe zu versnobt, aber der Koch nimmt Sloanes Komplimente mit einem Katerschnurren entgegen. Weiter im Text von Lisa Taddeo, „Three Women - Drei Frauen“

Sie kommt in der New Yorker Upperclass zur Welt und geht in der Bronx zur Schule. In der 1887 gegründeten Horace Mann Schmiede kleidet man jene in Eisen und schlägt sie zu Rittern, die Schild & Schwert des Staates tragen können. Den künftigen Gouverneuren und Generalstaatsanwälten entgleitet Sloane in die Kellnerinnen-Sphäre. Der Service: das ist ihr Fieber. Sie liebt Tischpolitik und brennt für Tipp. Die Herzlosigkeit der Gastronomie kommt ihrem labyrinthischen Wesen entgegen. Intuitiv weiß sie, wie die Fallen an der Porzellanfront aufgestellt werden. Sie begreift eine simple Schnappmechanik mit dem kalten Auge der Prädestinierten. Ihr Lächeln tötet die Reserve jeder Männerrunde. „Mehrere zusammengefaltete Zwanziger lasziv unter ein Whiskeyglas geklemmt“ sind Beute.

Sloane nimmt die Tische ein. An der Speerspitze ihrer zuvorkommenden Diensteifrigkeit (freundlichen Übernahmen) hängen die Skalps der Überspielten. Nach der Schicht geht sie mit „finsteren chaotischen“ Bassisten aus. Eines Tages begegnet Sloane einem Koch aus Leidenschaft. Richard verführt die Berufene mit einer Matzeknödel-Session. Ein glänzender Edelstahltisch spiegelt sein „markantes Kinn“. Sloane und Richard pulverisieren Matzen zu Mehl. Der Ober-Groover „hat schon Knoblauch, Salz und Backpulver bereitgestellt“. Er weiß, worauf es ankommt. Dill, Eier, Schmalz. Sloane mag es, „wenn man Entscheidungen für sie trifft“.

Es kommt der Morgen, an der sich die Frage stellt:

„Findest du, wir sollten exklusiv füreinander sein?“

Frenetisches Selbst

Ihr Selbstbewusstsein kann Leute erschrecken und vor den Kopf stoßen. Sloanes Erscheinung blendet wie die Sonne im Spiegel. Sie trägt Super-Woman-Stolz zur Schau und strotzt vor Energie. Ihr frenetisches Selbst erscheint kosmisch in Newport, wo sie sich mit Richard niedergelassen hat. Zwei in den Fußstapfen der Mutter schlingernde, gemeinsame Töchter sind längst aus dem Gröbsten. 

Sloane und Richard führen ein Restaurant. Er verwirklicht sich in der Küche, sie geht mit den Gerichten zu den Gästen und brilliert an den Tischen in der „Diplomatie des Bedienens“.

Lisa Taddeo mischt das Milieukolorit. Newport liegt an einem Mündungstrichter des Rhode Island Sounds. Die Postkartenidylle vor der Haustür heißt Narragansett Bay. Man alltagt, wo andere Urlaub machen. Sloane schwitzt lieber im Fitnessstudio als den Nachbarinnen ihrer Kragenweite mittags an einer kollegialen Salatbar den sozialen Puls zu fühlen.

Sie hält sich im Flow.  

Sie trägt knöchellange Kleider. Sie hat „sehr schönes haselnussbraunes Haar“. Sie schwebt auf einem Luftkissen anspruchsvoller Zugänglichkeit. Sie verkörpert kesse Klasse. Taddeo sagt es so: Sloane ist eine schlanke Vierzigjährige mit dem „Gesicht einer Studentin aus einer Verbindung – es schreit förmlich nach Rummachen“.

Sie schmeißt den Laden. Sie sieht zu, wie Richard Sex mit einer anderen hat. Zu betrunken darf sie nicht sein, wenn er auf diese Weise „nur seinen Spaß hat“. Sie hat ihn geheiratet, weil er „selbstsicher, stark und mächtig ist“.

In Newport begeistert sich Sloane Ford in einer YouPorn-aromatisierten Preisgabe ihrer Intimität.

Das Zauberwort der komplexen Kommunikation lautet Achtsamkeit. Das Wort schäumt auf den Wellenkämmen des Jetzt. Alle zwanzig, dreißig Jahre gewinnt es die Bedeutung eines Leitbegriffs, und zwar immer dann, wenn die Batterien kommunaler Lebensformen leer sind und die Egoshooter mit ihren Guru-Texten nach vorn drängen. Zurzeit motiviert sich der neoliberale Gunner mit solchem Eso-Schmock.

Achtsamkeit sagt: Ich werde überleben, weil ich in der Vorausschau effektiv bin. Sloane macht einen Kult aus dem Wort. Sie tanzt um das falsche Kalb:

„Selbst wenn er diese andere Frau fickt, muss er in Gedanken dich ficken. Jeder Stoß geht durch diese Frau hindurch und in dich hinein.“