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26.05.2020, Jamal Tuschick

documentasplitter 13

Consciousness Industry - Klaus Baum erinnert sich

Edward F. Fry (links) im Gespräch mit Gerhard Richter (c) Klaus Baum

Ich habe im Vorfeld der documenta 8, parallel zu meiner Assistenz für George Trakas, Übersetzungen aus dem Englischen für den Katalog angefertigt. Darunter auch einen Text von Richard Serra, der behauptete, alle menschliche Tätigkeit und alles Denken sei Ideologie. Ich teilte dem Verfasser mit, dass ich das im Deutschen so nicht übernehmen könne, denn die westdeutsche Philosophie verstünde unter Ideologie falsches Bewußtsein. Deshalb könne man auch nicht sagen, jede Art von Landschaft sei Ausdruck einer Ideologie. Kurze Zeit später traf ein Fax in der Katalogredaktion ein. Es stammte von der Frau von Serra, die sich als deutsche Kunsthistorikerin entpuppte. Sie ging auf meine Argumente nicht ein und beschimpfte mich als verklemmten Korinthenkacker. Das Fax war auf Deutsch.

Ein zweites Beispiel aus der Katalogarbeit betrifft Manfred Schneckenburger. Er ließ es sich nicht nehmen, alle Übersetzungen zu kontrollieren und zu korrigieren. Ich hatte in einem Text von Edward F. Fry den Begriff "Consciousness Industry" übersetzt mit "Bewußtseinsindustrie". Aus dem, was Fry geschrieben hatte, ging deutlich hervor, dass er Hans Magnus Enzensberger sehr gut kannte, der wiederum den von Horkheimer/Adorno geprägten Begriff der "Kulturindustrie" (siehe Dialektik der Aufklärung) abgewandelt hatte. Und obwohl Schneckenburger die Dialektik der Aufklärung oft zitierte und er es besser hätte wissen müssen, veränderte er den Begriff Bewußtseinsindustrie in "Meinungsmacher". Für mich war das damals sehr irritierend, ich hatte das Gefühl von einem Machtkampf auf dem Papier. Christian Bromig, der damals auch in der Katalogredaktion arbeitete, korrigierte Schneckenburger und verhalf Fry/Enzensberger zu ihrem Recht.

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